Pia Piaggio back to the roots

Wochenlang habe ich mich exzessiv mit meinem neuen Hightech-Equipment und den enormen Möglichkeiten des Onlineseins beschäftigt, und mein Büro so gesehen nur im Notfall verlassen.

Derweil haben die Olivenbäume kräftige Sockelsprosse aus ihrem Stamm herausgeschossen, die dringend entfernt werden müssen. Die Spuren des letzten Regens vor dem Sommer hat die strahlende Sonne schon weggetrocknet und nun gibt es hier normalerweise bis Oktober nur noch eine Wetterlage: Hitze und krustenharte Trockenheit. Das gefällt den Olivenbäumen zwar sehr, aber trotzdem brauchen sie alle Kraft für das Reifen ihrer Früchte, die schon in unzähligen Kügelchen die Baumkronen schmücken.

Olivenhain

Diese alten Kumpels erfordern viel Aufmerksamkeit, damit sie uns ab November reichliche, vor Öl triefende Früchte schenken können. Es war dringend nötig, dem Hain einige Stunden meiner Zeit zu widmen und sie für den Sommer fit zu machen. Fertig bin ich damit natürlich noch lange nicht. Auf dem Campo wird man niemals fertig. Bei etwa fünfhundert zu pflegenden Bäumen kann man gerade wieder vorne anfangen, wenn man hinten fertig ist www.oliveoilsource.com.

Nun ja, während ich meine Gliedmaßen über den gleißenden Hain von Baumfuß zu Baumfuß geschleppt habe, hat auf dem anderen Kontinent die Geschäftsführung von LindenLab einen neuen Platzhirsch in den Chefsessel gequetscht. Das lese ich gerade als die Meldung für Residents bei Mr. Topf.

Mit meiner neuen SL-Toolbar bin ich nämlich jetzt ganz vorne, was die aktuellen Informationen zum Second Life® angeht. Eine wirklich klasse Sache, diese kleine Leiste, in der sich so viel Wissenswertes verbirgt. Kann ich nur jedem empfehlen.

Jedenfalls herzlich willkommen in der Second Life® Community, lieber Mark Kingdon aka M Linden! Dieser junge Mann macht mir allerdings einen etwas verspannten Eindruck auf diesem heißen Stuhl. Er ahnt wohl schon, leicht wird sein neuer Job ganz bestimmt nicht werden. Gut vorbereitet ist er allenfalls; hat auf Harvard alles gelernt, was Erfolg ausmacht und schon eine Menge Erfahrung, was gigantische Projekte angeht. Im SL ist ihm viel Glück zu wünschen! (Anmerkung der Autorin: Derweil hat sich Mark Kingdon schon ein erstes Bild des Zustands im Grid gemacht und sieht die Dinge recht klar, wie ich finde.)

Mark Kingdon

Philip Rosedale geht uns glücklicherweise nicht verloren, sondern wechselt nur den Posten. Der smarte Strahlemann des allerersten Metaversums sieht ganz schön geschlaucht aus, wie ich finde. Pionierarbeit ist halt enorm anstrengend und oft auch undankbar. Fürs Grid sieht er die Chancen jedoch nach wie vor sehr positiv. Nun ja, ob dieser Wechsel für Pia Piaggio eine virtuelle Bedeutung hat, werden wir ja sehen. Am Anfang wird üblicherweise eben immer viel geschwätzt.

In Zeiten, wo man seinen Blick verstärkt in die Zukunft richtet, lohnt sich oftmals der Blick in die Vergangenheit. Man schärft dadurch die Sicht für das Wesentliche; den Kern der Dinge, aus dem alles entstand. Darum habe ich heute auch einen ganz besonderen Ausflug in meinem Zweitleben mit Pia Piaggio vor.

Ich treffe sie im Klubsessel von Funaria Moose. Sie hat sich blendend erholt und fühlt sich mit ihrem prallgefüllten Notecardordner „Tutorials“ gewappnet für jede Grideskapade.

„Wo hin teleportierst du mich denn heute?“, fragt sie forsch. Ins SL-History Museum auf Phobos, liebe Pia. Und schon saust sie durchs Metaversum.

SL History Museum

Phobos schimmert in den sanften Tönen des virtuellen Sonnenuntergangs. Ganz rosig leuchtet die reinweiße zweistöckige Museumsplattform, die halb ins stahlblaue Meer gebaut wurde.

„Das sieht aber irgendwie ömmelig aus. Meinst du, da gibt es überhaupt was zu sehen?“, will Pia wissen.

Tja. Recht dürftig wirkt das Museum, in dem die Geschichte des Second Life® dokumentiert wird, schon. Die Anordnung der Objekte auf den zwei vollständig offenen Ebenen hat geradezu minimalistische Züge.

Pia staunt

Pia schaut sich in aller Ruhe um. Ich habe ihr den Dress einer – sagen wir mal – Abiturientin auf Exkursion angezogen, um ein korrektes Erscheinungsbild in diesem Museum abzugeben. Ebenfalls eine neue Frisur habe ich ihr verpasst, ist doch dieses ganze Cyberpunkstyling mittlerweile ´ne olle Kamelle, wie ich herausgefunden habe. Auch Pia fühlt sich jetzt viel wohler mit ihrer sanft fallenden Mähne, anstatt mit diesen Zacken auf ihrem kahlen Haupt.

Das Ausstellungskonzept im SL History Museum besteht aus Showdisplays zu verschiedenen Themen, die der jeweils danebenstehenden Info-Säule in Form von Notecards zu entnehmen sind.

„Vielleicht soll diese offene, luftige Anordnung der Exponate das wahre Wesen des Grids widerspiegeln; ein in sich vollständig offenes System ohne viel Reglement“, überlegt Pia Piaggio scharfsichtig. „Darum gibt es bei der Museumstour wohl auch keinen festgelegten Anfang. Man soll sich einfach reinstürzen, so ist das vielleicht gemeint“.

Na dann mal los, Pia. Rein in die Geschichte des ersten Zweitlebens, das uns Menschen hier auf Erden ermöglicht wurde.

Primatar

Angefangen hat alles mit dem sogenannten “Primitar? der Version 1.0, dem Urahne aller Avatare. An Textur und Skin noch sehr arm, holperte er ungestüm über die ersten Sims und machte das Second Life® unsicher.

Taxi

Das Teleportieren kostete damals noch Linden$. Eine kostengünstige Alternative erfand jedoch sehr schnell der gute James Miller und gründete James Miller Taxi & Co. Er schickte allerhand seltsame Gefährte in den Gridhimmel, welche die Avatare in Kleingruppen herumschipperten.

SL Jahr 1

Das Metaversum war damals noch sehr übersichtlich. Die Karte vom 21. November 2002 zeigt ganze 16 Orte mit 13 Attraktionen. „Wie süß!“, entfährt es Pia Piaggio.

SL Jahr 2

Kein Jahr später, am 20. Oktober 2003 greift das numerische und alphabetische System schon nicht mehr, um die Gridlandschaft darzustellen. Neben einigen großen Kontinenten haben sich auch Insellandschaften und sogar vier exklusiv wirkende Inseln herausgebildet.

Diese Zeit steckt voll von Legenden und Gestalten, die auf den Notecards sehr lebhaft geschildert werden.

„Das hört sich so richtig kultig an“, meint Pia, als sie die Info „Through the Ages“ durchliest. „Der Philip, der hatte die Idee dazu unter der Dusche!“

Die Showdisplays spielen Dias zu den verschiedenen Themen ab. Festgehalten sind per Snapshot alle wichtigen Objektkreationen, Events oder Erinnerungen.

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Fehlen darf dabei auf keinen Fall der wackere Neo. Für die Einen verkörpert er eine neue Gesellschaftsform – anderen bereitet er Angst und Bange mit seiner Matrix.

Sehr interessant ist die Notecard „Did you know?“. Anfangs hieß das SL „Linden World“, liest Pia dort. Ein Tag im SL besteht aus drei Stunden Tages- und einer Stunde Nachtzeit. 10 SL-Tage entsprechen einem Erdenjahr. Der SL-Geburtstag ist am 23. Juni und erst 2003 ging das Projekt in die Öffentlichkeit; trat von seiner Alpha-Testphase in die Beta-Phase. Meine Güte, das ist ja erst fünf Jahre her!

National Hippo

Inoffizielles Maskottchen des Metaversums ist das Hippo. Kultstatus konnte sich das unförmige Tier dadurch erwerben, dass es im Forum das Thema war, welches am längsten und ausführlichsten innerhalb der Community bechattet wurde. Darum feiert die Community auch jedes Jahr am 15. Februar den SL National Hippo Day – der wichtigste Feiertag nach dem 1.April.

All das und noch viele, viele Links mehr stehen in den Info-Notecards, von denen Pia richtiggehend begeistert ist. „Die hatten ganz schönen Elan, die Begründer unserer virtuellen Welt“, stellt Pia fest.

Dabei scheinen auch gewisse Substanzen manchmal eine Rolle gespielt zu haben.„Geil, ein knatschgrüner Laden!“, jauchzt Pia hellauf begeistert. „Können wir da mal hin?“ Nein, leider nicht. Cannabis Cathedral ist geschlossen – äh, gelöscht worden. Sorry, Pia. Nix zu machen.

Pia Piaggio hat nun alles gesehen. Sie will jetzt einen Moment in dem gemütlich wirkenden Haus neben dem SL History Museum ausspannen.

Pia Piaggio

Bei einem Schluck tiefroten Weins resümiert sie die Exkursion. Das Museum hat ihr entgegen aller Erwartung sehr gut gefallen. Das schlüssige und konsequent durchgeführte Konzept hat sie in die Anfänge ihrer Welt zurückversetzt; dieses Metaversums, das einst allein aus den Ideen einiger verrückter junger Leute bestand.

Zu Hause

„Ich fühle mich auf einmal so richtig zu Hause im Second Life. Das ist schon eine verdammt kultige Geschichte, die dahinter steckt.“ Sie schweigt einen kurzen Moment. Dann sagt sie: „Und ganz schön viel Hingabe, Leidenschaft und Liebe steckt hier im Grid, findest du nicht auch, Stephy?“

Da will ich mich jetzt so nicht genau festlegen. Aber offen gestanden habe auch ich so etwas gespürt. Geradezu beseelt war diese erste Generation Linden, wie ich sie jetzt mal lapidar nenne, von der Verwirklichung einer funktionierenden virtuellen Welt, basierend auf rein benutzergenerierten Inhalten. „We are the world….we are the children…..“ summt es mir unwillkürlich durch den Kopf. Und dann weiß ich nicht mehr genau, wie der Text weiter geht. Da kommt noch irgendwas mit „….a better world…..“. Nun ja, sei’s drum für heute. Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

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