Pia Piaggio auf Bluepill

Mitunter begegnet uns das, was wir suchen, nicht unmittelbar sondern völlig überraschend auf einem Umweg. Sehenswerte und interessante Locations gibt es zu Genüge im Second Life, aber vergleichsweise klein wird die Anzahl derer, die wirklich etwas Gebräuchliches oder Wissenswertes für den realen Lebensalltag vermitteln. So ist die virtuelle Inszenierung eines Arthur Schnitzler Werks zwar durchaus ein Highlight, erfüllt aber die vorgenannten Prämissen nur bedingt. Jedoch führte mich diese Ankündigung zum Verantwortlichen für das ganze geplante Theater, und hier nun finde ich ein virtuelles Projekt, das sich die Vermittlung und Kommunikation der verschiedenen Kulturen dieser Welt zum Ziel gesetzt hat.

Globale Kultur ganz konkret

Das Fremde zu entdecken und es dadurch besser verstehen zu können, ist heutzutage nicht mehr als individuelle Leidenschaft anzusehen. Es ist zum notwendigen Grundwissen avanciert, das ein friedliches Miteinander in multikulturellen Gesellschaften ermöglicht und nicht selten auch für den Erfolg im Job unentbehrlich ist. Frank Gaugel vom Unternehmen bluepill GROUP mit Sitz in Deutschland, Spanien und Belgien, hat zu diesem Zweck SIETAR ins Second Life gebracht. SIETAR (Society for Intercultural Education, Training And Research) heißt der jährliche weltweite Kongress, der im Oktober 2008 in Granada stattfand und sich um das folgende Hauptthema drehte: „Wie die Globalisierung die Kulturen beeinflusst und wie Globalisierung die Kulturen formt“.


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Bluepill völlig rezeptfrei

In Kooperation von bluepill GROUP und DIVERSOPHY wurde diese Thematik unter anderem mithilfe eines umfangreichen Quizspiels zu den Eigenheiten verschiedener Völker ins virtuelle Leben gestellt. „Ach du großer Linden, da werde ich ja richtig ins Schwitzen kommen!“, befürchtet Pia, als ich sie zu dem geplanten Trip briefe. „Oder verhilft mir diese blaue Pille zu echten Höhenflügen?“, setzt sie noch keck hinterdrein und ich merke schon, die Pia rafft wieder gar nix. Sie denkt sicher, ein interkulturelles Quiz sei eine Art spezielle Party mit Leuten aus aller Welt. Einstweilen lasse ich sie in diesem Glauben und gebe ihr den Teleport.


Sietar

„Wow, da ist ja schon richtig was los!“, jauchzt Pia beim Anblick der zahlreichen kugelförmig angeordneten Konterfeis. Die SIETAR Ausstellung schwebt in luftigen Höhen über der lieblichen Insellandschaft von Bluepill.


Gesichter

„Aber das sind ja gar keine Avas und Avis! Die sehen ja aus wie du, Stephy“, entrüstet sie sich gleich darauf. Naja, nicht ganz, aber…..doch, in Pias Augen sehen wir eben alle aus wie Menschen.


Nationen

Dutzende von Gesichtern aus allen Kulturkreisen der realen Welt lächeln Pia an, als sie im Sturzflug in die Ausstellungshalle segelt. Rings herum sind Aufsteller zu 19 Ländern positioniert, die via Frage- und Antwortspiel einen Zugang zu den entsprechenden kulturellen Eigenheiten einer jeden Nation vermitteln sollen.


Deutsche

„Na, dann fangen wir doch mal mit deinem Heimatland an“, schlägt Pia etwas kleinlaut vor, nachdem sie sich vergeblich in Sachen Partygeschehen umgeschaut hat. Nun liest sie mit gekrauster Stirn den Text zu den Deutschen als solchen durch. „Ist ja sehr locker flockig geschrieben“, fasst sie zusammen.


Teamworker

Mit Klick auf den Start Button beginnt das Ratespiel zu den Alemannen. „Sollen wir auf Englisch oder Spanisch?“, fragt Pia und vergisst mal wieder das Verb. Aber was soll’s, ein bisschen Englisch zu üben ist keinesfalls verkehrt.
„Also okay, Frage 1 von 31.“ Und Pia liest: „Ein deutscher Ingenieur ist neu in Ihr Entwicklungsprojektteam gekommen. Welche Erwartung stellen Sie an seine Zusammenarbeit mit Ihnen?

  1. Wege zu finden, um die technische Herausforderung gemeinsam mit dem Team zu lösen.
  2. Die Instruktionen des Teamleiters zu befolgen und sich allein auf seine Arbeit zu konzentrieren.
  3. Auf spezielle Anweisungen des Teamleiters zu warten und diese dann mit dem ganzen Team zu lösen.“


Antworten

„Ist a, b oder c richtig?“, will Pia wissen. Hottentotten, ist das kniffelig. Ich muss mich da erst mal reindenken – was weiß ich von einem Projektentwicklerteam, da war ich halt noch nie dabei! Ich habe 120 Sekunden Zeit, um mich zu entscheiden. Pia drängelt. Ich rate: a ist richtig.


Richtig_Falsch

„Leider falsch“, kichert Pia, „das wäre dann eher das angelsächsische Konzept und wird in Deutschland eher selten angewendet. Die Deutschen sind keine echten Teamworker, das erklären die hier“, belehrt sie mich und ich nicke nun überzeugt, hatte ich mich doch kurzzeitig dem reinen Wunschdenken hingegeben.


Fragen

„Okay, nächste Frage: In Deutschland werden temporäre Arbeits-Auszeiten:

  1. Respektiert als Zeichen der Selbstbildung.
  2. Als Privileg des Senior Managements angesehen.
  3. Angesehen als schlechtes Verhalten und Schwäche“.

Ich tippe auf Antwort c. „Kooo-rekt“, lobt Pia und schleift mich durch die ganzen 31 Fragen. Sie drehen sich überwiegend um die Eigenheiten der Deutschen in beruflichen Situationen, aber auch um einige Fakten zu Religion, Gleichberechtigung und sozialem Image. Ich schneide ganz gut ab und Pia regt an, das Quizspiel noch einmal unter spanischer Flagge zu absolvieren. Gern, denn es macht echt Spaß und weckt den Ehrgeiz. Die Fragen sind vortrefflich formuliert und die Antworten werden genau erläutert, was insgesamt wirklich zu einem Verständnis deutscher Kultur beiträgt.


Spanier

Unter spanischer Flagge gibt es nur zwanzig Fragen, aber die haben es in sich. Sie gehen bis ins Mark der spanischen Kultur und sind sorgsam darauf bedacht, die Fettnäpfe eines geschäftlichen Kontakts mit diesem Volk tunlichst zu umgehen. Das fängt mit der Begrüßung an, geht über das thematische Protokoll eines jeden Geschäftsessens bis hin zur intimen Auffassung des eigenen Heims sowie der generellen Einstellung zu Kritik und endet mit der Frage, ob der Flamenco als Nationaltanz zu bezeichnen sei. „Ja klar“, prustet Pia heraus und erhält gleich darauf den Rüffel. Nicht zuletzt legt Spanien per Tradition und Dekret allerhöchsten Wert auf regionale Besonderheiten. „Ach so“, lenkt Pia ein, „natürlich. Aber weißt du, was die hier vergessen haben zu fragen?“ Nee, yo que se. „Nach den Maßen des gemeinen spanischen Ehebetts. Dabei wären zwei Dinge klar geworden.“ Ach ja? „Ja“, unterstreicht Pia mit heftigem Kopfruckeln, „der weitverbreitete Katholizismus und der einstmals landesweite Kalziummangel.“ Da ist schon was dran. Die Frage ist nur, ob solcherart Info eine Relevanz zu geschäftlichen Kontakten mit Spanierinnen und Spaniern hat. Pia meint: „Auf jeden Fall, denk doch mal, was da so alles läuft mit……“, und alles weitere zischelt sie mir ins Ohr zu. Nun gut. Immerhin schneidet Pia Piaggio mit überdurchschnittlichen 68 % ab, was die Kenntnisse der spanischen Kultur angeht. Mir tränen die Augen. Nicht vor lauter Freude sondern von der Anstrengung, die ein Lesen in schwarz auf blau nun einmal leider mit sich bringt.


Quiz

Pias Ergebnis lässt sich natürlich lange nicht messen mit dem Wissen echter Cracks auf dem Gebiet der modernen Völkerkunde. Angeführt wird die Rank-Liste von Nana Zabelin die von 319 Fragen nur 41 falsch beantwortet hat. „Da müssen wir noch was üben“, zwinkert Pia mir zu und steigt dann in den Glasaufzug.


Auditorium

In der unteren Etage steht ein Auditorium für Vorträge rund um die Globalkultur bereit. Heute ist dazu leider nichts im Angebot. „Lass uns mal die weiteren Regionen von Bluepill anschauen. Das hier, diese SIETAR Kugel ist wirklich schon mal eine super Sache“, flötet Pia zufrieden und schwebt hinfort.


3D Campus

Im Gleitflug peilt sie das höchste Gebäude von Bluepill an, das an diesem frühen Nachmittag von einer grauen Schleierwolke umflort wird.


Studium

Es beherbergt den 3D Campus einer französischen Business School und ist Teil des ganz realen Studiengangs ESPEME. „Du meinst, die Studenten müssen hier einen quasi virtuellen Prüfungsteil ablegen?“ Yeep, so weit haben wir’s schon. Sie müssen 120 Fragen zum Thema „Doing Business with the USA“ beantworten. Das Ergebnis wird dann direkt an den Kursleiter übermittelt. Auch hier sind die Fragen im Quizstil aufgebaut. „Das ist ja mal echt interessant“, findet Pia und segelt gleichwohl hinfort.


BluePill

Sie landet in der Empfangszone der Sim,wo eine Orientierungskarte und Teleports zu den einzelnen Regionen angeboten werden. „Schau mal, die vermitteln hier nicht nur luftige Kultur sondern auch ganz greifbare Orte“, meint sie und zeigt dabei auf b-places.


B-Places

In einer extra bunten Kugel wird das Angebot näher erklärt. Ich weiß nicht recht, was das b bedeuten soll. Es kann für best stehen, wirkt aber irgendwie ein wenig wie die zweite Wahl, was damit sicher nicht intendiert ist.


Places

Denn b-places will Locations im Second Life bekannt machen, wo es sich lohnt, zu sein. Insofern steht das b also für to be. Jedenfalls gibt es zu diesem Zweck auch eine umfangreiche Homepage, wo über 800 sehenswerte Orte im Second Life vorgestellt und – noch besser – kommentiert werden. „Cool, da will ich nachher mal in Ruhe drin stöbern“, droht Pia an und ich mache mich schon mal auf eine lange Nacht gefasst.


HUD

Für die Orientierung inworld wird ein gratis HUD angeboten, das neben einigen nützlichen Funktionen ebenfalls eine Menge an Orten der b-places auflistet, dazu ein Thumbnail anzeigt und den direkten Teleport anbietet. „Geradezu luxuriös“, findet Pia das und stopft sich das HUD in ihr Inventar. Auch mir dünkt es fast, mit diesem Objekt ein echtes Schatzstück ergattert zu haben.


Meet-O-Meeter

Anders ist es mit dem Meet-O-Meter, das in einer Nachbarkugel angeboten wird. Weder Pia noch ich können damit all zu viel anfangen.


Kontakte

Dieses postmoderne virtuelle Messgerät zeichnet akribisch jedes Signal für eine solide Kontaktbasis zu anderen Residents auf. „Wie meinst du das?“, will Pia wissen. „Was misst es denn?“ Naja, die Gleichheit der Interessen. Es zeigt zum Beispiel alle Avatare an, die an den gleichen Plätzen waren oder auch alle, die gleich einen Partner suchen. „Und die Facebookler, wahlweise sogar in grün oder orange“, ergänzt Pia meine Ausführungen. Genau. So etwas ist heutzutage wichtig und wird womöglich schon bald dem Örtlichen den Rang ablaufen.


Museum

Aber das ist ja reine Spekulation. Anders steht es mit dem virtuellen Museum für Zeitgenössische Kunst Saint Gery. Da ist pure Wirklichkeit zu Virtualität geworden.


Virtuell

Seinen Namen hat es von einer historischen Markthalle mitten in der europäischen Hauptstadt Brüssel.


Ausstellungen

Entsprechend dieser realen Vorlage wurde das Gebäude im Second Life nachgebaut und wartet mit einem bemerkenswerten Ausstellungsangebot auf. Derzeit ist dort die Ausstellung „The Face of Tomorrow“ zu finden.


Face of tomorrow

Der Künstler Mike Mike begibt sich darin auf die Suche nach dem London oder Londoner der Zukunft – mehr kann hier nicht verraten werden. Pia Piaggio steht mitten in der ausladenden Halle und zoomt sich durch die Gesichter, bis ihr ganz schwindelig ist. „Ich kann mich für kein Gesicht entscheiden“, seufzt sie dann schwer. „Sie vermischen sich irgendwie alle und was ich da sehe, das könnte ich aufmalen, wenn ich denn könnte“, wirft sie mir mit bedeutungsvollem Augenaufschlag zu. Naja, das isses doch genau! Nur schade, dass wir Pias Vision vom Face of Tomorrow nie zu Gesicht bekommen werden, weil LindenLab den Zeichenstift noch nicht erfunden hat. Aber das nur am Rande.


Theater

So langsam hat Pia sich durch das interkulturelle Angebot von Bluepill durchgekämpft. Bleibt nur noch das Theater zu erkunden.


Arthur Schnitzler

Hier trifft sie erstmals auf Schilder in deutscher Sprache, was wohl programmtechnische Ursprünge hat, steht doch ein Werk von Arthur Schnitzler kurz vor der Premiere. Das Stück wird inszeniert von keinem Geringerem als Simeon Blaesi, seines Zeichens Regisseur und postgraduiert mit dem Thema „Theater in einer virtuellen Welt“. Die Rollen sind international besetzt und insgesamt steckt dahinter der eingetragene Verein Bühne , im RL ansässig in der Bodenseeregion.


Studio

Bei Pia weckt der Eingang mit der verheißungsvollen Überschrift aller höchstes Interesse. „Vielleicht treffen wir da echte virtuelle Theater Stars“, frohlockt sie. Aber so weit ist es doch noch gar nicht. Die Premiere<7a> ist erst am 10.Mai. „Na und?“, wendet Pia ein, „die müssen ja auch mal proben, oder?“


Kulisse

Aber nicht im Moment. Der Theatersaal liegt verlassen da. „Na schau mal, ein Bühnenbild gibt es immerhin schon!“, ruft Pia erfreut aus.


Piastar

„Wenn hier niemand ist, dann kann ich ja selbst mal Theaterstar spielen“, jauchzt sie und kraxelt die Treppe zur Augartenbrücke hinauf. Im Schein der Lampe verharrt sie einen Moment und ich bin recht froh, dass gerade kein Soldat in der Nähe ist.

Für heute muss der virtuelle Vorhang jedoch wieder einmal fallen und wir werden nie erfahren, was Pia dort auf der Bühne noch alles erlebt. Die Sim Bluepill ist jedenfalls ein eindrücklicher Ort; erstklassiger virtueller Stoff, von dem sicher noch oft die Rede sein muss, wenn man über kulturelle Projekte im Second Life berichtet. Pia kommt also ganz sicher wieder – keine Frage. Aber nun ist es spät und leider hat niemand an der Uhr gedreht. In diesem Sinne also, bis die Tage.

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