Fiktion, Realität, Kybernet(h)ik

Die Kybernetik beschäftigt sich mit komplexen Systemen – vereinfacht: Mit Allem, was mit unserem Alltag zu tun hat. Spätestens seit der Kybernetik 2. Ordnung und dem Konstruktivismus ist klar: Komplexe Systeme sind weder beherrschbar noch kontrollierbar, wenn überhaupt lenkbar.

Planungen von Projekten, Straßen und Gebäuden sind Projektionen, Extrapolationen aus der Vergangenheit – bestenfalls aus der Gegenwart – in die Zukunft. Vielleicht treffen mehr Visionen und Fiktionen von berühmten Schriftstellern wie Isaac Asimov oder Stanislaw Lem ein, als Ereignisse alltäglicher Projektplanungen? Man schaue sich nur das verkrampfte Kontrollparadigma in vorherrschenden IT-Projekten an.

In Kontext Second Life®, der Kybernetik und den Cyberspace frage ich mich

Was passiert eigentlich gerade?

Mir scheint, dass sich die Zeit zwischen Darstellung einer Fiktion und der Manifiestierung von Elementen einer Fiktion in der Gegenwart verringert (!)

Bis sich Elemente der Fiktionen aus Büchern wie „Solaris“ von Staislaw Lem oder „Geliebter Roboter“ von Isaac Asimov in unserer Gegenwart manifestierten, dauerte es ein paar Jahrzehnte.

Die Fiktionen jüngerer Autoren wie Tad Williams mit seinem Buch „Otherland“ hingegen brauchen nur wenige Jahre bis sie „real“ – hier durch Second Life® – werden (!) Was Tad Williams als Fikton beschreibt, nämlich die unscharfe Grenze zwischen Virtualität und Realität, wird mit Second Life® gegenwärtig und durch Ingrid Schmitz zum Krimi.

Der unterschied zwischen Fiktion und dem was in Second Life® passiert, schwindet, so ist mir. Insbesondere, wenn ich in dem neuen Buch „Second Life®“ von Sven Stillich lese:


„… Phaylen Fairchild stockt. Sie antwortet nicht. Dann beginnt sie wieder zu tippen: >> Ich war vor einigen Jahren schwer krank, ich hatte Krebs. Ich musste damals um mein erstes Leben kämpfen und habe das zweite aufgegeben. << Es ist jetzt der Mensch, der spricht, aus dem Mund seines Avatars – und über den Menschen und den Avatar. >> Ich habe mit der Hilfe meiner Familie und Freunden nach längerer Zeit den Kampf gegen die Krankheit gewonnen. Doch als ich mir einen neuen PC gekauft habe und mich wieder anmelden wollte bei >Second Life®<, gabe es meinen Zugang nicht mehr, es gab mich nicht mehr, keine Phaylen Fairchild.<<

>>Und dann?<<

>>Linen Lab hat meinen Avtar wiederhergestellt <<….

Werden Fiktionen Utopien durch virtuelle Welten greifbar(er) und erfahrbar(er)? Werden sie hierdurch real, realer? Eine spannende Zeit, in der wir leben, oder? Jeder Tag.

Über Andreas Mertens

Andreas Mertens aka Patrick Wunderland (SL) ist Initiator von avameo und schreibt seit 2006 für diesen Blog.

Kommentare

  1. „Komplexe Systeme sind weder beherrschbar noch kontrollierbar, wenn überhaupt lenkbar.“

    Da bin ich anderer Meinung!
    Wenn das so wäre, würde kein Schiff sicher seinen Zielhafen erreichen; würde keine Telefon oder keine Internetverbindung zu Stande kommen; hätten wir schon längst einen Atomkrieg geführt; würde diese extrem komplexe Verkehrs und Logistik-Kette nicht so funktionieren; und die vielen anderen komplexen Systeme die schon wenn auch nicht perfekt so aber doch ziemlich gut Funktionieren.

    Ich sehe gerade darin die Aufgabe der Kybernetik (1.Ordnung), nämlich Systeme und ihre Mechanismen zu erklären, damit man entsprechend planen oder im Ernstfall gegensteuern kann.

    Wenn man das Wort „Kontrolle“ so verschärft, sollte man vielleicht von „absoluter Kontrolle“ sprechen, die natürlich nie erlangt werden wird. Das wäre die Aufgabe von Gott, an den ich persönlich aber nicht glaube. Dann sind wir wohl wieder bei der Kybernetik 2. Ordnung.

    Zurück zur ersten Ordnung:
    Das Problem bei großen IT Projekten liegt aus meiner Sicht an der entsprechenden Komplexität der sich die Beteiligten nicht selten erst im Projektverlauf Bewußt werden. Ein gutes Beispiel ist das Maut-System oder aber das Herkules Projekt
    http://de.wikipedia.org/wiki/Herkules_%28IT-Projekt%29.

    Im September 2006 betrugen die Plankosten bereits 7,2 Mrd. Euro.

  2. Patrick says:

    >Wenn das so wäre, würde kein Schiff sicher >seinen Zielhafen erreichen; würde keine >Telefon oder keine Internetverbindung zu >Stande kommen; hätten wir schon längst >einen Atomkrieg geführt; würde diese >extrem komplexe Verkehrs und >Logistik-Kette nicht so funktionieren; und >die vielen anderen komplexen Systeme die >schon wenn auch nicht perfekt so aber doch >ziemlich gut Funktionieren.

    Wir steuern und lenken Schiffe und Systeme. Aber ich unterscheide gerne zwischen beherrschen, kontrollieren, steuern und lenken! Ist die Frage, was der Einzelne unter diesem Begriffen versteht! Mit lenken, steuern und gegensteuern bin ich einverstanden, mit Begriffen beherrschen und kontrollieren habe ich ein Problem!

  3. Daniel says:

    Die Frage ist ja, was alles als System bezeichnet wird, und ob es sich um selbst-organisierte (autopoietische) Systeme handelt. Ein Schiff ist demnach kein System, bestenfalls eine Trivialmaschine mit leichter Fehleranfälligkeit wegen der Technik. Aber der Aspekt der Steuerbarkeit von Systemen ist sehr interessant, und im Rahmen meiner Diss beschäftige ich mich ebenfalls damit (im Kontext von Krankenhaus als Organisation als System, und wie ist Institutionen übergreifende Planung von Versorgung möglich, siehe diesen Beitrag).

  4. Das Schiff habe ich als etwas gemeint, an dem zur Erreichung eines Zieles entsprechend gesteuert werden muss. Davon abgesehen bin ich überzeugt das man heute ein Schiff auch als komplexes System mit all seinen technischen Komponenten bezeichnen könnte. Überspitz ist wohl auch ein Segelschiff oder Ruderboot samt seiner Mannschaft ein komplexes System. Ich kam eigentlich auf Schiff, weil das auch der Ursprung von dem Wort „Kybernetik“ ist. Das Wort „Kybernetik“ stammt vom griechischen „kybernetes“ ab, das so viel bedeutet wie Steuermann.

    Mein Kommentar sollte aber darauf hinweisen, dass Andreas meiner Meinung nach den Begriff „Kontrolle“ unnötigerweise verschäft. Genauso kann man auch den Begriff „Real“ verschärfen um dann vielleicht wie Nietzsche beim Nihilismus landen.

    Beim Cwarel Isaf Institute kann man z.B. folgendes lesen:
    „Der Begriff „Kybernetik“ wurde erstmals 1834 vom französischen Physiker André-Marie Amperé (1775-1836) als Bezeichnung einer „Wissenschaft vom Beherrschen von Vorgängen“ verwendet; an anderer Stelle nennt er sie eine „Wissenschaft der Regierung“. Der Ursprung der heutigen Kybernetik als anerkannte Wissenschaft entstand aber erst Hundert Jahre später. Die bahnbrechenden Grundlagen für dieses neue wissenschaftliche Gebiet der Regulierung, Lenkung und Kommunikation in Systemen legten vor allem: Norbert Wiener, Warren McCulloch, W. Ross Ashby, Claude Shannon, Gregory Bateson, Heinz von Foerster, John von Neumann und Walter Pitts.“

    Es ist Normal dass Begriffe Ihre Bedeutung verlieren oder mit der Zeit anders benutzt werden. Ähnliches hatten wir bereits beim Begriff „Kommunikation“ diskutiert.

    In der Wikipedia kann man z.B. beim Begriff „Kybernetik“ folgendes lesen:
    „In gedruckter Form wurde der Begriff von Wiener erstmals 1948 in >>Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine übersetzen

    Vielleicht ist die korrekte Verwendung des Begriffs „Kontrolle“ aber auch einfach nur Kontext abhängig?

    Daniel du schreibst einleitend in deinem verlinkten Text folgendes:
    „Aufgrund funktionaler Differenzierung und operativer Geschlossenheit der gesellschaftlichen Teilsysteme (Politik, Wirtschaft, Religion…) gibt es keine zentrale Instanz mehr, die die Gesellschaft steuert.“

    Ich sehe da noch lange nicht Klar in wie weit man bei Politik, Wirtschaft und Religion von Teil-Systemen sprechen kann. Dafür sind die mir zu eng miteinander verzahnt!

    Die zentrale Instanz die alles steuert wäre doch nach Luhmann die „Kommunikation“, oder hab ich das völlig falsch verstanden?

  5. Daniel says:

    Ich dachte, ich hätte hier bereits eine Antwort verfasst? Egal, noch mal.

    Ich sehe da noch lange nicht Klar in wie weit man bei Politik, Wirtschaft und Religion von Teil-Systemen sprechen kann. Dafür sind die mir zu eng miteinander verzahnt!

    Es sind schon ausdifferenzierte Teilsysteme der Gesellschaft, die aber strukturell aneinander gekoppelt sind (das wäre in etwa die „Verzahnung“). Aber: Jedes Funktionssystem operiert für sich und geschlossen (Autopoiese), wobei die Grenzziehung anhand bestimmer Codes passiert. Codes sind Leitunterscheidungen und ordnen die Kommunikation den jeweiligen Funktionssystemen zu. Wahr/unwahr ist der Code des Wissenschaftssystem, Kommunikation über Recht/Unrecht gehört nur zum Rechtssystem, und die Religion „spricht“ über Immanenz/Transzendenz. Das, was wirklich „verzahnt“ ist, wären die Organisationen der Funktionssysteme, denn hier sind Kommunikationen verschiedenen Funktionssystemen zuzuordnen (aber niemals gleichzeitig!). So muss bspw. die Rechtsabteilung eine bestimmte Entscheidung prüfen, die Buchhaltung prüft die Finanzierbarkeit und Mitarbeiter aus dem Qualitätsbereich sagen, ob sich die Entscheidung überhaupt an aktuellen wissenschaftlichen Standards orientiert.

    Die zentrale Instanz die alles steuert wäre doch nach Luhmann die Kommunikation, oder hab ich das völlig falsch verstanden?

    Kommunikation ist die Operation(sweise) der Gesellschaft. Aber es gibt nicht, wie früher einen König oder Kaiser, jemanden oder etwas, das zentral entscheidet, wie sich die Teilsysteme zu verhalten und zu entwickeln haben. Auch der Politik sind Grenzen gesetzt, und im Zuge der Globalisierung wird immer deutlicher, dass die Politik nur begrenzt bestimmen kann, was wirtschaftlich passiert (Lohndumping, Outsourcing in andere Länder etc.).

  6. König und Kaiser:
    Da fällt mir der Gang nach Canossa ein ;-).

Trackbacks

  1. […] kommen natürlich noch die Zusammenhänge zur Kybernetik und das Wort Cyberspace, welches von Kybernetik (engl. Cybernetic) abgeleitet wirde […]

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