Pia Piaggio besucht den Campus

Heute sehe ich weder Meer noch Berge. Tiefe Wolken drücken auf die Bäume und ich bin gespannt, ob das UMTS-Signal es durch diese Nebelwand auf die Finca schafft und ich mich ohne weiteres einloggen kann.


Regen auf der Finca in Spanien

Es funktioniert zunächst einwandfrei. Beim Starten von Second Life® erscheint für wenige Sekunden Pia Piaggio, wie sie grimmig an der leeren Cocktailbar von Westaflex hockt. Dann bricht das Upload jedoch ab und der Bildschirm wird schwarz. Oh, nein, Pia! Ich kann dich nicht erreichen! Ich versuche es mehrmals, komme aber nicht ran an meine Pia Piaggio; komme nicht rein ins SL.

Also mache ich, was Linden Lab vorschlägt und sende einen Hilferuf an die angegebene Adresse. Nur, welche Anrede verwende ich? Dear LindenLab? Hört sich ja banane an. Also lasse ich die Anrede weg, sondern schreibe nur: Please, help me, cannot activate my Pia!!! Best regards, Stephanie.

Wenige Minuten später habe ich eine Rückmeldung in der Mailbox. Die Adresse habe sich geändert und ich solle mich doch an die Haupt-Community wenden. Na super, geht das also los. Das große Problem unserer Zeit: Mit seinem Anliegen wird man hin und her geschickt, vertröstet und keiner ist wirklich verantwortlich. Das, übrigens, haben auch die Spanier sehr gut drauf und darum bin ich diesbezüglich eine Menge gewohnt.

Ich denke scharf nach und komme darauf, ganz spanisch zu reagieren und nichts weiter zu tun, als abzuwarten; es mit Pia einfach später noch einmal zu versuchen. Vielleicht liegt es ja ganz simpel an einem zu schwachen Signal bei diesem Nebel, versuche ich mich zu beruhigen. Meiner Pia wird schon nichts zugestoßen sein. Kann ja auch nicht, denn wenn ich mich auslogge, verschwindet auch Pia Piaggio aus dem SL, hat mich Michael systemmedien.de neulich aufgeklärt. Sie wird dort quasi unsichtbar, bis ich sie wieder aktiviere. Es besteht also kein Grund zur Beunruhigung, rede ich mir ein.

Sie soll ja heute den zweiten Bildungsweg beschreiten, nachdem sie seinerzeit Hals über Kopf von Help Island geflüchtet ist, ohne ihre Aufgaben wirklich gemacht zu haben. Dabei gibt es keine Möglichkeit, dorthin zurückzukehren, das wusste Pia. Aber ich den Ort Help Island Public gefunden habe, eine jederzeit und für alle Residents, egal ob neu oder alt, zugängliche Kopie der Einsteigerwelt, wo man alles noch mal lernen kann.


Help Island Public

Pia jedenfalls ist grantig, weil sie nun nicht richtig klarkommt mit ihrem Hightech-Umfeld. Ich würde sie so gerne aufmuntern, denn ich habe heute einige wirklich schöne Exkursionen vorzuschlagen, bei denen sie gar nicht merken wird, dass sie lernt.

Natürlich musste ich mich dazu ein wenig schlau machen. Es gibt auf Deutsch bereits einige gute Bücher zum Thema „Einsteigen ins SL“ bei www.amazon.de unter dem Suchwort SL, wobei viele Publikationen bisher nur auf Englisch erschienen sind. Die meisten der deutschen Titel sind unter der Kategorie Literatur auf Avameo ausführlich besprochen. Besonders gelungen und zum Nachschlagen unentbehrlich finde ich das Buch von Jörg Reichertz.

Und ebenfalls bei second-life-forum.eu bin ich schwer fündig geworden, was das Thema Hilfstutorials für Newbies angeht. Vor etwa acht Wochen gab es dort genau zwei deutschsprachige Videos zu dem Thema. Jetzt sind es schon sechs. Erwähnenswert ist auch das kostenlose Inworld-Kursangebot von sl-did.de. Im Schulungscenter auf Shark Habour finden jeden Abend Workshops zu den Grundlagen des SL statt. Jeden Donnerstag um 20.00 findet dort sogar ein Nähkurs statt, den auch Pia Piaggio beizeiten einmal besuchen soll.

Von wegen, der Hype ist vorbei. Besonders den Anfangsschwierigkeiten im SL widmen sich immer mehr Beiträge. Ist ja auch kein Wunder, denn trotz aller Unkenrufe scheint sich das Zweitleben immer mehr, immer besseres, immer nützlicheres Terrain im Erstleben zu verschaffen. In einem Beitrag zu einem virtuellen Vorlesungsprojekt der FH Köln RFH Köln ist zu lesen:

„Die Anzahl der Avatare ist steigend; pro Monat gibt es eine Zuwachsrate von rund 15%.“

Das war vor einem Jahr. Auch wenn diese goldenen Zeiten einen gewissen Einbruch erlitten haben, so purzeln doch tagtäglich viele neue Avatare ins Netz, um ihren Ideen im SL nachzugehen. Bei slinside.com gibt es dazu ständig aktuelle Zahlen. Und die können sich nach wie vor sehen lassen. Da ist es ja nur sinnvoll, den deutschen Newbies gescheite Unterlagen in ihrer Muttersprache mit auf den Weg zu geben.

Der Nebel hier auf der Finca lichtet sich langsam. Gegen elf kommt Wind auf und vertreibt die letzten Schwaden. Ich schalte mein Laptop an, sehe Pia zerknirscht an der Bar sitzen und – bin endlich bei ihr.

„Das wurde aber jetzt echt Zeit, Mensch!“, keift sie mich an und springt ungeduldig von ihrem Barhocker. „Und jetzt? Was machen wir jetzt?“, will sie sofort wissen.

Ich erzähle ihr von Samoa, einem Eiland im Grid mit einem deutschsprachigen Lehrpfad, den sie besuchen könnte.


Samoa

Architektonisch sehr wirksam ist der Pfad auf einer schwindelerregend hohen Plattform aufgebaut. Umgeben von modernem Design kann Pia Piaggio dort in aller Ruhe ihre Erfahrungen mit Notecards, Objekten, Attachments und dem Inventar machen.

Oder sie besucht die Deutsche Burgruine, die all das in einem gruftigen, abenteuer-lichen Umfeld anbietet. Dort gibt es auch eine Art Schnitzeljagd, bei der sie sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen Turmzimmer begeben kann.


Burgruine

Desweiteren steht noch die Pixel Expo II zur Auswahl. Dort präsentiert die FH Köln ihre Kompetenz als Medienhochschule und bietet neben einem weitläufigen Einsteiger-Tutorial auch noch aktuelle Inworld-Vorlesungen zum Thema Web3D an. Und natürlich – typischer Klüngel eben – mischt dort auch der WDR kräftig mit. Es geht um die Verknüpfung von realem Fernsehen und dem zweiten Leben. Gekrönt wird diese Lehrinsel von einer Ausstellung deutscher Künstler im Obergeschoss, deren Besichtigung heute jedoch nicht reinpassen wird. Ein ander Mal dann halt. (Anmerkung der Autorin: Da muss Pia sich aber beeilen, denn wenn keine neuer Sponsor gefunden wird, schließt die FH-Köln ihre virtuelle Fakultät am 09.06.2008.)

PixelExpo II

Sehr interessant hört sich auch das Angebot der VHS-Goslar www.vhs-secondlife.de an. In Goslar scheint sich eine sehr innovative und rührige Direktion um die Zukunft dieser traditionellen Einrichtung zu kümmern. Es gibt einen eigenen VHS-Lehrpfad, sowie das Veranstaltungsgelände Deutsche AvatArea und Lernturm. Dort finden jeden Tag verschiedene Workshops zu Themen aus dem zweiten und dem ersten Leben statt. Sogar ganz reale Sprachkurse kann man dort mitmachen. Donnerlittchen. Echt stark.


VHS Goslar

Die VHS bietet außerdem Inworld eine Qualifizierung für das SL an. In sechs Lerneinheiten bekommt man umfangreiches Wissen zu seinem Avatar und zum Grid und macht dann sein „Basic Certified (VHS)“ – Diplom, also so eine Art „ Master of Linden Lab“ Der nächste Prüfungstermin ist am 1. Juni 2008.


SL Diplom bei der VHS Goslar

Pia Piaggio hört sich meine Vorschläge schweigend an. Ohne dass ich etwas mache, wechselt sie immer mal die Haltung, dreht ihren Kopf, wirft mir einen betörenden Augenaufschlag zu. Alles ferngeneriert und durchaus effektvoll.
„Beam mich nach Samoa, Stephy. Der Name gefällt mir und dort will ich hin.“
Na wunderbar. Also auf nach Samoa. Im Menü „Suchen? gebe ich den Ort Samoa ein und nach ein paar Sekunden erscheinen im Fenster einige Adressen. Ich wähle das Deutsche Tutorial und bestätige den Teleport. Ein Soggeräusch ertönt und keine vier Sekunden später fällt Pia in ihren virtuellen Klassenraum, der umgeben von zahlreichen unidentifizierbaren Objekten in der Luft schwebt.

„Oh nein, ist das hoch!“, beschwert sie sich. „Und hier soll ich was lernen?“

Zum Glück bekommt sie sofort eine Willkommens-Notecard von Funaria Mooses angeboten. Neugierig bestätigt sie „behalten“ und schon öffnet sich Pias erste Notecard.

Funaria Mooses

Pia liest sie erst kritisch, dann immer erfreuter. „Hört sich gut an. Ich kann hier mein Inventar mit lauter Notecards füllen, auf denen einzelne Funktionen erklärt werden. Wenn ich die behalte, dann habe ich am Ende des Parcours ein eigenes Lehrwerk in meinem Ordner, wo ich jederzeit nachschauen kann. Das ist doch super! Komm, lass uns Notecards sammeln gehen.“

Vor Begeisterung hat Pia richtig rote Backen bekommen und schon stapft sie auf eine Wand zu, die offenbar voll mit diesen Infokarten hängt.


SAMOA Lehrpfad in Second Life

Da gibt es Themen wie Freundschaft, Liebe, Linden-Dollar, Jobs, Shops und Objekte. Nacheinander klickt Pia sie mit der linken Maustaste an, fährt ihren Zauberstarhl aus und erhält damit ein Kapitel nach dem anderen für ihr Inworld-Handbuch. Sie bekommt sogar eine Adressenliste mit immerhin über 100 sehenswerten Locations im Grid.

„Speicher diese Location-Notecard ruhig zwei, dreimal ab, damit ich sie auf keinen Fall mehr verliere, hörst du?“, verlangt sie von mir, während sie sich weiter umschaut.


PIA\'s Notecard in Second Life

Sie entdeckt auf dem FuFußboden eine große Papiertüte mit der verheissungsvollen Aufschrift „freebies“. Darin versteckt sich eine Adresssammlung der Orte, wo alle Avatare tatsächlich alles mögliche geschenkt bekommt: Sonnenbrillen, Bikinis, Frisuren, Schuhe, Accessoires, ja, sogar Tatoos könnte Pia sich da kostenlos in ihr Inventar kopieren.

„Da will ich hin“, jubelt sie.

Aber sie darf nicht. Das soll sie mal schön in ihrer Freizeit machen, aber nicht dann, wenn sie mitten im Unterricht ist. Wie gut, dass der Lernpavillon vollsteht mit interessanten Objekten. Jetzt eilt Pia auf ein vielversprechendes Plakat zum gescheiten Make-up einer ordentlichen Avatarin zu. Kann sie dort etwa das Schminken lernen?

Makeup in Second Life

Nicht ganz. Es geht um ihr Profil, ihre virtuelle Visitenkarte sozusagen, mit der sie sich den anderen Residents vorstellt. Auch ihr Geburtsdatum ist darauf vermerkt, ihre Interessen, ihre Zugehörigkeit zu Gruppen und so fort. Wenn ein anderer Avater sie mit seinem Zauberstrahl berührt, kann er das Profil öffnen und sich – von Pia völlig unbemerkt – die Informationen darin durchlesen.

„Da müssen wir aber noch was dran feilen, wenn dasn jeder so einfach sehen kann“, äussert sie mit gekrauster Stirn.

Dann reibt Pia sich die Augen und gähnt. Sie scheint ein wenig müde geworden zu sein bei ihrem Studium der Grundlagen des virtuellen Lebens. Kein Wunder, da gibt es auch wirklich eine Menge zu lernen. Sicherlich hat sie nicht alles behalten, was sie heute so gelesen und ausprobiert hat. Aber immerhin weiss sie jetzt, wo sie die wichtigsten Infos findet. Für die ganzen Notecards von Funaria Mooses legt sie in ihrem Inventar einen eigenen Ordner an und schiebt alle dort rein.

„So hat alles seine Ordnung“, meint sie, bevor sie sich in einen ferrariroten Clubsessel fallen lässt. Sofort räckelt sie sich darin genüsslich, murmelt noch: „Was für ein schöner Ausflug“, und schläft dann ein.

Leise logge ich mich aus. Second Life® verschwindet mit dem Communitygruss der lächelnden zartgrünen Hand und ich mache Feierabend für heute. Durch die Westfenster scheint die Sonne fast bis auf meinen Schreibtisch. Kräftiger Wind hat den Himmel wieder blitzeblau geputzt und von ihm werde ich mir jetzt dort draussen das virtuelle Leben aus dem Kopf pusten lassen. Ich muss dringend auf dem ganz realen Campo weiterkommen und mich um die Olivenbäume kümmern. Schließlich wollen wir ja im Real Life ein gescheites Olivenöl auf dem Tisch haben.

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