Pia Piaggio will Abenteuer

Ein roter Streifen macht sich allmählich am Horizont breit. Die Sonne schiebt sich aus dem Meer, um den neuen Tag einzuleuchten. Die ersten Vögel pfeifen und johlen ihr Morgenlied und zanken sich um die Brotkrümel von gestern Abend.


Sonnernaufgang auf der Finca

All das sehe ich jedoch nur aus dem Augenwinkel. Vor mir flimmert schon der Monitor und ich habe das jetzt ganz klar: Wenn ich nicht aufpasse, werde ich zum Internet-Junkie. Dieses Netz ist aber auch eine echte Versuchung. Es gibt so viel zu entdecken! Am allerliebsten google ich und lasse mich von den Einträgen zu immer neuen Themen entführen. Dabei speichere ich gute Seiten unter meinen Favoriten, bestelle Newsletter wie blöde und wundere mich dabei immer mal, was da so alles im Netz unterwegs ist. Dadurch wird natürlich der Berg an, sagen wir mal, Tagesroutinen immer größer. Bis ich die aktuellen Meldungen gelesen und in meine E-Mails geschaut habe, schellt oben schon der Wecker. Die Sonne überflutet in goldigem Glanz die Landschaft und ich habe Pia Piaggio noch immer nicht aktiviert.

Schuld daran ist Westaflex. Und Hansen-Design. Darüber wollte ich mir ja Informationen zusammengoogeln. Entgegen Pias Vermutungen handelt es sich nicht um Hersteller von Aquarien oder Tauchbecken. Noch vor dem zweiten Kaffee schaffe ich es, mir das „….schlechteste Imagevideo im Netz…..“, veröffentlicht von trickiwu anzuschauen: Meinhard Ray oder so trällert ein nettes Liedchen zu den hausgemachten Aufnahmen, zupft dabei recht simple Akkorde auf der Gitarre und stellt das Unternehmen in einem nahezu reimfreien Text dar. Der Refrain ist: „…We-e-essta-fle-ex, die We-elt de-er Rohr-re…“. Meine Güte, das Video ist tatsächlich erwähnenswert schlecht. Darum macht sich auch irgendwer Namens deeip über diesen Song nochmal extra lustig. Aber irgendwie rührt das Video an, denn eines merke ich als Betrachter sehr deutlich: Westaflex ist ein familiäres Unternehmen, und das macht mir diese Firma sympathisch. So ein Fauxpas mit einem Imagevideo kann ja jedem mal passieren. Man hat eben nicht immer unbedingt auf Anhieb die besten Berater.

Trotzdem verstehe ich so langsam. Pia hockt also an der Cocktailbar der Westaflex- Erlebniswelt, der „Welt der Rohre“ im Second Life. Diese wiederum liegt in Hansen World, was die sogenannte Sim (meint: eine Region im Grid) der Agentur Hansen Creativ in Hamburg ist. So sortiert sich das also. Aha.

Unter diesem Link finde ich einen Artikel vom 25. Januar 2008 zum Einzug des ersten deutschen SHK-Herstellers ins Second Life® und begreife das Dilemma dieser Firma. Da deren Rohrprodukte beim Häuserbau schlichtweg in den Wänden oder unter dem Boden verschwinden, kennt keine Sau diese Firma. Man sieht in der Online-Welt eine Möglichkeit zur Markenbindung „…..der Kunden und besonders der neuen Hausherren.“ Ab Februar sollte es losgehen mit der neuen Rohrwelt.

Auch in den SL-Foren wird der Firmenauftritt bequatscht. Von www.slreport.de surfe ich zu www.slprofis.de und stoße dort auf eine vielversprechende Info. Die Westaflex Erlebniswelt soll wie eine Art Schatzsuche funktionieren. Die Avatare müssen Aufgaben lösen und Gefahren überwinden, um am Ende den Schatz zu heben. Und der soll tatsächlich 1.000.000 Linden$ schwer sein. Dabei helfen soll einem das „Rohrmännchen JohnBoy Westaflex“, Hausavatar seines Zeichens und immer für hilfreiche Tipps zur Stelle. Das also, hat es mit dem mausgrauen Tonnenmännchen auf sich. Doch kein Programmierungsfehler.

Das mit der Schatzsuche finde ich allerdings klasse. Ich werde ganz hibbelig. Los, Pia Piaggio, mach dich auf und bring mir bergeweise Gold auf die Finca!

Über der Westaflex Erlebniswelt steht noch der Vollmond. Im Amiland schläft man noch und im SL gilt die dortige Zeit für die Darstellung von Tag und Nacht. Ich könnte natürlich im Hauptmenu Pias Welt auf Mittagssonne stellen, aber ich finde die Stimmung zu gemütlich. Links hinten leuchten die Fenster des Hansen-Designtempels, in dem wohl Tag und Nacht gearbeitet wird.

Westaflex

Mit viel gutem Willen erkenne ich jetzt diese Kuppelbauten als Rohrsystemwelt. Hätte ich mir das vorhin nicht angelesen, würde ich noch immer nicht schnallen, wo es Pia hinverschlagen hat. Eine Welt der Rohre besteht für mich irgendwie aus mehr Rohr und weniger Kuppel. Aber egal. Was soll’s. Ich lasse Pia von der gemütlich beleuchteten Bar aufstehen.

Cocktailbar

Da taucht auch schon ein JohnBoy auf. Diese graue Helfertonne finde ich unmöglich geraten und störend für das Gesamtbild der ansonsten so nett gemachten Tropenwelt. Hätte man da nicht vielleicht lieber eine knallrote Kabelschutzrohrschlange entwerfen können, die sich den Schatzsuchern verstohlen zuwindet und dann ihre heißen Tipps hervorzüngelt?

Hey, JohnBoy“, begrüßt Pia das eisgraue Tönnchen. Keine Reaktion.

“Hab‘ gehört, hier gibt’s ´ne Schatzsuche“, versucht Pia es nochmal. Nichts.

„Hast du nicht irgendeine Info für mich?“, drängelt sie ihn jetzt. Nada.

Pia zückt ihren Zauberstrahl und mit einigem Klicken und Klacken ist doch nicht mehr rauszufinden als sein Name und einige inhaltsleere Profile.

„Sag an, Tönnchen, wo versteckst du deine Tipps?“, und dabei umrundet sie ihn kampflustig. Aber Tönnchen sagt nichts, schreibt nichts und sendet auch nichts. Pia gibt es auf; lässt die hässliche und funktionslose Tonne einfach stehen und macht sich selbst auf die Suche.

Kann sie vielleicht diese trötenden Elefanten reiten, die gegenüber so einladend mit ihren Köpfen schaukeln? Als sie die Brücke zu ihnen überquert, saust ein faustgroßer Feldstein knapp an ihrem Gesicht vorbei. Aufgebracht öffnet sie sein Menü und findet die Option „dive“. Spontan aktiviert sie und jumpt kurz darauf mit einem eleganten Kopfsprung in die Unterwasserwelt; taucht wendig wie ein Fisch durch die Fauna.

“Gar nicht schlecht“, denkt sie versöhnlich. Ich nehme ihr die Tauchoption wieder ab und wie von Zauberhand steht sie wieder genau dort, wo sie fast der fliegende Stein traf.

Dann springt sie auf das Floß, das einsam und alleine bis auf ein weiteres lebloses taubengraues Tönnchen seinen Weg vor und zurück durch eine nach oben hin verglaste Röhre verfolgt. Über Pia Piaggio glitzern die Sterne des nächtlichen Gridhimmels. Lustiges Affengegacker und liebliches Elefantentröten mischen sich immer mal über eine klimpernde Harfenmelodie, mit der die Westaflex-Welt beschallt wird.

„Ist das vielleicht ein elementare Patzer im Designkonzept; anstatt Rohre zu verlegen, Röhren zu bauen?“, überlegt Pia kleinkariert, während sie auf eine gruselig wirkende Grotte zuschippert.


Pia auf dem Floss

Die Röhre führt von der Jungle Cove in die Pirates Cove. Pia tastet nach dem Sitz ihrer Frisur und zippert sich Leggings und Rock zurecht. Wer weiß, am Ende würde sie jeden Moment Johnny, den Depp, in dieser Grotte treffen. Dafür möchte sie dann schon recht adrett aussehen.

„Mach‘ hinne, Tönnchen“, wirft sie diesem JohnBoy gebieterisch über die Schulter. Aber der kann nicht schneller. Auch das nicht.

„Der wird sich ja wohl nicht auch noch Linden$ damit verdienen?“, überlegt Pia kurz, dann tut sich vor ihr das Gitter von Pirates Cove auf.


Priatenschiff auf der Westaflex Insel

Eine stattliches Segelschiff, allerdings ganz ohne Piratenflagge, liegt dort vor Anker. Die Piraten scheinen allesamt noch zu schlafen oder das Schiff verlassen zu haben.
„Vielleicht liegen sie ja besoffen in der Unterwasserwelt von Jungle Cove rum“, erklärt Pia sich diese piratenleere Schaluppe und stakst auf den knarrenden Holzdielen herum.

„Irgendwo hier muss der Schatz doch sein“, knobelt es in ihr. Hektisch fährt sie ihren Zauberstrahl aus; zielt auf Fässer, Flaschen und Kisten in der Hoffnung, es würden Gold-Linden$ daraus explodieren. Aber keinem Objekt lässt sich auch nur irgendetwas entlocken. Ratlos setzt Pia sich auf ein Fass, randvoll mit echtem Grid-Rum.


Schatzsuche

„Warum muss das alles so schwierig sein?“, fragt sie sich und wünscht sich ganz simple, dem realen Menschenleben entnommene Plakate oder Schilder. Die könnten an der rohen Steinwand hängen und jedem Besucher, egal ob nun Newbie oder Senior-Resident, in verständlichen, ständig sichtbaren Worten Hinweise zu all den Abenteuern geben, die Pia hier angeblich entdecken kann, und doch nicht findet. Zu schade.

„Vielleicht hätte ich doch noch eine Weile auf Help Island bleiben sollen. Man scheint ja ein Avitur fürs Grid zu brauchen“, mutmaßt sie und blickt in meine Richtung.

Enttäuscht springt sie wieder auf das Floß mit dem stummen Infotönnchen und gleitet aus der grottigen Piratenhöhle zurück ins liebliche Tierparadies der Jungle Cove.

„Optisch war es ja recht nett“, denkt sie und unterdrückt dabei ein Gähnen. Sie ist nach wie vor alleine in der Westaflex Erlebniswelt und kann sich mittlerweile auch erklären, warum. Irgendwie geht in den Röhren eben nicht viel ab. Die Geräuschkulisse wird auf Dauer langweilig und nervt schließlich sogar. Was diese wild gemunkelte Schatzsuche angeht, ist sie davon überzeugt, dass es nur ein Gerücht war. Eine Finte, die Avatare anlocken sollte. Was offenbar auch nichts genützt hat.

„Vielleicht hätten die hier aus ihren Flexrohren einfach eine riesige Wasserrutsche bauen müssen, von innen so ähnlich wie eine Geisterbahn gemacht. Das wäre sicherlich eine Gaudi“, spinnt Pia Piaggio vor sich hin und gähnt dann nochmals kräftig.

Sie ist kurz davor, sich wegzuteleportieren, da entdeckt sie einen verheißungsvollen blauen Fleck auf dem Boden. Und „touch“. Und siehe da, es passiert doch noch was. Ein Fenster geht auf und fragt, ob sie in den Spaceclub teleportiert werden möchte.

„Ja klar!“, jauchzt sie und findet sich kurz darauf in der Westaflex-Disco wieder; einer weiteren schnurgeraden Röhre, gestaltet mit einer dunklen, bedrohlich wirkenden Leiterplattenoptik an den Wänden.


Westaflex Spaceclub

„Das ist ja mal was!“, ruft sie. Der Sound dröhnt ihr um die Ohren und zu ihrer großen Freude gelingt es ihr, sich von der schillernden Discokugel einige Tanzanimationen herunter zu holen.

„Yeah“, ruft sie und tanzt sich ihren Hansenfrust so richtig von der Seele. Und erstmals in der Westaflex-Erlebniswelt begegnet sie dem Reallife-Logo dieses Unternehmens. Es prangert unübersehbar für alle, die es dann in den Space Club geschafft haben, hinter dem DJ.


DJ Spaceclub

Auch in diesem Beatschuppen ist Pia ganz alleine. Und darum kann sie es einfach nicht lassen, diese Situation auszunutzen und nach und nach ihre Kleider abzulegen, und schließlich ganz nackt dort zu tanzen. Kurzzeitig genießt sie es, eine ganze Disco für sich und ihre intimsten Wünsche zur Verfügung zu haben.

„Aber bin ich hier denn wirklich so alleine, wie ich mich fühle?“, durchfährt es sie dann. „Oder kann mich etwa doch jemand dabei beobachten? Das graue Tönnchen am Ende?“.

Schnell kleidet sie sich wieder an. Besser ist das. Nicht, dass irgend jemand Pia Piaggios Profession noch falsch versteht. Es soll ja Avatarinnen im Netz geben, die sich ihr Taschengeld mit virtuellem Striptease verdienen.

„Nicht meine Liga“, murmelt sie und kleidet sich wieder vollständig an. Statt dessen danced sie noch eine Weile in einem der Rieseneier, die vielleicht das bevorstehende Rohr-Osterfest ankündigen sollen.


Pia tanzt in Second Life

Geschüttelt von „Tanz 5“ aus dem Dancepad-Menü schwitzt sie derweil aus allen Poren und beschwert sich.

„Ich will jetzt meinen Cocktail. Aber nicht da unten, an dieser einsamen Jungle-Bar, sondern da, wo mal was los ist. Beam me up, Stephy, na los!“

Okay, okay, meine liebe Pia, ich bringe dich da weg. Aber immer schön mit der Ruhe. Trotz Protest setze ich sie wieder an der einsamen Bar ab und zerre ihren Gratis-Piña-Colada aus dem Inventar, den ich ganz einfach mit der Suche nach „new items“ gefunden habe, auf sie. Drei Sekunden später nuckelt sie zufrieden an dem süßen Zeug und hält endlich ihren Mund. Diesen Moment nutze ich, um mich auszuloggen.

Den nächsten Teleport muss ich erst noch vorbereiten. Habe von einem deutschsprachigen Tutorial gehört, an dem Pia nochmal teilnehmen soll. Vielleicht hat sie den Schatz aus ihrer eigenen SL-Inkompetenz heraus nicht gefunden. Ausführliche Studien scheinen tatsächlich unumgänglich zu sein, um am virtuellen Leben teilzunehmen. Hat Westaflex seine Kunden etwa nicht ausreichend für die Schatzsuche geschult? Keine Broschüre mit einer Kurzanleitung an sie verschickt? Vielleicht sogar verpackt in einem Stück Rohr?

Ich habe leichte Verspannungen in der Röhrenwelt bekommen. Darum schüttle ich meine Glieder, hüpfe ein wenig durchs Haus und bringe damit meine abgesackten Körperschlacken in Wallung. Plötzlich frage ich mich, ob sich in den Wänden unseres Hauses wohl auch Westaflex-Rohre verstecken?

Markennamentechnisch hat diese Erlebniswelt einen Stempel auf meiner entlegenen Finca hinterlassen. Westaflex habe ich jetzt gespeichert. Das hat funktioniert. Ist ja schon mal super. Trotzdem hätte ich gerne den Schatz gefunden. Ich hatte das Geld schon fast ausgegeben; jeden Linden$ in meinem realen Leben untergebracht. Na ja, die Westaflex-Erlebniswelt hat Pia sich als Landmarke gespeichert und kann ja ihr Glück dort beizeiten noch einmal versuchen.

Kommentare

  1. Claas Hansen says:

    Vielen Dank für den netten, wenn auch kritischen Artikel und den Besuch auf der Westaflex Präsentation. Die Euphorie beim Kunden und bei uns war und ist groß, was Second Life betrifft. Wir sind aber dran und die Insel entwickelt sich laufend weiter, so dass sich ein Besuch immer mal wieder lohnt. Einfach mal reinschauen: http://slurl.com/secondlife/Hansen%20World/109/94/28/?title=hansen-creativ

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