Pia Piaggio auf Open Sim

Mithin ist es eine bekannte Tatsache, dass es derzeit weit über 100 verschiedene virtuelle Welten gibt, in die man sich mit seiner Avi oder seinem Ava stürzen kann. Und fast täglich werden es mehr. Natürlich ergibt sich aus dem Angebot die Nachfrage und diese schreit nach sogenannten Open Sims was – sehr vereinfacht formuliert – eine Verbindung dieser Welten untereinander bedeutet. Alle basieren sie auf der Technologie von Second Life und damit können Avatare durch die verschiedenen Metaversen wandeln. Dabei lassen sich selbst kreierte Objekte sogar importieren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der virtuelle Weltenwandel wird einfacher und unter Umständen bietet die eine Welt Vorteile, die man auf dem Wege der Open Sim einfach in ein anderes Grid exportieren kann. Die Entwicklung ist also einleuchtend und nachvollziehbar.


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Totale Verbindung

Einer der Urväter in Sachen 3D Welten ist Cypher Black. Seine Vision von der Zukunft virtueller Welten geht sogar noch einen Schritt weiter. Verbunden sein wird eines Tages selbst das ganze www. mit der virtuellen Welt. Das stelle ich mir so vor, dass man als Avatar nicht nur die Metaversen bereisen kann, sondern eben auch die Webseiten. Nun, dies ist zum Glück noch etwas hin. Vielleicht versuche ich zunächst, den Begriff Open Sim in der Praxis kennenzulernen. Und da fange ich mal ganz klein an.

2lifeGrid

Seit Anfang des Jahres ist das 2lifeGrid eröffnet, eine neue virtuelle Welt, entstanden aufgrund der visionären Bemühungen jenes Cypher Blacks, der in seinem RL Ronny Fischer heißt und Sicherheitsexperte für EDV ist. Immerhin sammelt er schon seit zwanzig Jahren Erfahrungen in 3D Welten und weiß garantiert, wovon er spricht. Im Second Life hat er außer der Repräsentanz von zum Beispiel KUONI, die Sim der Schweiz entscheidend mitgestaltet, was ebenso Schein wie Sein betrifft. Dabei ging es ihm besonders darum, eine Oase für seine Landsleute zu schaffen, deren Hang zu einem ausgeprägten Nationalbewusstsein er ihnen ebenfalls für das Zweite Leben unterstellte.

Von Usern für User

Gesponsort von dem Unternehmen v-worlds das einst als Verein begann und nun unter diesem Namen firmiert, startet er derzeit die Perfektionierung seiner ursprünglichen Intention. Seine These scheint so auszusehen: Eine eigene Schweiz im Second Life bringt es einfach nicht. Wir brauchen ein ganz eigenes Metaversum – von Schweizern auf schweizer Servern für Schweizer gemacht. Mit einer Blognotiz, die ganz klar davon zeugt, dass dieser Mann den binären Code und LSL offenbar besser beherrscht, als die deutsche Orthografie und Grammatik ;-), kündigte er am 17. Januar 2009 stolz die Eröffnung dieser kleinen Schweiz an. Wer den bisherigen Links aufmerksam gefolgt ist, wird nun eventuell den organisatorischen Kreis schließen können. Pia Piaggio jedenfalls gab er damit den letzten Kick, endlich auch einmal über den Tellerrand der Linden-Welt zu schauen.

Nummer 45

Noch bevor sie weiß, was da auf sie zukommt, melde ich sie klammheimlich mit ihrem Namen an. Dafür habe ich bei Cypher einen formlosen Antrag gestellt, der völlig problemlos und schnell genehmigt wurde. Ein anderes Thema war dann das Download beziehungsweise die Verknüpfung mit dem Second Life Viewer. Zum Glück trieb sich hier in den Pinienwäldern ein Computerspezialist herum, der mir mit schier unendlicher Geduld und unglaublichen Tricks dabei half, diese kleine Schweiz ans Laufen zu bringen. Aber, was soll’s, schließlich hatte Cypher mich vorgewarnt:

„…..vieles funktioniert nicht einwandfrei, und da und dort wird man auch Fehler auf der 2life Grid Website finden. Wir garantieren fuer gar nix und……“.

Denn derzeit befindet sich das 2lifeGrid in der Alpha-Phase und Pia Piaggio wird als 45.User diese nietnagelneuen Welt erkunden.


2LifeGrid

Pia Piaggio hat noch keine Ahnung von diesem geplanten Ausflug in ein neues Metaversum .


Start

Sie ist derzeit sehr damit beschäftigt, ihre Lesung bei den Brennenden Buchstaben vorzubereiten. Ich hole sie in der Bibliothek ab und lade sie direkt in die schweizer Welt hoch.


Landung

Dort landet sie barfuß und mit dem Notwendigsten bekleidet auf einer satten Wiese. „Hey, sag mal, was soll den das?“, keift sie und rudert dabei mit Armen und Beinen in der Luft herum. Aus irgendeinem Grund ist sie fliegend dort angekommen. Ich verschaffe ihr erst mal Bodenkontakt.


Ruth

Der programmtechnischen Einfachheit halber gibt es derzeit nur einen einzigen Standard-Avatar. Auch die gute Pia Piaggio erscheint deshalb als „Ruth“ in 2lifeGrid. Natürlich bin ich entsetzt und auch Pia äußert verwirrt: „Ich fühle mich so…..anders. Seit wann habe ich eine rote Leggings und ein mausgraues Shirt in meinem Kleiderordner?“ Sie greift sich in die Haare und ruft dann schrill aus: „Und warum sind meine Haare auf einmal kurz?“


Ärger

Ich versuche, sie zu beruhigen und öffne dabei erwartungsvoll mein Inventar. Cool wäre es ja jetzt gewesen, wenn meine Objekte aus dem SL dort verfügbar wären. Die Ordner sind zwar da, aber allesamt leer. Allerdings ist da plötzlich eine Open Sim Library aufgetaucht. Da sind leider keine Kleider drinnen, aber immerhin ein Haufen Texturen, mit denen sich etwas anfangen lässt.


Avatar

Tatsächlich funktioniert ansonsten alles wie im Second Life und mit etwa dreißig Mausklicks habe ich aus Pias grausigem Einsteigeroutfit eine ganz nette Klamotte gezaubert.


Haare

Auf ihr Drängen hin mache ich ihr ebenfalls die Haare lang und färbe sie schwarz. „Na super, dann bin ich ja wieder ich“, säuselt sie und schaut an sich hinunter. Zum Glück ist kein Spiegel in der Nähe und so entgeht ihr das etwas deformierte Gesicht. Daran kann ich leider so unmittelbar nichts ändern, da Haut und Form nicht modifizierbar sind. Aber gut, sei’s drum. Ich speichere das Outfit ab und dabei crasht das System.


Crash

Nach dem erneuten Einloggen ist Pia fast wieder Ruth. Ich wiederhole also die gesamte Prozedur im Schnellverfahren, gepeitscht von Pia Piaggios Nörgelei.


Nochmal!

Die Schuhe und die Leggings wollen jedoch einfach nicht die Farbe behalten. Sobald ich das Kleidermenü schließe, werden sie zum Einheitsgrau. „Weia, sieht das scheiße aus!“, findet selbst Pia, die ja ansonsten recht anspruchslos ist. Jedenfalls verglichen mit all den gestylten Schönheiten im Second Life. Immerhin läuft sie immer noch im Standard-Skin herum und fast ihre gesamte Garderobe besteht aus Freebies. Ich weiß, das ist eine echte Unverfrorenheit, ein tatsächliches Undo im virtuellen Leben. Aber dazu ein ander Mal Näheres.


Central

Heute soll es schließlich darum gehen, die Welt der Schweizer kennenzulernen. Und die ist bisweilen recht übersichtlich. Sie besteht aus genau fünf Sims.


Schweiz

Angekommen ist Pia auf Switzerland Central. Außer einem knallroten Bauskelett gibt es dort nichts zu sehen. Avaterseelenallein steht Pia als kleiner Punkt auf dem Rasen und zetert. „Sag mal, in was für eine lindenverlassenes Welt hast du mich hier eigentlich teleportiert? Kannst du mir mal sagen, was ich hier soll???“


Land

Hier geht es um reines, grundloses Erkunden eines neuen Angebots, erkläre ich ihr und schwenke mit der Kamera ein wenig herum. Das ist eine Schweiz von Usern für User und demnach muss hier natürlich alles noch erschaffen werden. „Meinst du, das Second Life hat auch einmal so angefangen?“, will sie wissen, und ich nicke entschieden. So oder ähnlich jedenfalls.


Nokturnal Hive

Auf einer Nachbarsim entdecke ich den legendären Club Nokturnal Hive und schöpfe ein wenig Hoffnung auf einen amüsanten Streifzug.


Burghof

Im Innenhof der imposanten Festung lodert ein Feuer auf der Tanzfläche. Den Discobesuchern soll scheinbar so richtig eingeheizt werden.


Animation

Ich schalte den Musikstream ein und es ertönt schlüpfriger Deutschrock, der eher zum Heulen als zum Moven anregt. Immerhin stehen reichlich Tanzanimationen zu Verfügung. Aber ehrlich gesagt traue ich mich nicht, mir einfach mal eine zu holen, denn wer weiß, ob Pia dann nicht zuckend da steht und das System wieder crasht. Ihr ganzes Fortbewegen ist schon ein einziges Abenteuer. Mal rennt sie wild los, dann geht sie wieder keinen Schritt. Ein klarer Fall von Ein-Besucher-Lag, eine seltene Form dieser virtuellen Krankheit.


Moves

„Komisch, dass es hier gar keine Geschäfte unter den Balustraden gibt“, wundert sich Pia. Ich erkläre ihr, dass es hier erst gar kein Wirtschaftssystem gibt. Es kann also weder ge- noch verkauft werden. „Ein gänzlich kostenloses Land“, schlussfolgert sie. Ja, und nicht nur das. Laut Kontostand ist hier auch jede Avin Millionärin. Schließlich gibt es hier zunächst mal nur Weiber, weil Ruth eben Standard ist, und endlich sind die eine Million Lindendollar natürlich eine Art Scherz, wenn man damit rein gar nichts anstellen kann.


Pia

„Sag mal, warum machen die denn so was?“, wundert sich die entstellte Pia, als sie sich in einer Laube von den Anstrengungen des Fortbewegens erholt. Ich halte diese Frage für sehr undifferenziert und so pauschal kann ich ihr nur erklären, dass hier etwas Neues ausprobiert wird.


Gratisland

Für alle mit Pioniergeist steht sogar kostenloses Land zur Verfügung. Nach dem Motto „Wer zuerst kommt, bekommt zuerst“ stehen mehrere Parzellen mit 4096 qm für „Schönes“ zur Verfügung. „Komm, lass uns mal in den Sektor 5 fliegen. Dort soll es schon Einiges geben“, schlägt Pia unverhofft motiviert vor.


Fliegen

Kerzengerade und steif wie ein Stock segelt sie im Gridwind los.


Endlosflug

Und fliegt und fliegt, ohne dass ich noch irgendeine Kontrolle über sie habe. Die schweizer Welt ist nur noch ein weißes Viereck am Horizont.


See

Die arme Pia schwebt geradewegs auf den offenen Gridozean hinaus. „Hiiilllfeee, Stephy, so tuuuuuu doch was!“, ruft sie, und ich sehe keine andere Lösung, als mich auszuloggen.


Zurück

Die reaktivierte Pia steht nun bis zu den Knien im Gridozean und hat jetzt wirklich ihre Leggings an.


Hinweise

Im Hintergrund weist unübersehbar das Achtung Schild auf sämtliche Risiken dieser neuen Welt hin. „Dagegen ist das Second Life ja wohl lagfrei“, beschwert sie sich und stolpert wieder los, mitten in ein kleines Tannenwäldchen.


Kein Voice

Sie steuert auf ein Zirkuszelt und eine Art Bühne zu. „Da hinten finden bestimmt interessante Vorträge statt“, mutmaßt sie und ich schüttle nachdrücklich den Kopf. Kann nicht sein, denn Voice, diese störempfindliche Einrichtung, gibt es hier erst gar nicht. Frei nach dem Motto, was nicht da ist, kann auch nicht nicht funktionieren. Oder so.


Zirkus

„Aber das hier ist doch mal was!“, jauchzt Pia. „Die gründen einen Zirkus“, freut sie sich. „Kannst du mich in die Gruppe eintragen?“ Tja, so läuft das hier nicht. Es gibt keine Gruppenfunktionen. „Aber wie soll das denn dann gehen?“, überlegt sie und ich weiß darauf keine Antwort.


Schule

Gleichfalls völlig frei von Inhalten bietet sich die swiss schools worlds an. In sonnigem Glanz wartet das Gebäude auf bessere Zeiten, bestenfalls auf die Beta-Phase, in der es sich dann eventuell als zweckdienlich erweisen kann.


Schön!

„Da macht doch so ein Blumengarten entschieden mehr Sinn“, findet Pia. „Der ist wenigstens schön anzusehen.“


Blau!

Gleich nebendran deutet eine halb fertige Behausung auf das Prozesshafte des ganzen Unterfangens hin.


Feierabend

Und ebenfalls ein paar Meter weiter gibt es deutliche Spuren, dass etwas entsteht. Die Builder haben wahrscheinlich wegen Feierabend die klobigen Holzträger so belassen müssen und werden beizeiten mit dieser aus der Antike inspirierten Anlage fortfahren.


Schuhmuseum?

Bis dato gibt sie die Szenerie für ein Ausstellungsstück der besonderen Art her. Ein Damenfuß steckt in einer winzigen Stiletto-Schlappe, flankiert von einem schwarzen absatzlosen Schuh. „Wer weiß, vielleicht soll das hier ein Schuhmuseum werden“, reimt Pia sich zusammen. Dann fliegt sie wieder los.


Cypher Island

Es geht geradewegs auf Cypher’s Island zu. Ja, genau, jener Cypher Black selbst tobt sich dort aus. Und letztendlich führt dies doch noch dazu, das Pia Piaggio den Zweck dieser neue Welt ein wenig versteht.


Hoch!

„Weia, ist das ein hohes Gebäude“, ruft sie aus und bekommt fast Genickstarre vom Hochgucken. Angeblich kann man hier im 2lifeGrid Objekte bis zu 256 Meter Höhe bauen. Und das alles völlig kostenlos. Sogar Texturen kann man gratis hochladen. „Ja und?“, erwidert Pia ahnungslos. Das kann ein echter Vorteil sein. Man kann hier wahllos experimentieren und dann im Second Life nur die Texturen hochladen, die man wirklich braucht. Das spart dann Lindendollar.


Sandbox

Für Projekte dieser Art steht ein gigantischer Sandkasten auf einer eigenen Sim zur Verfügung. „Hmmmm,“, macht Pia, „stelle ich mir gar nicht so witzig vor, wenn man gerade ordentlich geprimt hat und dann schmiert der Server ab. Super, wenn man da nicht zufällig gespeichert
hat“, gibt sie zu bedenken. Nun ja, als wäre sie eine Fachfrau für Builder-Katastrophen. Ich kann dazu gar nichts sagen, möchte vor allem auch nichts Böses munkeln. Immerhin gesteht Cypher die eventuellen technischen Probleme ohne Umschweife ein: „….manchmal verschwinden Texturen und Objekte und ab und zu stürzt der ganze 2lifeGrid ab…..“ warnt er die Residents schon bei der Anmeldung.


Resumee

Mit Blick auf einen herbstlichen Ahornbaum lasse ich Pia unseren Ausflug raus aus dem Second Life resümieren. „Ich glaube, ich bin hier nicht so gut aufgehoben“, befürchtet sie. „Für Streifzüge gibt das hier noch wenig her, mit Bauen beschäftige ich mich nicht, und eine Lesung kann ich hier nicht halten ohne Voice. Aber gespannt bin ich schon, wie es sich mit dieser kleinen Schweiz weiterentwickelt. Nett ist es hier irgendwie schon“, fasst sie ihre Eindrücke zusammen. Ich atme erleichtert auf. Denn letztlich will Pia Piaggio auf keinen Fall mutige Projekte niedermachen. Da hält sie es lieber wie PierreCorrel, der dem 2lifeGrid alles Gute für die Zukunft wünscht.

Kommentare

  1. Kai Ludwig says:

    Ein wirklich schöner Beitrag, gefällt sehr.

    Und vor allem schildert er aus Anwendersicht einige der aktuellen Herausforderungen im OpenSimulator-Bereich:
    – Alphastatus der Software => Auf der Rückseite der Matrix gibt es viele Wackelkontakte.
    – Es geht noch nicht alles so wie in SL => Umgewöhnen bzw. verzichten. Und das fällt schwer.
    – Wenige Benutzer, Wenig Inhalt => Es fällt nicht leicht, sich im Moment in den neuen Welten wohlzufühlen.

    Und der Teufelskreis „Wenig los => Wenige Besucher => Wenig los …“. Diesen zu durchbrechen ist wohl die größte Herausforderung, um die neuen Welten wirklich in Schwung zu bringen. Aber das Internet war ja am Anfang genau so.

    Es gibt – wie man in diesem Beitrag sieht – zum Glück genügend tapfere Besucher und Macher, die sich dennoch auf das Neue einlassen.

    Mit freudigem Blick auf die Zukunft viele Grüße,
    Kai.

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