Pia Piaggio geht Inworld

Pia Piaggio Nahaufnahme

Mir steht ein aufregendes Wochenende bevor. Pia Piaggio wird endlich Inworld auf Patrick Wunderland treffen. Zum Glück leuchtet die Sonne heute wieder vom stahlblauen Himmel und lässt die vom Regen ergrünte Natur saftig aufleuchten. Strom gibt es also satt bei diesem Wetter und der stundenlangen Beschäftigung mit meinem Zweitleben steht in dieser Hinsicht nichts im Wege. Alle anderen Hindernisse wie Haushalt, Einkauf, Hundespaziergang und so fort will mein Schatz an diesem Wochenende für mich übernehmen. Auch wenn er meine ausbrechende Gier fürs Virtuelle mit Argusaugen beobachtet, will er trotzdem meine Bemühungen im Zweitleben unterstützen. Ich bin also quasi freigestellt von meinem Erstleben.

Hemmungslos trotte ich in mein schattiges Büro und lade das Second Life. Wussten Sie eigentlich, dass „Second Life“ den Platz 7 auf der Liste des „Wort des Jahres 2007“ belegt? Dieses Zweitleben scheint eine gar nicht so unwichtige Angelegenheit zu sein. Dem Künstler Aram Bartholl war das SL im September 2007 sogar eine großartige Inszenierung in der City von Linz wert. Im Rahmen der Ars Electronica unter dem Motto „Goodbye Privacy“ drehte er den Spieß einfach um und holte die Avatare ins RealLife; lotste sie in die Fußgängerzone von Linz, wo er mit einigen weiteren Künstler-Kollegen die virtuelle Welt real nachstellte. Man konnte dort zum Beispiel in einem Shop Kleider für seinen Avatar erwerben. Diese wurden einem dann ins virtuelle Leben geschickt. Als Beleg gab es einen ganz realen Chip. Mit dieser Aktion wollte Bartholl ergründen, ob die Käufer schließlich „…..mehr Interesse an dem Plastikchip oder an der künstlichen Ware haben“.

Eine durchaus interessante Frage, deren Antwort ich allerdings einstweilen nicht weiter nachgehe, weil nun Pia Piaggio auf meinem Bildschirm erscheint. Sie sitzt recht andächtig im Schneidersitz auf der Wiese von Help Island. Große Plakate ragen um sie herum auf.


Pia Piaggio auf der Wiese in Second Life

Sie bieten Hilfstutorials an. Allerdings sind diese angeblichen Lehrwerke auf Englisch und noch dazu so kompliziert gestaltet, dass Pia das Trainieren damit schon gestern aufgegeben hat. Oben am Himmel dreht sich die Message: „Press F1 for help“. Auch das hat Pia schon gestern versucht und landete dann doch immer nur auf der Hauptseite vom Second Life, von der sie ja schon weiß, sie wird dort keine echte, w-i-r-k-l-i-c-h-e Hilfe bekommen. Nun gut. Ich lasse Pia endlich aufstehen von dieser öden Schilderparkwiese in Help Island.

Ein Blick auf die kleine Karte oben rechts verrät mir, sie ist mal wieder ganz alleine auf Help Island. Sie steht dort im sogenannten „Sandkasten“ herum und langweilt sich. Dabei sollte sie eigentlich das tun, was alle dort machen: Bauen. Beziehungsweise das Bauen lernen.

Kurz erinnere ich mich an meinen Kindergarten. Er lag direkt neben einem Tennisklub, und der Lärm der Ballmaschinen begleitete uns spielende Kinder meist den ganzen Morgen: „…schhh-tonggg, schhh-tonggg, schhh-tonggg,schhh-tonggg…..?. Als gänzlich rhythmischer Mensch formte ich meine Kuchen, Fischlein und Häuschen in diesem Tempo: Sand rein, festgepappt und umgestülpt – „….schhh-tonggg…“- wieder Sand rein, festgepappt und umgestülpt – „….schhh-tonggg…“. Wie am Fließband formte ich meine Objekte und alles war ganz einfach.

Im virtuellen Sandkasten erfordert das Ganze allerdings schon erhebliche Kenntnisse. Wenn Pia über meine rechte Maustaste Kontakt zu einem Objekt aufnimmt, und dann “Erstellen“ anklickt, erscheint dieses Objekt plötzlich wie eine virtuelle Zeichnung, bestehend aus all seinen Konturlinien.


Pia lernt bauen in Second Life

Links auf dem Monitor geht dann ein Fenster auf, das alle möglichen Tools anzeigt, mit denen Pia das Ding verändern könnte. Wenn sie es dann könnte. Ungeduldig klicke ich die Werkzeuge an und zerre damit an den Objektlinien herum. Ohne Ergebnis. Pia Piaggio bekommt einfach nichts zustande. Ich kann ihr da leider auch kaum helfen, da ich mit der Erstellung von Animationen am Rechner noch nie etwas zu tun hatte. Pia kapiert also so gut wie nix und wird langsam zornig.

Noch immer ist kein einziger weiterer Avatar auf Help Island aufgetaucht und sie kann demnach auch niemanden fragen. Ich suche nach „Heulen“ bei den Gesten und finde „cry“. Ich klicke es zehnmal hintereinander an und lasse Pia sich abreagieren. Okay, was nun?

Pia hat die Nase voll von dieser avaterverlassenen Hilfs-Insel und steuert geradewegs auf das hoch aufragende grüne Emblem „EXIT“ zu. Und „touch“. Ein Hinweis erscheint: „Wenn Sie Help Island einmal verlassen haben, kommen Sie nie mehr zurück“. Ach, das gibt es also auch im Second Life; die Endgültigkeit.

Ich lasse Pia einen Moment Zeit, über diese unwiderrufliche Entscheidung nachzudenken. Würde sie das „Bauen“, also das Erschaffen von virtuellen Objekten, auch später noch erlernen können – im Prinzip auf dem zweiten Bildungsweg? Oder würde sie sich nun recht dumm in ihre neue Welt teleportieren und keine Chance mehr bekommen, sich so gesehen weiterzubilden? Punky Pia zögert nicht lange.

„No risc, no fun“, zischt sie und bestätigt energisch ihren Willen zum „EXIT“.
Aber es passiert irgendwie nichts. Kein Fenster öffnet sich und fragt, ob Pia wirklich teleportiert werden möchte. Erste Verzweiflung steigt in ihr auf. Sie muss sich auf diesen Schreck hinsetzten. Das hat sie immerhin schon ganz gut raus. Sie nimmt mit ihrem Zauberstrahl Kontakt zu der Stelle auf, wo sie gerne säße und klickt dann „sit here“ an. Wenige Millisekunden später sitzt sie auf der Mauerbrüstung und starrt das ungehorsame „EXIT“-Emblem wütend an.

„So schnell lasse ich mich nicht lindenlabben!“, keift sie und überlegt krampfhaft, wie sie doch noch von Help Island wegkommen könnte.

Ein kurzer Klimperton zerrt sie aus ihren Überlegungen. „Patrick Wunderland schickt dir sein Profil. Nimmst du an?“, erscheint als Instant Message, kurz IM genannt, in der Sprechblase.
Oh je, ist es wirklich schon 17 Uhr? Und Pia befindet gerade sich in einem solch desolaten Zustand! Aber sie nimmt an. Natürlich.

„Patrick Wunderland bietet dir seine Freundschaft an. Nimmst du an?“, meldet die IM.
Sicher auch das.

„Ich bin gerade in einer Unterwasserwelt. Hast Du Lust, vorbei zu kommen?“, erscheint es nun im Chat-Fenster inklusive der Option zum Teleport.

Dafür würde Pia ihn am liebsten knutschen. Patrick, ihr Retter in der Not!
„Tele-portie-ren, tele-portie-ren“, skandiert sie und ich bestätige mit einem Mausklick.
Der Bildschirm wird dunkel. Es erscheint ein Ladebalken und im nächsten Moment erschallt das Tröten von Elefanten auf meiner Finca.


Dschungel auf der Finca in Spanien via Second Life

Affengegacker. Papageiengeschrei. Auf dem Bildschirm purzelt Pia Piaggio vor Patrick Wunderlands Füße. Sie landet auf einer tropisch anmutenden Insel mit meterhohen Palmen, einem Tierpark und einer sehr einladenden Cocktailbar.


Cocktailbar mit Pina Colada in Second Life

„Hallo Pia. Schön dich Inworld zu treffen“, begrüßt mich Patrick Wunderland.

Pia ist derweil auf die Beine gekommen. Ich suche nach einer netten Geste und entscheide mich auf die Schnelle mal wieder für das begrüßende „hey“, auch wenn es nicht ganz passend ist, dass Pia dabei vor seiner Nase winkt, als würde er in weiter Ferne stehen. Aber man muss ja nicht alles so ganz genau nehmen.

„Aktiviere mal deinen Voice-Chat!“, hackt er ins Fenster.“Dann können wir miteinander reden.“
Mit fliegenden Fingern grapsche ich mir mein nagelneues Head-Set und klemme es mir auf den Kopf. Dann durchsuche ich die Menüs.

Als würde Patrick das ahnen, schreibt er: „Findest du unter „Bearbeiten“ bei „Einstellungen““.
Tatsächlich. Mit einem Mausklick ist der Voice-Chat aktiviert und einige Mausklicks später schwebt dann auch ein kleines grünes UFO über Pia Piaggio. Ich muss noch alles mögliche finden, öffnen und einstellen, bevor wir eine Chat-Verbindung mit mäßiger Qualität hinbekommen.

Obwohl ich dann endlich die ganz reale Stimme von Andreas Mertens höre, spreche ich ihn automatisch mit Patrick an. Anders wäre es mir falsch vorgekommen. Schließlich steht er als Avatar vor mir auf dem Bildschirm und dann muss ich ihn ja wohl auch entsprechend anreden, oder?

Im Gespräch lassen sich die technischen Kniffe des SL wesentlich besser vermitteln. Als Erstes stellen wir Pias Kamerafunktion besser ein. Wir erhöhen die Brennweite in den „Einstellungen“ von 68 auf 512, was eine wesentlich weitere Optik ermöglicht. Nun kann Pia von ihrem Avatarblickwinkel mithilfe der “Alt?-Taste auf die Kameraoptik umstellen, und sich damit um Objekte herumzoomen; sie heranzoomen, von innen, oben, unten und aus der Ferne betrachten. Yeah, das macht richtigen Spaß. Da entstehen ganz neue Blickwinkel, aus denen Pia ihre virtuelle Welt nun betrachten kann. Sie kann nun die Cocktailkarte in Kameraaugen unter die Lupe nehmen, ohne sich auch nur einen Pixel weit zu bewegen.

„Eine ganz schön bequeme Sache, diese Kameraoptik“, findet sie. Und endlich kann ich mal einen Schnappschuss von ihrem Gesicht erhaschen.


Portät Pia Piaggio in Second Life

Auch wenn bisher noch immer keine Zeit für eine exzessive Styling-Session der guten Pia war, mag ich sie schon recht gerne. Sie hat doch tolle Augen und einen klasse Mund! Die Frisur, na ja, darüber lässt sich sicher streiten, aber kommt Zeit, kommt Aussehen.

Patrick vergnügt sich schon eine ganze Weile in dieser so tierreich gestalteten Welt und will Pia etwas zeigen. Er schlägt eine Fahrt mit dem Unterwassertaxi vor, das immer mal wieder am Steg andockt und auf Gäste wartet.

Pia nimmt mit dem Zauberstrahl Kontakt zur Sitzbank auf, und schon kauert sie in dem kleinen U-Boot. Patrick hat leider den Einstieg verpasst und so taucht sie zunächst alleine ab in diese schillernde Welt der Seegräser, Muscheln, Korallen und Fische; lässt sich von dem schnittigen Gefährt durch die Fluten gleiten.

„Vielleicht ist das hier ein virtueller Zoo“, überlegt Pia und rekelt sich wohlig in dem blauen Bötchen. Alles ist sehr bunt gemacht. Die Meerespflanzen wiegen sich in der virtuellen Strömung und am Ende hätte daran auch Frank Schätzing Frank Schätzing seine Freude oder Inspiration. Das Einzige, was überhaupt nicht in diese bunte Welt passt, ist ein grau-graues Tonnenmännchen, das aus irgendeinem Grund auf einem großen Stein herumsteht und auch noch blöde aus seinen rabenschwarzen Augen glotzt.


Unterwasserwelt in Second Life

„Programmierungsfehler?“, fragt sich Pia und ist schon wieder vorbei an diesem wunderlichen Kretin.
Plötzlich, wie reingebeamt, sitzt Patrick neben ihr und erzählt: „Hier sind wir in der Westaflex Erlebniswelt, die von Hansen Creativ in Hamburg entwickelt wurde.“


Westaflex Welt in Second Life

So so. Westaflex. Hansen Creativ. Das würde ich wohl nachgooglen müssen, denn diese Namen sagen mir rein gar nichts. Ein Haifisch presst sich ans U-Boot und lächelt uns mit seinen spitzen Zähnen zu. Dann dreht er wendig ab und jagt einem kleinen Fisch hinterher.

„Man kann hier Einiges erleben, wie du selbst rausfinden wirst“, prophezeit er Pia. „Ich habe aber jetzt leider keine Zeit mehr und muss zurück in mein Reallife. Viel Spaß noch“, verabschiedet er sich und entsteigt dem Unterwassertaxi wie ein gen Himmelfahrender.

Pia treibt sich noch eine Weile dort unten herum; klettert ein wenig auf die Korallen und gibt der ein oder anderen Muschel eine neue Farbe. Als sie aus der Unterwasserwelt auftaucht, wird es in Hansen World langsam dunkel. Etliche Fackeln, Wunderkerzen und Lichtlein entzünden sich und läuten die Blue Hour ein. Pia ist noch quietschfidel und drängt auf weitere Abenteuer, aber ich setze sie einstweilen in der Cocktailbar ab.


Pia Piaggio ist müde

Dort erbeutet sie sich ganz easy mit ihrem Zauberstrahl einen virtuell-fruchtigen Piña Colada, den es gratis gibt. Er wird Pia als Notecard angeboten.

„Für umsonst….“, denkt sie und klickt auf Behalten. Die königsblau Karte verschwindet und mehr passiert nicht.

„Wo ist denn nun mein Cocktail?“, will sie wissen.

Tja, liebe Pia Piaggio. Keine Ahnung. Er wird irgendwo in diesem rätselhaften Inventar stecken. Aber wie Pia an diesen Avatafundus herankommt, habe ich ehrlich gesagt noch nicht so richtig geschnallt. Zugegeben, ich bin da auch wenig experimentierfreudig. Schließlich gibt es nirgends den schlichten Befehl Rückgängig. Aus welchem Grund auch immer das so ist, es ist nicht gerade userfreundlich. Ich muss mich da sehr vorsichtig herantasten und heute wird es für Pia keinen Cocktail mehr geben.
Ich bin müde. Verdammt anstrengend, wenn man sich in meinem Alter auf ein Zweitleben einlässt, das ja eigentlich für Jüngere gedacht ist. Ich gähne herzhaft und strecke meinen rundgesessenen Rücken im ausgeleierten Bürostuhl.

Auf der Finca ist es grottenfinster geworden. Draußen tobt der Nordwind ums Haus; jault um die Ecken und scheppert über das Dach. Czarny träumt schon selig. Hat er mir überhaupt Gute Nacht gesagt? Auch die Hunde schnarchen vor sich hin. Ich tapse leise ins Bett. Bin völlig ausgesecondlifed. Meine, die Elefanten noch röhren zu hören, bevor ich in einen piaggiohaften Schlaf falle.

Kommentare

  1. Was für ein ausführlicher Beitrag! Als ob ich nun selbst dabei gewesen wäre. Dennoch reizt es diese Orte nochmal in der realen Virtualität zu bereisen. ;)

  2. Stephanie says:

    Lieber Christian, den Begriff „reale Virtualität“ lasse ich mir gerade auf der Zunge zergehen und frage mich, ob es wohl auch eine virtuelle Virtualität gibt. Dabei wird mir ganz schwindelig!

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