Interview mit Didi Wunderle

Didi WunderleHeute Abend haben wir wieder jemanden im Interview. Diesmal ist es Didi Wunderle. Wer ist Didi Wunderle? Didi ist seit November 2006 in Second Life® und schon eine kleine Berühmtheit. Neben seinen Tätigkeiten als SL-Autor (Ausgabe 6 Hello SL) ist er begeisterter SL-Segler. Außerdem beschäftigt er sich mit Avataranimationen, insbesondere mit dem Thema Tanz und Second Life®. Im RL ist er Ingenieur bei Volkswagen und arbeit dort in Projektteam für die Digitale Fabrik, bei der komplexe Fertigungsprozesse simuliert werden.

Avameo:
Hallo Didi, vielen Dank das Du für ein Interview zur Verfügung stehst. Du hast uns sogar einen SL-Video von Dir mitgebracht. Vor einiger Zeit hatte ich schon ein Interview TJ Ay von der SIM Ebersberg. Er hatte damals schon einen Video von Dir mitgebracht aus dem Club Salsa en Cielo. Was genau machst Du da und wie steht Ihr in Kontakt?

Didi Wunderle:
Fangen wir mit dem Kontakt zu TJ an. Den Salsa en Cielo hatte ich kennen gelernt, als ich mal eines Abends etwas Abwechslung bei einem Salsa suchte. Der Club gefiel mir, so kam ich dann öfters und lernte darüber dann auch den Besitzer kennen. Der Kontakt intensivierte sich als ich dort einen Shop anmietete. Seither unterhalten wir uns gelegentlich. Teilweise mit privatem Geplauder, teilweise um über den Club, seinen Ausbau und seine Zukunft zu reden. Ich finde, dass so gute Bekanntschaften zusammenkommen, man plaudert nicht nur oberflächlich, sondern arbeitet auch noch an gemeinsamen Zielen. In RL haben wir und noch nicht getroffen, trotzdem verbindet mich mit ihm nur über den SL Kontakt so etwas wie eine Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen.

[PAUSE]

Didi Wunderle:
Warum ich das Video mache?

Avameo: ja

Didi Wunderle:
Bei meinem Einstieg in SL war einer meiner ersten Eindrücke, dass sich Second Life® im wesentlichen daduch von anderen Internet-Kommunikationsplattformen unterscheidet, dass es zusätzlich das Element der Körpersprache hinzufügt. Wie man sich zueinander stellt ob frontal oder schräg, welche Entfernung man einnimmt, stellt man sich neben Person A oder Peron B in einem Dreiergespräch – diese Elemente verstärken den Ausdruck des Chats wesentlich.

Avameo:
Da erinnere ich mich an unser erstes virtuelles Zusammentreffen in SL. Du suchtest für deine Frau jemanden, der die hilft ein Vendor-Objekt zu programmieren, um ihre RL-Bilder auch in SL zu verkaufen. Anschließend hatten wir eine sehr interessante und tiefere Konversation über Kybernetik, Emergenz, Selbstorganisierende Systeme bis hin zum Konstruktivismus. Zum Schluss verabschiedeten wir uns mit einer Animations-Geste. Es war ein asiatischer Gruß. Jeder von führte seine Handflächen zusammen und wir verneigten uns voreinander. Das beeindruckte mich damals sehr. Meinst Du auch solche Elemente der virtuellen nonverbalen Kommunikaton?

Didie Wunderle:
Ja, ich denke die nonverbale Kommunikation bringt ein besonders tiefes Element der Emotion in den Umgang bei SL. Ich unterhalte mich ja neben den Tanzübungen auch über privates mit den Damen der Tanzgruppe. Viele berichten, sie hätten sich schon wirklich über SL verliebt.

Körpersprache kommt mit Tanz besonders zum Ausdruck, daher habe ich mir vorgenommen, mich besonders um diese Ausdrucksform zu kümmern. Teils dadurch, dass ich selber Animationen erstelle, teils, dass ich vorhandene Animationen verwende und in Scripten durch Menügeführte Steuerungen der Animationen untersuche. Gerade die Mitglieder der Tanzgruppen sind im Umgang mit der Ergonomie solcher Dialoge sehr hilfreiche und engagierte Partner. Sie haben Spaß, Verständnis für die Unzulänglichkeiten von Second Life® und sagen mir schon sehr deutlich, wenn die Bedienung der Tanzprogramme nicht so einfach gestaltet ist, wie sie es gerne hätten. Daher arbeite ich gerne mit ihnen zusammen.



Zum Thema Konstrutivismus, vielleicht eine Anmerkung von einem Gespräch gestern Abend. Eine Dame erzählte, sie hätte sich gleich in der ersten Woche in SL in einen männlichen Partner verliebt und wurde innerhalb einer Woche herb enttäuscht. Wir haben längere Zeit derüber gesprochen. Dabei wurde mir klar, dass man in SL noch stärker als in RL ein eigenes Bild seines Gegenübers aufbaut. Man sieht ja nur einen simplen Avatar, der fast eine Karikatur des Gesprächspartners ist. Aus einzelnen Elementen baut man sich ein inneres Bild des Gesprächspartners auf und knüpft daran seine Einstellung zu dieser Person. Dies können Teile seines Aussehens, Verhaltens oder Dialoges sein. Alle drei Elemente sind wesentlich stärker komprimiert als bei einer RL-Begegnung, so dass man sich leicht ein verzerrtes Bild des Partners aufbaut, in das man eigene Gedanken hineininterpretiert.

Avameo:
Verkaufst Du denn noch Bilder für deine Frau?

Didi:
Von den Bildern meiner Frau verkaufe ich nur sehr wenig, etwa eines im Monat. Einmal ist der Wettbewerb in SL sehr groß – es gibt unzählige gute Galerien. Zum anderen ist es ja kein Problem, die Bilder einfach zu fotografieren, statt sie zu kaufen.

Avameo:
Wir müssen ja augenblicklich dieses Interview leider über Skype führen und können das aufgrund technischer Probleme nicht InWorld tun. Man kann sich derzeit nicht einloggen! Wie siehst du die aktuelle negative Berichtserstattung über Second Life®? Gibt es für Dich derzeit alternative Metaversen? Avameo berichtet ja ständig über Alternativen, die langsam wie Pilze aus dem Boden sprießen!

Didi:
Ich denke auch das ist ein Problem des überzogenen Bildes, das viele von SL haben. Real betrachtet ist es für viele ein Hobby wie eine Modelleisenbahn oder eine Puppenstube, nur dass man nicht für sich im Keller alleine arbeitet, sondern seine Werke der Welt zeigen kann und nebenbei noch Kontakte knüpfen und gemeinsame virtuelle Erlebnisse haben kann.

Ich habe die Alternativen noch nicht ausprobiert, da ich noch keine Gelegenheit hatte. Werde das aber nachholen.

Avameo:
Didi, was machst Du im RL?

Didi Wunderle:
In RL bin ich Ingenieur bei Volkswagen. Dort arbeite ich im Projektteam für die Digitale Fabrik. diese ist eine virtuelles Abbild der realen Fabrik in der Funktionen virtuell untersucht werden können, um Probleme im Vorfeld abzufangen. Die Systeme dort sind natürlich wesentlich professioneller als SL, das sind richtige 3D-Modeller und zahlreiche Simulationsprogramme. Meine Aufgabe in dem Projekt ist das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten der Digitalen Fabrik zu koordinieren. In SL habe ich einen kleinen Ausblick, wie die verschiedenen elemente der 3D-Modellierung, Simulation und Kommunikation zusammenwachsen können und so den kreativen Prozess der Fabrikplanung effektiv zu unterstützen.

Avameo:

glaubst du, das es eines Tages möglich sein wird, Eure realistisch physikalisch simulierten Modelle in einer Art 3D-Internet wie Second Life® abzubilden? Wenn ja, wie viele Jahre werden wir Deiner Meinung dazu noch brauchen?

Didi Wunderle:
Ich denke schon, dass dies grundsätzlich möglich sein wird. Ich kann mir auch vorstellen, dass dieses einen Nutzen bringt, da ich hier ja schon in SL erlebe, dass man ganz anders empfindet, wenn man „persönlich“ in einer virtuellen Welt agiert, als nur die virtuelle Welt visuell zu empfinden. Die Arbeit auf der Tanzbühne, die Koordination der Mitspieler, die Gestaltung der Hilfsmittel, das Empfinden bei der Durchführung, das ähnelt schon der Gestaltung eines Arbeitsplatzes in der Fabrik, nimmt es aber spielerisch vorweg.

Wann es professionelle Werkzeuge gibt, die diese Effekte unterstützen ist schwer zu prognostizieren. Einmal ist natürlich bei der Hardware und Leitungsstabilität einiges zu tun, dann bei den Programmfunktionen und zu guter letzt in der Bedienergonomie. Ich schätze, es wird noch einige Jahre dauern, bis Fertigungsplaner ihre Fabrik mit einem virtuellen Avatar begehen und vielleicht gemeinsam mit den Werken Arbeitsprozesse vorplanen, um sie zu optimieren oder damit Schulungen und Problemanalysen durchführen.

Insgesamt denke ich aber, dass einzelne Elemente, wie z.B. die Verwendung eines Avatars, schon in absehbarer Zeit in die professionellen Planungsprogramme übernommen werden können. Mir ist aber zurzeit kein aktuelles Projekt bekannt, bei dem das vorbereitet wird.

Avameo:
Einer meiner Schlüsselerlebnisse war die gemeinsame Interaktion bei der Realisierung von Kundenprojekten, das Team interagiert tatsächlich im virtuellen Raum zusammen. Man entwickelt sozusagen den 3D-Content gemeinsam und kann beim entstehen zuschauen. Wenn es möglich wäre auf diesem Wege „normale“ Software-Anwendungen zu bauen, dann glaube ich, würden wir eine neue Qualität in der Softwareentwicklung erreichen. Ich kann mir dies aber bei der herkömmlichen Softwareentwicklung nicht vorstellen. Oder ist Extreme Programming schon eine Art dieser Form? Was denkst Du darüber?

Didi:

Die gemeinsame Interaktion im 3D- Raum ist schon ein starkes Element von Second Life® und ermöglich neue Formen kreativer Prozesse. Hier können neue Formen der Teamarbeit entstehen. Aber auch hier gibt es die natürlichen Grenzen der kreativen Teamarbeit. Wie weit sind die Mitwirkenden teamfähig, stellen die eigenen Vorstellungen hinter das Teamergebnis und akzeptieren eine Kompromisslösung? Diese menschlichen Eigenschaften mag auch SL nicht zu überwinden. auch hier sind Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Unterstellungen und versteckte Ziele möglich, die einen kreativen Anfang in einem menschlichen Desaster aufgehen lassen können. Hier kommt wieder das Element der Körpersprache zum Einsatz. Man kann sein Gegenüber mal beruhigend in den Arm nehmen, einfach mal einen Luftsprung machen etc. und damit durch Gestik eine Meinung äußern, die sonst viele (vielleicht auch wieder falsch interpretierte) Worte erforderlich machen würden. Allerdings ist das Gestik-Repertoire von SL noch sehr rudimentär. Der Avarar ist ja sehr klein, so muss man, um gesehen zu werden, die Gesten überzeichnen. Da erinnert dann vieles an die Übertreibungen aus der Stummfilmzeit. Wie weit der Sprachchat, mit den nonverbalen Wirkungen der Stimme die Möglichkeiten erweitert, erprobe ich grade.

Einen besonderen Zusammenhang zwischen den Programmiermethoden wie Extreme Programming oder agilen Methoden und der animierten 3D-Welt sehe ich eher weniger. Diese sind natürlich auf die Methoden des Scriptings in Second Life® übertragbar, in einigen Fällen mag es aber Einflüsse bei Testzyklen und Optimierungsrunden geben. Mir einem Metaversum sehe ich aber durchaus die Option, aufbauend auf diesem Methoden weiterführende Programmiertechniken zu entwickeln.

Avameo:
Vielen Dank, Didi für das Interview … und vielen Dank für den Film den Du uns mitgebracht hast! Wollen wir hoffen, dass wir uns bald wieder in SL einloggen können!

Über Andreas Mertens

Andreas Mertens aka Patrick Wunderland (SL) ist Initiator von avameo und schreibt seit 2006 für diesen Blog.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*