Pia Piaggio holt sich alles gratis

Heute ist Brotbacktag auf der Finca. Dank der deutschen Backmischungen von LIDL gibt’s bei uns seit einigen Jahren nur noch hausgemachte Stullen. Jahrelang haben wir uns in unserer neuen Heimat mit Weißbrot vollgestopft. Bekommt man hier in allen Formen und Größen. Aber meist gibt es nur Weißbrot und sonst gar nix. Die hiesigen seltenen Integral-Varianten schmecken entweder wie die allerersten Ökobrote leicht muffig oder kosten unverschämt viel Geld. Spanien ist nun mal ein Weißbrotland und daran ändern auch zig Deutsche nichts, die hier leben.

Brotbacken braucht seine Zeit; der Teig muss gemengt werden und mehrmals gehen, bevor er im Ofen goldbraun ausbackt und das Haus mit dem leckersten Duft der Welt erfüllt. Glücklicherweise bleibt mir die Arbeit des Holzsammelns und Ofenheizens erspart, da ich die Brote in einem ganz normalen Gasherd ausbacke und nicht den traditionellen Finca-Backofen benutze.


Backofen

Das tägliche Brot scheint ein banales Thema zu sein in Zeiten, wo es doch um Rechner, Autos, Jobs, Sport, Events und ein Zweitleben geht. Bei genauem Hinsehen jedoch könnte sich dieses Thema schon in Kürze wieder stärker in unser alltägliches Mühen hineindrängen. Bis zu 50% sind die Lebens-mittelpreise in Deutschland gestiegen. Damit gerät das ordinäre Frühstücksbrötchen in die gefährliche Zone von 50 Cent pro Stück. Nicht schlecht. Und so richtig delikat, wenn ich daran denke, dass ich für 0 Cent nach Deutschland fliege. Irgendwas stimmt daran doch nicht. Da ist es eigentlich gar kein Wunder, dass viele Menschen Zuflucht im virtuellen Leben suchen. Da stimmt wenigstens noch das Preis-Leistungsverhältnis.

Für knapp 3,-€ kann man sich in seinem Zweitleben einen ganzen Monat lang in einem Hotel einmieten. Ein schönes Haus bekommt man ab etwa 6,-€, die Einrichtung findet man in zahlreichen virtuellen Möbelhäusern. Im begehrten Apfelland ersteht man derzeit für 29,90 € ganze 1.024 qm Land; eine komplette Insel kann man für schlappe 79,-€ im Monat mieten. Für Lebensmittel geben Avatare normalerweise gar kein Geld aus. Eher schon für die Ausstattung an Klamotten, Skins, Shapes und Accessoires jeder Art und jeder Preisklasse. Verglichen mit den Preisen im Reallife kostet das alles im Grid jedoch nur ein Kleckergeld. Das ist eben das schöne an einer Mikrowährung.

Und immer ist es das Kleinvieh, das den Mist macht. Im Second Life® wurden im April 2008 in 24 Stunden im Durchschnitt 1,5 Millionen US-Dollar ausgegeben. Eine bemerkenswerte Summe, die in Form von Linden$ täglich den Besitzer wechselt. Verprasst wird die virtuelle Kohle für ein stimmiges, gediegenes Leben im Grid; für Klamotten, Häuser, Autos, Partys, Unterhaltung, aber auch für wirtschaftliche Unternehmungen. Per PayPal oder VISA kann man derzeit 10.000 Linden$ für ca. 28,- € erstehen – rein marginal ein erstrebenswertes Tauschgeschäft, wie ich finde.

Noch sympathischer am Second Life® allerdings ist, dass man all das, mit Ausnahme von Land, auch völlig umsonst in Form von Freebies bekommen kann. Unzählige dieser Gratisobjekte wabern im Grid herum und warten nur darauf, vom fündigen Avatar in sein Inventar, in seine Habseligkeiten also, kopiert zu werden. Heute mache ich mit Pia Piaggio die Probe aufs Exempel. Sie hängt mir noch immer mit ihrer „coolen“ Jeans in den Ohren, die sie unbedingt tragen möchte. Na, dann schau ich doch mal, wo Pia Piaggio ihre Gridjeans geschenkt bekommt.

Einschlägige Adressen für das Ergattern von Freebies findet man zum Beispiel bei „Auszeit Nehmen“ und in den Second Life® Foren oder Blogspots. Derzeit wieder voll angesagt sind die Freebies von Apfelland. Gut bedient ist man auch auf Help Island Public, wo LindenLab selbst einen Freebie-Store unterhält, der für geprüfte Angebote bürgt.

Sucht man Inworld nach Freebies erscheinen etliche hundert Einträge. Es gibt sehr spezielle Gratisparadiese beispielsweise für Sex, Waffen oder Vehikel, oder jene Stores, die von Augen bis Zelten alles im Programm haben. Das Präsentationskonzept ist unterschiedlich.

Mal werden die Geschenke in Kisten angeboten, die man alle erst öffnen muss, um den Inhalt zu erkennen, wie zum Beispiel im Freebie Warehouse.


Warehouse

Oder es herrscht eine flohmarktähnliche Atmosphäre und die Objekte stehen thematisch grob geordnet in einfachen Regalen wie im Free Bazaar Stillman.


Free Bazar

Oder den Avatar erwartet ein weitverzweigtes Kellergewölbe wie bei Freebie Dungeon mit einem fast schon erschlagenden Angebot an virtuellen Gratisprodukten.


Freebie Dungeon

Bevor Pia Piaggio sich jetzt in den Freebierausch stürzen kann, muss ich nur kurz die Brote in den Ofen schieben. Die Eieruhr tickt fröhlich vor sich hin und ich logge mich beruhigt ein. Ihr schrilles Schellen wird mich aus meinem virtuellen Leben holen, wenn es dann so weit ist. Also, dann mal Tach, Pia Piaggio.

Sie ist sofort hellauf begeistert. „Yeah, auf Freebie-Jagd gehen, was ´ne spitze Idee!“ Dabei glänzen ihre Augen im virtuellen Mittagslicht. „Mach mir den Teleport. Los doch!“, greint sie wie ein heiseres Partygirl.

Mach ich, Pia. Dein Teleport geht in The Gnubie Store – einem geradezu klassischen Ort für Freebies.


Gnubie Store

Das dreistöckige Backsteingebäude erinnert an eine Fabrikhalle mit seinen bodentiefen Fenstern. Aus der Ferne wirken die Etagen jedoch leer.

„Meinst du wirklich, da finde ich eine Jeans?“, wirft Pia mir im Vorbeifliegen zu. Dann landet sie vor der großzügigen Treppe. Neugierig steigt sie hinauf.


Gnubie 1

„Wow!“, entfährt es ihr, als sie in der ersten Etage ankommt. Sie zieht die Nase kraus. „Das riecht hier total nach…..Holz.“ Kein Wunder, bei dem Boden. Der riesige Raum wird nur von einigen Stellwänden aufgeteilt, auf denen die Freebies einzelner Designer angeboten werden. Tatsächlich kann sich Pia hier alles umsonst holen, was das Avatarleben so erfordert: Häuser, Möbel, Autos, Texturen, Skripte, Displays, Haare, Augen, Shapes, Skins, Schmuck, Unterwäsche, Schuhe und so fort.

„Das ist ja mal klasse!“, ruft sie und erschrickt ein wenig von dem Hall ihrer Stimme in dieser übergroßen Fabriketage. Verschreckt schaut sie sich um, und siehe da, Pia ist ausnahmsweise mal nicht ganz allein in dieser Location. Vier bis fünf weitere Avatarinnen schwirren durch die Etagen und fahren ihren Zauberstrahl auf die Objekte ihrer Wahl aus.


Gnubie 2

„Da hast du ja echt mal ´nen coolen Ort ausgewählt“, lobt mich Pia. Ja, finde ich auch. Die Objekte sind sehr übersichtlich präsentiert und handverlesen. Schließlich bürgen dafür die Namen der Designer. Das Angebot scheint exquisit zu sein, lockt es doch nicht nur die Newbies mit ihrem leeren Inventar an, sondern auch augenscheinlich gut ausgestattete Residents, die immer mal wieder vorbeischauen und mit klackendem Schuhwerk über die polierten Holzbohlen schreiten.


Avatare

Geredet wird wenig. Zu beschäftigt sind die Avinnen mit der Auswahl ihrer Gratisobjekte, die manchmal nicht ganz kostenlos sind, sondern einen symbolischen Lindendollar kosten. In Euro ist das weniger, als ein Kaugummi kostet: knapp 3Cent. Wenn Avin dafür ein edles Schmuckset, ein Haus oder ein Ballkleid bekommt, will ja niemand motzen.

Das klare Konzept des Gnubie Stores verführt nicht dazu, das Inventar mit lauter Plunder vollzustopfen, den man selbst gratis nicht gebrauchen kann. Hier gibt es nur das Wesentliche und dies in einer durchweg guten Qualität.


Haus

Zum Beispiel sind Häuser und Einrichtung mit PRIM-Angaben versehen, was gar keine unwesentliche Rolle spielt, wenn man Land mietet. Die Objekte, die man dort aufbauen kann, zählen in PRIMS – weniger ist also mehr.

Auch ein Fisch oder ein luftiger Gartenpavillon können zu erheblicher Lebensqualität im Grid beitragen und sind darum nicht als Firlefanz einzustufen. Aber Pia Piaggio will weder Haus noch Goldfisch. Sie hat nur ihre „coole“ Jeans im Kopf. Trotzdem steckt sie sich noch ein Utensil aus dem breiten und doch zweckmäßigen Angebot in ihre Habseligkeiten.


Goldfisch

Die Solarpanels haben es ihr irgendwie angetan. „Ist doch toll! Wenn ich bald mal irgendwo wohne, habe ich den Strom gleich gratis“, visioniert sie. Na, da bin ich ja mal gespannt, ob das im Second Life® auch so einfach geht, wie auf der Finca.

„Und jetzt hole ich mir meine Jeans“, meint Pia entschlossen. Sie segelt in die mittlere Etage und stellt sich vor die Wand ihrer Wunschjeans.


Solarpanel

Dann fährt sie ihren Zauberstrahl auf die vielversprechende REBEL HOPE Kollektion aus. Der SL-Menükuchen erscheint und Pia wählt „buy“. Gleich darauf öffnet sich oben rechts ein blaues Fenster, mit dem sie das Angebot annimmt. Dann erscheint ein graues Fenster und lädt den ihr offerierten Inhalt.


Freebies

Das Outfit besteht aus Jeans und Shirt und einer Landmarke des Mainstores für 0 Linden$. „Super!“, jauchzt sie und bestätigt die Annahme. Dann drängelt sie mich, die Jeans anzuziehen.

Klamottenwechsel ist für mich mittlerweile zum Kinderspiel geworden. Es hat etwas von den zahllosen Nachmittagen, an denen ich meine drei oder vier Barbiepuppen unermüdlich an- und ausgekleidet habe. Ich öffne statt eines Schranks das Inventar und ziehe die neue Jeans auf Pia.

„Und?“, fragt sie erwartungsvoll. „Steht mir die?“


Jeans

Ich finde schon. Das ist mal ´ne echt coole virtuelle Jeans. Aber, was riecht hier in meinem RL eigentlich so….brandig? Oh nein! Habe ich etwa die Eieruhr überhört? Aber mitnichten. Ich erinnere mich dunkel an ihr Schellen; dachte noch: „Du musst das Brot rausholen“, vergaß es jedoch sogleich und geierte statt dessen mit Pia nach Freebies. So ein Mist! Da habe ich mich doch glatt in meinem Zweitleben verloren. Meine Gier hat mir wohl einen Streich gespielt – na super: Pia Piaggios Inventar ist vollgestopft mit Jeansmodellen und in meinem RL gibt‘s heute Abend nichts zwischen die Zähne. Aber shit happens nun mal.

Ciao Pia, ich muss das Brot retten – falls es noch etwas zu retten gibt. Es riecht verdammt verbrannt, das muss ich schon sagen. Dass ich davon nichts, aber auch gar nichts gemerkt habe, das beschäftigt mich jetzt sicher eine ganze Weile.