Willkommen, Pia Piaggio!

Für mich ist es ein kleines Wunder, diese nette Begrüßung von LindenLab auf meinem Monitor zu sehen. Soll es jetzt wirklich so weit sein? Kann ich mich problemlos einloggen ins Second Life® und kann ich mich dort dann auch bewegen, ohne dabei einzuschlafen? Ich bin gespannt.

Wochen hatte ich damit zugebracht, meine entlegene Finca für dieses Vorhaben aufzurüsten. Um mich herum gibt es nur Olivenbäume, Pinien, Mandeln, Rosmarinbüschel, Thymianpuschel, Lavendelstauden und ähnliche Gewächse.

In der Ferne blitzen vor dem stahlblauen Mittelmeer die weiß getünchten Häuser des Fischerdorfes www.ametllademar.org auf, das im Hintergrund von einem sanft ansteigenden Gebirgsgürtel eingefasst wird. Es ist eine sehr schöne Gegend hier. Es ist es bis auf das lebhafte Zwitschern der Vögel und das sanfte Rauschen der Baumkronen im Wind vollkommen still. Und genau diese Ruhe brauche ich als Autorin.


Stephanies Finca in Spanien

Der kleine Nachteil dieser etwas dezentralen Wohnlage ist, dass keine Art von Leitung hierher führt: keine Stromleitung, keine Telefonleitung und keine Wasserleitung. Das Haus versorgt sich autark über eine Solaranlage, einen Wasserspeicher und diverse Pumpen. Das funktioniert wirklich wunderbar. Das einzige erhebliche Problem war bisher ein leistungsfähiger Internetzugang. Das Funktelefon ermöglichte zwar das Abarbeiten der E-Mails im nervigen Schneckentempo, ans Surfen oder gar das Einloggen ins Second Life® war jedoch bisweilen nicht zu denken.

Gedankt sei nun den sogenannten USB-Modems, der Firma Huawei, den UMTS-Signalen und den Internetangeboten von www.movistar.es, die insgesamt dafür sorgen, dass sich mein großer Wunsch erfüllt. Ich kann nun mit etlichen kbps’ meine GBs aus dem Netz saugen und in mein Zweitleben im Second Life® eintauchen.

Mit Blick auf den Olivenhain gebe ich das Passwort ein. Enter. Und schon purzelt Pia Piaggio ins SL. Zu meinem Entsetzen ist sie splitterfasernackt. Hatte ich irgendwas vergessen? Rechts oben geht ein Fenster auf. Eine kurze Beschreibung, wie ich den Avatar bewegen kann. Dabei ist es doch eine Avatarin. Oder heißen weibliche Avatare etwa nicht Avatarinnen? Ein Blick in Avatara bei Wikipdia gibt dazu keine klare Auskunft. Zu meiner Erleichterung kleidet sich Pia nun wie von Zauberhand an, bis sie genauso aussieht, wie ich sie ausgewählt habe. Na gut, dann kann es ja losgehen.

Ich drücke die Pfeiltasten. Endlich kann ich mehr sehen, als die graue Wand, vor der ich gelandet bin. Ich befinde mich in Orientation Island der LindenLab-Welt. Genau gesagt, im APPEARANCE-Castle, einem museumsartigen Innenhof,


Stephanie Posselt, Innenhof

umgeben von lauter neuen Residents, die alle nackt ins SL plumpsen und dann, so wie ich, recht unbeholfen auf den Pfeiltasten herumhämmern, um ihren neuen Bewegungsapparat auszuprobieren. Um mich herum taumelt es, hüpft es; man dreht sich, geht vor, zurück, rennt vor eine Wand oder verschwindet einfach. Ich brauche einen Moment, um mich daran zu gewöhnen; habe bisher noch nicht einmal Computerspiele gemacht und darum sind Cursortasten als Fortbewegungsmittel für mich völliges Neuland. Aber den anderen Avataren, die in meinem Sichtfeld auftauchen, scheint es auch nicht viel besser zu gehen.

SarahJane Rotaru begrüßt mich und stellt sich links unten in einer Sprechblase als mein “volutant? vor. Sie sei dazu da, mir zu helfen und ich könne ihr alle Fragen stellen.

Während ich ihr antworte, hackt die gute Pia auf einer unsichtbaren Tastatur rum. Dabei klackert es dezent. Wenn ich einen Moment überlege, tut sie das auch; hält inne, schaut in die Luft und scheint nachzudenken. Erst mit drücken der Returntaste erscheint mein Text links unten als Sprechblase. Aha.

SarahJane ist sehr nett, aber ich merke schon, um den Unterhaltungen Essenz zu geben, brauche ich ein Head-Set, denn über die Tastatur kommt unser Chat irgendwie nicht so richtig in Gang. Egal, für den Anfang lasse ich Pia kurze Fragen stellen und SaraJanes Antworten machen mir Mut, die Pfeiltasten unten rechts auf dem Bildschirm mit der Maus anzusteuern und damit sogar fliegen zu lernen.

Pia wird immer mobiler. Sie geht jetzt schon eine große Treppe hinauf und landet in einem halbrunden Raum, den drei Gemälde schmücken. Fröhliches Tastendrücken lässt dann eine Art Zauberstrahl aus ihrer Hand zu einem der Bilder fahren. Ein kleines Fenster geht auf, wo irgendwas steht. Das Fenster geht zu und sonst tut sich nichts. Ich mache das Ganze nochmal, verstehe aber nicht, was das soll. Nun gut. Für später.

Recht flott und elegant lasse ich Pia dann die Treppe hinuntergleiten und steuere sie hinaus auf den großen Platz für die Neuankömmlinge. Ich begreife langsam, was das alles soll. Orientation Island ist eine Art Krabbelwiese für frisch geplumpste Avatare; eine Vorbereitung auf unser Leben im echten Second Life®.

Mit den Bewegungen komme ich recht schnell klar, auch wenn mir noch so manche Peinlichkeit passiert. Ich schabe an der Steinbrüstung, die den Weg säumt entlang. Zum Glück ist Pia schmerzfrei und schürft sich nicht ihre nackten Beine an dem groben Stein auf.
Bisher habe ich mich um mein Aussehen noch gar nicht gekümmert. Jetzt bekomme ich allerdings fast einen Herzinfarkt. In einiger Entfernung kreuzt ein exaktes Pendant meiner Pia-Piaggio-Gestalt den Platz. Zum Glück dreht sie mir den Rücken zu und ich kann mich unbemerkt wegschleichen, um in einer versteckten Ecke an meinem Erscheinungsbild rumzufeilen. Schließlich muss ich ja schon ein wenig auf mein Image achten.

Tatsächlich gibt es im Menü „Bearbeiten“ den Unterpunkt „Aussehen“. Angeklickt. Pia dreht sich endlich mal mit ihrem Gesicht zu mir und bleibt dann wie eine Schaufensterpuppe stehen. Über ihr erscheint „changing appearance“, damit auch alle Bescheid wissen: Pia Piaggio ist quasi in ihrer Garderobe. Bitte nicht stören.
Ich gehe alles durch. Von Kopf bis Schuh, von Farbe bis Muster und habe mir am Ende meine Pia ganz nach nett zurechtgemacht. Prima. Selbstbewusst schreite ich nun weiter; fühle mich gut in meinem Dress, mit meiner Frisur und der neuen Augenfarbe, auch wenn ich all das bisher nur aus dem kostenlosen Standardangeboten auswählen kann. Ich steuere auf den SEARCH-Pavillon zu, einem avatarleeren kuppelartigen Ausstellungsraum, und schaue staunend die überdimensionalen Karten der LindenLab-Welt an.



Mir fehlt so was wie ein Pfiff, ein Seufzer, ein “Oho? oder “Aha?. Und tatsächlich finde ich in der unteren Menüleiste die Option “Gesten? und bringe einen Lacher aus Pia heraus. Dann einen Handkuss. Ein “Yeah!?. Klasse. Jetzt komme ich in Fahrt. Es ist Zeit, Kontakt zu anderen Avataren aufzunehmen. Pia fühlt sich jetzt reif dafür.

Lange muss ich nicht suchen. Eine Art bemantelter Spiderman dreht sich nach mir um und hackt ein schlichtes “hi? in die Sprechblase. Er nennt sich Phaid Jaxxon und ich antworte: “hi. nice to meet you?, was mir nicht gerade sehr einfallsreich vorkommt. Aber wir üben ja noch.

Phaid bricht sich fast den Hals, als er versucht, sich mir zu nähern.
“do you find it easy to move?, will er wissen.
“no. quiet difficult?, antworte ich und suche nach einer netten Geste, die ich so auf die Schnelle allerdings noch nicht finde.
Phaid schlägt einen Besuch in einer Bar vor, den Pia aber zunächst ablehnt. Denn schließlich habe ich schon einiges davon gehört, wie gewitzte Residents auf Kosten der Neu-Avatare, auch Newbies genannt, derbe Scherze treiben. Am Ende will dieser Phaid meine Pia nur in einen Käfig sperren und sich dann darüber totlachen, wie sie versucht, sich daraus zu befreien. Nee, nee, bloß keine Blamage.
Phaid verabschiedet sich galant und ich probiere nochmal alle möglichen Funktionen mit Pia aus. Ich fliege mit ihr über ganz Orientation Island und schaffe es sogar, mitten in MOVE-City zu landen. Dort steht ein Gefährt bereit, mit dem ich die leeren, asphaltgrauen Straße durchfahre.

Außer Ratten begegnet mir dort jedoch nichts und niemand. Schnell mache ich, dass ich wegkomme.
Ich schlendere noch nach COMMUNICATE-Volcane und lasse mir dort von ChatMaster Phitt mein Orakel vorhersagen. Es klingt nicht schlecht. Pia Piaggio wird viel Glück haben in ihrem virtuellen Leben. Natürlich.



Und sie ist jetzt so weit. Sie hat das Rüstzeug, um Orientation Island zu verlassen und sich über die SL-Koordinaten mitten ins virtuelle Leben zu stürzen.

Schauen Sie rein, wenn Sie Pia Piaggio bei ihren In-World Exkursionen begleiten möchten. Ab jetzt berichtet sie über Ihre Entdeckungen und Erfahrungen exklusiv in Avameo. Und falls Sie selbst ein interessantes Thema haben, zögern Sie nicht, Kontakt aufzunehmen. Pia Piaggio ist im Auftrag der Avameo-Redaktion für Ihr besseres Leben als Resident unterwegs.
Willkommen auf der Finca, Second Life®!

Kommentare

  1. Stefan Wiese says:

    Entschuldige bitte, aber ist euer Archiv durcheinander gekommen oder stimmt das Datum auf dem Server nicht??? Diese Art Bericht über die ersten Schritte in SL hat der Spiegel-Sponto vor fast anderthalb Jahren in einem Massenmedium bringen dürfen, aber das gehört doch 2008 nicht in ein Magazin, welches sich professionell mit dem Thema beschäftigt – oder sehe ich das als einziger so? Text und Autorin sind wunderbar und nett aber der Informationsgehalt ist für hier doch gleich Null (weil überholt)?

  2. Michael Wald says:

    Also Sponto hatte wohl kaum so viel „theoretisches“ Vorwissen über SL wie Stephanie. Als ich 2006 SL erkundete sah die Welt noch anders aus. Schön von jemand zu lesen was er so an ersten Eindrücken heute reflektiert mit diesem Vorwissen. Und zum Thema Informationsgehalt: „Die Information einer Beschreibung hängt von der Fähigkeit eines Beobachters ab, aus dieser Beschreibung Schlußfolgerungen abzuleiten.“ (HvF)

  3. Stephanie says:

    Lieber Stefan, ich finde, du bist ganz schön schnell, was dein Urteil über eine Textreihe angeht, die gerade erst anfängt. Vielleicht gibt es ja ausser den professionellen Informationen auch noch ganz andere interessante Prozesse beim Einstieg ins SL? Und warum sollte man sich in einem Forum für Professionals nicht auch immer mal um die Neulinge kümmern, damit sie auch irgendwann professionell werden können? Den Unterschied zu Sponto hat Michael ja schon gut herausgestellt. Und auch im Jahre 2008 gibt es noch immer genügend Menschen, die keine Vorstellung vom SL haben. Pias Erzählungen sollen in erster Linie unterhaltsam sein und auf eine lockere Art über das virtuelle Leben informieren. Da ist es jat schon mal gut, dass dir meine Texte gefallen. Der Rest kommt schon noch.

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