Pia Piaggio als Literaturscout

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Das Schreiben erfreut sich heutzutage zunehmender Beliebtheit. Der Zeitgeist scheint einen Aufzeichnungsdrang zu evozieren, der immer weitere Blüten treibt. Models, Tennisspieler oder Entertainer werden zu Autoren, aber auch Beamte, Hausfrauen oder Schüler. Tendenz steigend.

Lektorate klagen

Und dennoch klagt der Buchhandel und jammert das Verlagswesen. Aktuell schlägt man sich wieder mal mit den Wehen der bevorstehenden Buchmesse herum und in diesem Jahr besonders, weil auch noch ein Jubiläum zu feiern ist. Von den fast 100.000 Titeln, die deutsche Verlage jährlich veröffentlichen, werden nur wenige Dutzend das lukrative Überleben dieser Branche in Form von Bestsellern sichern, versichert man dort immer wieder. Gegenüber neuen oder unbekannten Autoren halten die Verlage sich gemeinhin verschlossen, denn die Lektorate ersticken vor lauter Manuskripten, obwohl sie davon doch eigentlich leben sollten. Aber irgendwas scheint da nicht richtig zu laufen. Man könnte in Anbetracht der sich anbietenden Textflut heutzutage tatsächlich von einer Dysfunktionalität des deutschen Literaturbetriebs sprechen, da er dem Ansturm der Wörterwogen mittels des klassischen Druck- und Vertriebsverfahrens offenbar nicht mehr gewachsen ist.

Auf die Leser kommt es an

Nur: Wo bleiben da eigentlich die Leser? Sind es nicht letztendlich sie, für die Autoren, Verlage und Buchhandlungen arbeiten? Na klar, alle Genannten wissen, dass der Erfolg eines Buches von den Lesern gemacht wird. Zu ihnen wird die Magie der Worte getragen oder, beim Sachbuch, die Information geschickt. Die Leser entscheiden über ein gutes oder schlechtes Buch, sonst niemand. Aber eben auch nur, wenn sie es denn können, sprich, wenn sie einen Zugang zum Werk bekommen.

Veröffentlichen ganz modern

Zugang ist hier nicht interpretatorisch gemeint, sondern ganz simpel. Um einen Text lesen zu können, muss er veröffentlicht sein. Traditionell sorgt dafür ein Verlag, der die Texte druckt und als Buch verkauft. Daran tat sich lange nichts Aufregendes, bis das deutsche Verlagswesen mit Books On Demand konfrontiert wurde. Ignoranz und Spott war die Antwort der Gutenbergschen Gilde auf die Idee, Bücher als Datensatz abzuspeichern und erst im Moment der Bestellung eine Hardcopy zu drucken. Ein nächster Schritt war das Web 2.0 mit seinen zahllosen Foren, in denen Autoren ihre Texte als Datei hinterlegen und statt einer Hardcopy ein pdf anbieten. So muss der Leser zwar auf das klassische Buch in seinen Händen verzichten, kann aber trotzdem sein Interesse verfolgen. Ein recht neuer Schritt ist das E-Book, wodurch das Lesen von Online-Texten komfortabler und effizienter wird. Verdeutlichen soll diese Aufzählung nur, wie weit sich das Verhältnis von Autor und Leser vom klassischen Verlag
entfernt hat. Es gibt vielfältige neue Wege, wie Wörter sich verbreiten. Das herkömmliche Buch soll dadurch keinesfalls ersetzt werden, sondern erfährt von seinem Zweck her einfach nur weitere Variationen. Allerdings wird damit die Diktatur der Lektorate durchbrochen und dem Leser durch seinen Onlinestatus ein neues Instrument an die Hand gegeben, seine Lesekost selbst zusammenzustellen.

Virtuelle Lesekost

Auch das Web 3D bietet sich dafür an. Dort entwickeln sich nach und nach Literaturzirkel, wo über Bücher diskutiert wird oder wo Autoren sogar virtuelle Lesungen halten und mit ein paar Mausklicks Zuhörer aus der ganzen Welt in den Bann ziehen können. Das Ganze geht vom heimischen Schreibtisch aus, kostet nur die Flatrate und garantiert für eine echte Nähe von Autor und Leser sowie für ein spontanes Echo auf die verfassten Worte. Wie es derzeit um die virtuelle Literaturwelt im Second Life bestellt ist, das fragen wir doch einfach mal Pia Piaggio.

„Na, da überrumpelst du mich vielleicht“, stöhnt sie auf. „Das ist doch ein riesen Thema. Das kann ich nicht in drei Sätzen beantworten“, mäzert sie. Aha, ein riesen Thema ist das also.

„Ja, da ist eine ganze Menge los im Grid. Die Gruppe German Writers zum Beispiel managed der JoergPaul Rodenberger. Den kennst du ja wohl“, unterstellt sie mir schulmeisterlich. Ööööhhhh, kenne ich den? „Na klar, der hat doch dieses super Buch geschrieben. Jörg Reichertz heißt der im RL“, klärt sie mich auf. Na klar kenne ich ihn. Hatte nur sein aka nicht präsent.


Oliver Losaberidze

„Und dann ist da noch der Oliver Losaberidze. Kennst du den etwa auch nicht?“ Doch Pia, warte mal, heißt der nicht im ersten Leben Oliver Buslau und ist Krimiautor? Und macht er nicht auch die ganz reale TextArt, das Magazin für Kreatives Schreiben?„Genau. Der. Er hat einen kleinen Laden im entzückenden Koblenz. Da stellt er seine Bücher und Projekte vor. Aber ist sein neuer Buchtitel nicht Neandermord?“, überlegt Pia laut. Ich glaube auch. Aber egal, Schängels Schatten hört sich auch nicht schlecht an.


Sameja Lomba

„Na, und wenn wir schon bei Krimis sind, kommt ja automatisch die Sameja Lomba ins Rennen.“

Sie wirft mir einen vielsagenden Blick zu. „Dahinter steckt Ingrid Schmitz, die Krimiautorin. Sie hat ihre Literaturburg im Second Life“, belehrt sie mich. Dann ein wenig zugänglicher: „Aber an die Renate kannst du dich ja wohl erinnern?“


Renate Lubitsch

Renate? Meint sie vielleicht Ruth? „Quatsch mit Prims, ich meine Renate Lubitsch aka Frank Sorge. Damals, diese irre Lesung auf Financial Island.“ Ach so, ja klar, daran kann ich mich sehr wohl erinnern. Einen kurzen Moment denkt sie nach. „Aber am meisten los macht derzeit wohl Zauselina Rieko.“ Oha, wer um alles in der Gridwelt ist das? Jetzt betrachtet Pia mich mit leichtem Spott. „Das ist ´ne Frau, die baut keine literarischen Luftschlösser.“ Sondern, Pia, was
denn dann? „Die baut sich einfach eine Sim, nennt sie Literature in the Sky und legt sich da oben mächtig ins Zeug für beflügelnde Wörter.“ Sehr konkret, Pia, danke. Aber was macht sie denn da? Wörteraerobic? Pia kichert. „Auch nicht schlecht. Aber bevor ich hier lange herumrede, lass uns Zauselina doch einfach mal besuchen. Dann kannst du selbst schauen, was da oben so los ist.“


Im Himmel

Pia saust auf den literarischen Himmelskörper zu und ruft über ihre Schulter: „ Zauselina ist noch mitten im Aufbau. Hier ist momentan nur das Nötigste gebaut.“ Passt ja. Schließlich geht es bei Worten um Inhalte und nicht um Schnörkel.


Lesetempel

In ihrem Reallife ist Zauselina Rieko studierte Germanistin und Autorin. Sie weiß um die Bedeutung von Worten und nimmt ihr virtuelles Literaturprojekt dementsprechend ernst.


Zauselina Rieko

„Huhu, Zauselina!“, ruft Pia in den Chat. „Hi Pia :-))”, kommt es zurück. „Bin gerade am Umbauen. Schau dich ruhig in Ruhe um, aber es fehlt noch sehr viel….:-( “ „Macht doch nichts“, beschwichtigt Pia sie und stakst in den hohen Raum.


Rezeption

Rechts am Eingang wartet eine Rezeption. „Zauselina bietet verschiedene Initiativen für literaturinteressierte Residents an“, erklärt Pia zu mir gewandt. „ Es gibt die Autorengruppe „Brennende Buchstaben“ , die sich regelmäßig trifft und unter anderem Lesungen organisiert. Oder die „Wort-Schmiede“ für Autoren. Da kann jeder seine Texte vorlesen und dann fachsimpelt man darüber.“


KrümelKram

„Genau, Pia,“, wirft Zauselina ein, „aber auch Leser kommen hier auf ihre Kosten, denn da ist noch das BookCrossing und nicht zu vergessen, das Kafé KrümelKram. Da treffen wir uns jeden Morgen um neune zum Quatschen.“


Buchrezensionen

Allerdings werden dort bislang keine Heißgetränke serviert, sondern Buchtitel. „Noch ist das Regal ziemlich leer“, räumt Zauselina ein, „ aber nach und nach nehme ich weitere Titel dazu. Wenn du auf das Buch klickst, bekommst du eine Notecard angeboten. Dort kannst du dann eine Rezension über das Buch lesen.“ Sie nickt dabei nachdrücklich.


Anfang

Pia tritt näher an das Regal heran. „B. Travern, Matt Ruff, Orhan Pamuk, James W.Nichol“, liest sie mir vor. „Ist auf jeden Fall ein Anfang“, findet sie. „Ist viel Arbeit“, unterstreicht Zauselina, „denn hier sollen wirklich nur gute Titel aus dem Bücherdschungel stehen.“


Gruppenanthologie

„Wir planen auch eine eigene Anthologie. Mit Texten aus der Gruppe“, plaudert Zauselina aus. „Ein echtes Buch?“, fragt Pia. „Ja“, nickt Zauselina andächtig, und ich muss prusten, weil was ist denn nun ein echtes Buch beziehungsweise was ein unechtes? Aber egal. Für die geplante Anthologie wird jedenfalls ein realer Verlag gesucht, damit´s auch wirklich ganz echt wird.


Kinderbuch

„Und da vorne sind einige Kinderbücher.“ Zauselina zeigt auf das Regal um die Ecke. „Gute Kinderbücher sind wirklich schwer zu finden“, fügt sie hinzu. „Und hier sollen ja nur lesenswerte Bücher stehen.“ Pia nickt verständnisvoll. „Kann man denn bei dir denn auch komplette Bücher lesen?“


lesen

„Ja, aber bisher habe ich nur ein THINC-Buch. Es ist „Mit dem Bus durchs Second Life“ von Martin Nusch.“ Die zwei setzten sich und Zauselina holt das Buch heran.


THINCbuch

„Hey, cool“, findet Pia das. „Den Nuschi wollte ich schon immer mal lesen.“ Ich lasse sie eine Weile in ihrer Lektüre herumblättern. Tatsächlich kann Pia Seite um Seite dieses Buches studieren.


Besuch

Plötzlich taucht Hottenhorst Maurer im Hintergrund auf, der seines Zeichens Autor ist und zur Gruppe „Brennende Buchstaben“ gehört.


Hottenhort Maurer

„Hi Horst“, wird er von Zauselina und Pia begrüßt. „ ;-) wollte mal hören, was mit dem Gruppentreffen heute Abend ist“, chattet er. „Nichts. Verschoben auf Sonntag:-((( “, antwortet Zauselina. Pia schaut sie fragend an. „Gibt im Moment ein paar kleine Probleme“, erläutert sie vage und wendet sich dann wieder Horst zu. Pia steht dabei und lauscht betreten dem lokalen Chat. Es geht um zu wenig Vernetzung der bestehenden Literaturgruppen im Grid. Jeder würde da sein eigenes Süppchen kochen, so Zauselina und wirkt dabei ein wenig verärgert. „Das sind Anfangsschwierigkeiten“, beruhigt Pia sie. Dann, um Zauselina etwas abzulenken, fragt sie: „Was ist denn eigentlich in den anderen Häusern? Auch Literatur?“


Schundentsorgung

„Nein, da verkaufe ich meine Mode“, antwortet Zauselina und lotst Pia nach draußen. „Damit finanziere ich meine literarischen Kapriolen“, erklärt sie. „Gerade habe ich die ersten Winterstiefel fertiggestellt. Jetzt bin ich an kuscheligen Pullis.“ „Wird es denn wirklich kalt im Second Life?“, will Pia wissen und Zauselina nickt ernsthaft. „Und wie! Darum mache ich meine neue Kollektion aus Wolle. Warm und flauschig:-).“

Pia wirft mir einen verstohlenen Blick zu und erheischt meine kritische Mimik. Ich zweifle ein wenig. Ich meine, braucht es wirklich kuschelige Wollpullis im Grid? Ich komme so auf die Schnelle zu keinem echten Schluss. „Komm, Pia, ich zeig dir, was mit den Modellen passiert, die nichts geworden sind.“ Zauselina tappst in Richtung einer Regenwolke, die sich über einer Art offenen Garage mit Hinterhofcharakter ergießt.


Winterstiefel

„Ich verbrenne sie hier einfach unter freiem Gridhimmel. Schau, da hinter der Tonne lagern noch einige Müllsäcke, die ich so nach und nach reinwerfe. Das qualmt zwar ganz schön, aber das verfliegt sofort.“ Jetzt lächelt Zauselina wieder. Ihre kleine Müllentsorgungsanlage bereitet ihr persönliches Vergnügen. „Auch schlechte Bücher haue ich hier in die Feuertonne.“ Sie zwinkert Pia zu. Eine Weile lauschen sie dem verzehrenden Knistern des Feuers und dem rauschenden Gridhimmelserguss gleich nebendran, dann schlendern sie zurück in den Wörtertempel.


Leseecke

Dort hat sich Hottenhorst Maurer derweil schon nützlich gemacht; ein paar Sofas und Sessel hervorgeholt und einen Paravent aufgestellt, um die Leseecke auf das verschobene Gruppentreffen vorzubereiten. Erwartet werden 10 Gruppenmitglieder und auf dem Programm steht das derzeit wichtigste Thema der Literaturgruppe „Brennende Buchstaben“: die Anthologie.


Einladung

„Wenn du hier mitmachen willst, Pia, bist du herzlich eingeladen. Kannst Rezensionen schreiben, deine eigenen Texte vorlesen oder einfach nur bei den Treffen mit dabei sein“, lädt sie ein. Pia wird ein wenig rot vor Freude. Dabei soll sie das mal gar nicht so persönlich nehmen. Gruppen leben schließlich davon, dass mitgemacht wird und auf Literature in the Sky sind grundsätzlich alle Residents willkommen, die sich für Literatur interessieren. „Danke“, sagt Pia brav, „ich werde mal darüber nachdenken“, verspricht sie und ich frage mich ehrlich gesagt, wann sie das noch machen will. Aber gut, schauen wir mal. Ist immer gut zu wissen, wo man hinkann, wenn man dann mal los will.

Kommentare

  1. Übrigens gibt es von den hier erwähnten Buchautoren auch viele Bücher die wir Rezensiert haben. Die Rezensionen findet Ihr unter der Kategorie Literatur.

  2. BukTom Bloch says:

    Guten Tag,

    schöner Artikel, gute Bilder.
    Amüsant zu lesen. Gegen ein „Augenzwinkern“ beim Schreiben über noch junge Projekte ist ja auch nichts zu sagen.
    Ich persönlich bin der Meinung, daß gerade die deutschsprachige community in Second Life mehr Literatur, mehr Lyrik und ähnliches braucht. Geschäfte, Kleider, Schmuck und Clubs diversester Art- gibt es ja nun schon … sagen wir mal: etliche.

    Ich finde es eine fantastische Sache, die Zausel da macht und finde sie hat jede Unterstützung verdient.

    Einem ähnlichen Zweck wie Zausels Aktivitäten dient übrigens Pegasus. „Pegasus- Freie Bücher für Second Life !“ soll die erste, deutschsprachige, unkommerzielle Bibliothek in SL werden. Eine Gruppe, einen Probebau und -natürlich- auch einige Bücher gibt es bereits. An eine Konkurrenz zu Zausel ist selbstverständlich nicht gedacht, daß „Eigensüppchenkochen“ lehne auch ich ab!

    Wer die Baustelle einmal besuchen will, kann dies gern tun, sie befindet sich direkt neben der Vision Gallery von Nele Source (Kurator/in: Piena Vita).

    Auf demselben Gelände befinden sich übrigens auch noch einige begehbare Texte des organisatorisch strukturlosen Projektes LyrikWalk.

    Ich hoffe auf weitere Berichterstattungen über kulturelle Aktivitäten auf dem grid und verbleibe
    mfG
    BukTom Bloch

  3. Stephanie says:

    Hallo BukTom,

    danke für Deinen Kommentar und die interessante Ergänzung des Pegasus Projekts. Mir ist allerdings nicht klar, was eine „unkommerzielle“ Bibliothek sein soll. Ist das nicht jede Bibliothek?
    Schön wäre es, wenn Du noch einen Link zur Baustelle hättest, denn was da passiert, hört sich spannend an.

    Viele Grüsse, Pia Piaggio

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