Grenzen

Die Auseinandersetzung mit virtuellen Welten, dem Cyberspace, der Kybernetik, der Kybernetik 2. Ordnung, die zunehmende Virtualisierung und der Konstruktivismus stellt uns täglich vor neue Herausfordernungen! Nämlich nicht Wahnsinnig zu werden (!)

So stelle ich in der kommenden Printausgabe mein Metamodell W-I-K-T für die qualitative Bewertung von Web.3D-Plattformen im Detail vor. Dort heißt es:

Second Life® implementiert monetäre wie nicht monetäre Wertschätzungsmechanismen

Damit meinte ich zum einen, dass man über eine Linden-Dollar-Transaktion eine monetäre Wertschätzung zum Ausdruck bringen kann. Nicht monetäre Wertschätzung kann u.a durch das Abspielen einer „In-Die-Hände-Klatsch-Animation“, einer „Umarmungs-Animation“ oder durch die Schenkung eines virtuellen 3D-Objektes geschehen.

Nun bekam ich ein Feedback, das aber die Schenkung eines Objektes auch eine materielle Wertschätzung sei im Gegensatz zur Animation. Diese sei eine immaterielle Wertschätzung. Ich bejahnte dies … und schlief eine Nacht darüber …. bis mit auffiel das ich selbst in die Falle tappte – oder auch nicht.

Materielle und immaterielle Wertschätzung? Ein kurzer Blick in mein Herkunftswörterbuch, unter Materie:

Materie: Urstoff; Stoff, Inhalt; Gegenstand: Das Substantiv wurde im mittelhochdeutscher Zeit aus lat. materia, Bauholz, Nutzholz, Material, Stoff; Aufgabe; Anlage, Talent; Ursache entlehnt. Dies ist wahrscheinlich eine Bildung zu lat. mater (vgl. Mutter) und bezeichnete ursprünglich die mater, den hervorbringenden und nährenden Teil des Baumes ….. Quelle: Duden Herkunfstwörterbuch.

Weiter heißt es:


Auf das zugrunde liegende Adjektiv lat. materialis .. zum Stoff gehörig;stofflich … geht auf das gleichbedeutende frz. materiel zurück, aus dem im 18. Jahrhundert unser Fremdwort materiell …. übernommen wurde

Unter Wikipedia findet man unter Materiell weitere Hinweise. Im Hauptenor geht es also um das Stoffliche, Anfassbare. Also ist es vielleicht (noch) falsch, zu sagen, dass es sich bei der Schenkung eines virtuellen 3D-Objektes um eine materielle nichtmonetäre Wertschätzung handelt. Ich habe in Klammern einmal (noch) geschrieben. Denn: Was ist – was wäre, wenn wir weiterspinnen – und das virtuelle 3D-Objekt mittels Datagloves plötzlich anfassbar wird (siehe auch Dataglove/Datenhandschug in diesem Artikel)? Ist Materie nur das, was unmittelbar anfassbar ist? Verlagern sich im Laufe der Zeit die Grenzen, die einen Begriff abgrenzen? Sind Worte/Symbole in diesem Sinne fluide, in Abhängigkeit der Zeit? Nun, gestern war ich auf einen Vortrag zum Thema NICHT-WISSEN als Ressource im Unternehmen von Andreas Zeuch. Die Definition, die Abgrenzung des Begriffes WISSEN haben wir uns gespart, da dies Erfahrungsgemäß nicht zufriendenstellend ist, zumindest nicht in der kurzen Zeit im Rahmen eines Vortrages.

Liest man noch einmal am Anfang im Duden Herkunfstwörterbuch genauer … dort lese ich: …Nutzholz, Material, Stoff; Aufgabe; Anlage, Talent

Oha, lese ich richtig? Lese ich dort … Aufgabe, Talent … ? Ja das steht dort? Ist das Talent eines Menschen anfassbar?

Bingo! Die Bedeutungen von Worte verändern sich über die Zeit. Vielleicht – wer weiss – ist das, im virtuellen Raum, in naher Zukunft ja materiell !?

Beängstigend? Wir brauchen noch Zeit? Eines ist klar. Viele Menschen, denen ich begegne haben bereits Angst, zu akzeptieren, dass das war dort passiert, im virtuellen Raum REAL ist ! Virtuelle Realität?

Oft ist für diese Menschen nur real, was anfassbar ist. Stellt man ihnen dann die Frage, ob Luft oder Gefühle real sind, antworten sie mit JA. Stellt man ihnen weiter die Frage, ob Sie Luft oder Gefühle anfassen können, antworten Sie mit NEIN. Aber das, so sagen Sie, sei etwas anderes! Aber was ist anders, Frage ich Sie. Und die Antwort bleiben sie mir schuldig…

Über Andreas Mertens

Andreas Mertens aka Patrick Wunderland (SL) ist Initiator von avameo und schreibt seit 2006 für diesen Blog.

Kommentare

  1. Enki Alcott says:

    Interessante Betrachtungen zum Thema Materie. Die Frage ist wirklich, was ist denn eigentlich Materie? Gibt es überhaupt das „Stoffliche“ im klassischen Sinne? Wie sieht es denn auf dem Grund, also im Kleinsten, der Materie aus. Was bleibt übrig von der Materie, wenn wir sie unterhalb der atomaren Ebene ergründen wollen? Ich persönlich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die stoffliche Materie eigentlich nicht existent ist und letztlich erst in unserem Bewusstsein sozusagen „anfassbar“ wird, letztendlich eine „Simulation“ unseres Geistes.

    Deshalb glaube ich auch, dass in naher Zukunft, für die vollständige Immersion in der virtuellen Welt eventuell nur ein VR-Helm (wie altmodisch ;)) oder vielleicht eine Direktankopplung an das Nervensystem notwendig ist. Den anfassbaren Rest wird dann unser Bewusstsein automatisch simulieren und die jetzt noch virtuellen Gegenstände erscheinen uns dann auch fassbar. Wie nah diese Zukunft ist, vermag ich jetzt nicht zu sagen, aber ich glaube trotzdem, dass wir vielleicht schon näher dran sind, als wir uns jetzt zur Zeit vorstellen können und glauben mögen. Einen guten Einstieg in diese Denkansätze liefert auch ein sehr guter Vortrag von Prof. Dürr (ehem. Direktor Max Planck Institut und Quantenforscher) an der TU-Clausthal, hier der Link:

    http://video.tu-clausthal.de/vortraege/duerr2002/

  2. Patrick says:

    Danke! Super Film! Endlich! Er sagt, Wissen entsteht im Kopf des Menschen und er unterscheidet Information von Wissen wie ich es auch immer versuche zu erklären! Danke für den Link! Das habe ich schon seit langem gesucht!

  3. Enki Alcott says:

    Freut mich, wenn dir der Link gefallen hat :), ich habe den Vortrag jetzt schon so ca. 5-6 mal gesehen und entdecke immer wieder neue Erkenntnisse. Zum Thema empfehle ich auch noch das sehr gute Buch von Jörg Starkmuth „Enstehung der Realität“.

  4. Patrick says:

    Das ist ja ein „ZU-FALL“. Das Buch liegt bereits hier auf meinem Schreibtisch :-)

    Gruss,

    Andreas

  5. Enki Alcott says:

    Na dann viel Spass beim Lesen.

    Viele Grüße
    Thomas

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