Pia Piaggio schippert nach Barcelona

Pia Piaggio

Wie jedes Jahr fallen die Medien derzeit wieder ins tiefe kühle Sommerloch. Was soll man sich auch die Finger wundtippen, wenn’s doch keiner liest. Wen interessiert schon das Second Life an einem realen weissen Sandstrand mit Palmenhimmel, im Hintergrund das Scheppern der Eiswürfel im Shaker, nebendran ein braun gebrannter Körper zum Anfassen nahe?

Da muss man sich schon was einfallen lassen, um die Leser anzulocken. Das aktuelle TOUCH-Magazin hat sich als Lockstoff eine Sommerlochrabattaktion ausgedacht. Nicht schlecht. Ich meinethalben will Pia Piaggio heute in mein Wahlheimatland Spanien entführen. Im virtuellen Sim-Angebot ist Valencia, Ibiza, Katalonien und natürlich DIE spanische Stadt schlechthin: Barcelona.


Leuchtturm

Es weht ein sommerliches Lüftchen vor der Hafenstadt. Vereinzelte Wolkenfetzen stürmen quer über den Himmel. Das Mittelmeer glänzt carmelotblau im Sonnenlicht. Behäbig schippert Pia am Leuchtturm vorbei.


angedockt

„Hey, cool, so ’ne Seefahrt, die ist ja lustig! Sind wir etwa schon angekommen?“ Enttäuschung schwingt in ihrer Stimme mit. Sie hat es sich im Schiffsbauch bequem gemacht und will gerade einen leckeren Cocktail aus ihrem Inventar zerren. Aber daraus wird erst mal nix. „Na, dann muss ich diese schöne Jacht wohl verlassen“, seufzt sie und klettert aus der Kombüse.


Barcelcona

Flankiert von einem zerklüfteten Bergmassiv erwartet sie das Empfangsgebäude des virtuellen Barcelonas.


Pia Piaggio

Von der ersten Etage aus hat Pia einen prima Blick auf das, was vor ihr liegt; das, was es heute zu entdecken gibt. „Ist ja schrill“, bemerkt sie entzückt, „die haben hier ein Aquarium unter der Glasdecke. Da oben schwimmen Fische herum, schau doch mal!“

Ich schaue ja. Nur irgendwie bin ich enttäuscht von dem Ausblick. War ich doch so naiv und hatte mir Barcelona eben wie Barcelona vorgestellt. Den Parc Güell, die Sagrada Familia, die Ramblas – all das hatte ich virtuell hier erwartet. Natürlich war das total dumm von mir, denn für so was ist ja nicht das Second Life gut, sondern eher Twinity.


Pia Piaggio

Barcelona Virtual ist eine eigene übersichtliche Sim mit bislang 10 verschiedenen Locations. Es gibt zum Beispiel den Alten Leuchtturm, ein Kino, einen Meditationskreis, die BV-Towers oder auch die Member‘s Lounge.


Strand

Selbstverständlich ist ebenfalls einen Strand im Angebot. Er ist um diese Zeit wie leer gefegt. Die animationsbestückten Handtücher warten auf sonnenhungrige Avas und Avinnen, die an der virtuellen Playa ein wenig ausspannen möchten.


Skins

Ein paar Schritte weiter kann man den entsprechenden virtuellen Körper zum Sonnenbad erstehen. „Die haben aber saftige Preise“, entfährt es Pia. „Fast tausend Linden für ein Skin – das ist ja Wucher!“, dünkt es ihr. Tja, Barcelona ist eben ein recht teures Pflaster. Schon immer gewesen.


Tanzfläche

Gleich gegenüber von der Skin-Boutique dröhnt heftiger Sound aus einigen basslastigen Lautsprechern. Die Tanzfläche besteht aus vier Monitorfeldern, die in wechselnden trippigen Farbflashs aufleuchten.


Tänzer

Gedanced wird komischerweise jedoch nebendran auf einem stadtrattengrauen Bodenbelag. „Die verdienen Geld damit“, behauptet Pia. „Echt wahr. Das sind Camper.“


Camper

Tatsächlich. Drei bis sechs Linden$ haben diese tanzwütigen Residents im Schnitt schon verdient. Ist dies nun ein Fall von Bots oder ganz normale Arbeitsvermittlung? Das kann sicherlich nur der Experte dieses Themas, Nuschi Martynov, entscheiden. Der ist allerdings gerade von seinem Hausarzt in Kur geschickt worden. Wegen Botspottingsucht. Ihm ist strikteste Bot-Abstinenz verordnet worden; da können wir ihn in den nächsten zwei Wochen auf keinen Fall belästigen.


DJ

Jedenfalls hat die Insel einen ganz offiziellen Soundmeister: DJ Gargola.


Premiere war am 28. Februar – mehr Info gibt es nicht. „Schade. Der macht bestimmt hitzigen Sound“, vermutet Pia und schlendert weiter.


Tower

„Was ist das denn? Ein Bodenmosaik?“ Jain, Pia, es ist quasi ein mosaikdekorierter Sandkasten. „Ach so. Da könnte ich also in Ruhe bauen, wenn ich es denn könnte.“ Sie linst mich leicht vorwurfsvoll an.


Bodenmosaik

Apropos Bauwerke. Dieses Gebäude nennt sich Towers. „Dabei ist das doch nur ein Turm“, wundert sich Pia.


Gaudi

Vielversprechend klingen die Namen der einzelnen Stockwerke. Dali, Miró, Gaudi heißen sie zum Beispiel. Blöd ist nur, dass der Teleport nicht funktioniert.


Aussicht

Darum kann Pia sich die Stockwerke leider nur von Außen anschauen. Ehedem sind auch noch nicht alle Etagen eingerichtet. „Fantastischer Ausblick, den die hier haben“, schwärmt sie und schmachtet das seichte Mittelmeer an. „Aber ist das hier wirklich typisch spanisch?“, will sie von mir wissen. Jain, muss ich ihr nun schon zum zweiten Mal antworten. Dieses architektonisch ziemlich abgefahrene Gebäude ist auf jeden Fall typisch für die barcelonischen Baukünstler. Aber klar, so richtig spanisches Flair hat das nicht. Vielleicht finden wir davon etwas im Café Domenech?


Cafe

Die geschnitzte Holzpforte, die mit Kachelbruch verzierten Säulen und die kitschigen Glasfenster muten jedenfalls schon eher spanisch an.


Innenraum

Sehr typisch dann der Innenraum: die unbequemen Bistrostühle, das altmodische Buffet und der obligatorische Zeitungshalter an der Wand. Die Speisekarte im platzsparenden Ständer sowie der Spender hauchdünner Papierservietten auf dem kleinen Marmortisch sind an Originalität wohl kaum noch zu übertreffen.


Konzert

Recht untypisch wirkt dagegen der Konzertflügel mitten im Gastraum unter der bunten Glaskuppel, ist es doch eines der eher selten gesehenen Instrumente hier im Lande. „Bohhhr, hier mal bei Sonnenuntergang einem Konzert zu lauschen – das wäre es ja wohl!“, zwitschert Pia drauflos. Da gebe ich ihr völlig recht. Nur: Wie um alles in der virtuellen Welt lässt sich herausfinden, wann hier mal eine Darbietung stattfindet? „Da hat es noch echte Informationslücken“, konstatiert Pia Piaggio und kann mir auch keinen Ratschlag geben.

„All zu viel zu sehen gibt es in dieser virtuellen Weltstadt ja nicht“, bemerkt sie einige Augenaufschläge später. Jain, nun zum dritten und letzten Mal. Das hier ist nur eines, das offizielle virtuelle Barcelona. Daneben gibt es noch ein paar andere Barcelona-Locations, die von unterschiedlichen Gruppen oder Firmen betrieben werden.


Übersicht

Ebenfalls besuchen könnte Pia Piaggio beispielsweise den Real oder Gaudi’s Place, die Diagonal, den Marktplatz, die Baukunst von Mies van der Rohe, eine Jobbörse, den Pavillon der Weltausstellung oder den Freebie Barcelona Pavilion.

„Hört sich gut an. Kann man ja mal abklappern“,

findet Pia. „Und was ist mit einer Uni? Gibt´s die auch im virtuellen Barcelona?“


Uni

Aber selbstverständlich. Die schon lange existierende Fernuniversität der Stadt geht auf Weltreise und nennt sich IL3, Institute for LifeLongLearning. Studieren kann man, was das Herz begehrt.

Und natürlich hat das einzigartige Barcelona auch virtuell mit etwas zumindest sehr Seltenem aufzubieten.


Arrel

Eines der angesagtesten Restaurants des realen Kult-Stadtteils El Born veranstaltet Kochkurse im Second Life. Der Chef Manuel Diez aka Chef Uriza verrät interessierten Avataren alles über die gekonnten Kreationen seiner hausgemachten Gaumenfreuden. Um jegliche Sprachbarrieren zu umschiffen, wird unter anderem Englisch gesprochen. Das kurze Video dazu hat Pia völlig verzückt.

„Oh Wow, ist der Koch süüüüssss!!! Hör zu, Stephy, ich will u-n-b-e-d-i-n-g-t an so ´nem Kochkurs teilnehmen, ja?“,

fordert sie eindringlich. Ja doch, Pia, ich werde schon rausfinden, wann der Nächste stattfindet. Muss ich ja bei nur Nicco Kuhn via IM nachfragen.

“Aber richtig wichtig ist mir jetzt noch eine Sache. Du hast immer von diesen Olivenbäumen gesprochen, die bei dir auf der Finca stehen. Wie sieht denn so ein Baum nur aus? Wenn ich hier tatsächlich in Spanien bin, wird es doch wohl irgendwo einen solchen Baum geben.“


Olivenbaum

Na klar, Pia, da ist doch schon einer. „Dass der einfach so aus dem Wegepflaster herauswächst“, wundert sie sich. Wollen wir’s doch insgesamt nicht so genau nehmen – ist ja alles virtuell. Schließlich haben sich schon so manche kleinen und großen Maler fast die Finger daran gebrochen, den Olivenbaum möglichst lebendig wiederzugeben. Wohl keine andere Baumart ist so reich an Struktur und Farbnuancen oder bildet einen so eigenwilligen Wuchs aus. Es wird gemunkelt, die ersten Buchstaben seien in ihrer Form den gewachsenen Ästen der Olivenbäume entnommen. Weiss man’s?

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