Pia Piaggio im Theater Teil 1/2

Derzeit ist wohl kaum ein anderes Medium so sehr angewiesen auf die Kooperation von Technikern und Kreativen, wie das Web 3D. Jeweils die einen verfügen über das Know-how, das den anderen wiederum fehlt. Ohne die technischen Möglichkeiten, die im Hard- und Softwarebereich zur Verfügung gestellt werden, könnte im Web 3D nicht designt, nicht gebaut und nicht gelebt werden. Und ohne all jene Kreativen, die diese Werkzeuge als Gestaltungsmittel für ihre Ideen nutzen, wären virtuelle Welten wie zum Beispiel das Second Life ödes Brachland. Die Aufgaben der Letztgenannten sind es, das bereitgestellte Datengitter optisch und inhaltlich zu füllen, sprich ein buntes und lebendiges Umfeld zu erschaffen, das ein virtuelles Leben erstrebenswert macht.

Mut zum Experiment

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Dessen bedarf es wohl, denn auch wenn es Dutzende von Adjektiven gibt, die man im Zusammenhang mit Metaversen benutzen kann, so passt eines doch (fast) immer: neu. Neu sind virtuelle Welten ehedem und ständig entstehen neue Grids, in denen virtuelles Leben stattfinden soll (hier lässt sich neu tatsächlich nicht einbringen, denn das würde ja bedeuten, es gäbe schon ein Altes – lol). In den neuen 3D Welten soll eine neue Art und Weise von globaler Kommunikation entstehen, neu daran ist die realphysische Irrelevanz bei gleichzeitigem virtuell-physischem Kontakt, was insgesamt ein ganz neues Erleben, ein neues Lernen, Konsumieren und Interagieren möglich macht. Mithin steckt alles Neue auch gleichzeitig in der Phase des Experiments und alle die dabei mitmachen, werden automatisch zu Pionieren.

Neues Theater

So auch der Regisseur und Schauspieler Simeon Blaesi der sich derzeit als erster deutscher Vertreter des traditionsreichen Kulturguts Theater auf die virtuelle Bühne wagt. Ermuntert von einem Freund der mit virtuellen Welten arbeitet, nahm er die zeitgemäßen Herausforderungen an und entschloss sich, ein Theaterstück im Second Life zu inszenieren. Ein wenig vorbereitet auf das, was ihm in der Praxis blühen sollte, hatte er sich durch seine postgraduale Arbeit „Theater in einer virtuellen Welt“. Nach einigem Suchen fand er auch das rechte Stück für sein Projektvorhaben. Er wählte die Szene „Dirne und Soldat“ aus dem bekannten und bewährten „Reigen“ von Arthur Schnitzler. Und dann ging’s los mit der virtuellen Realisierung seiner Projektidee.

Teamwork auf Distanz

Das Team setzt sich 3:3 zusammen. Auf der kreativen Seite der Regisseur Simeon Blaesi und die Schauspieler Maria Magdalena Sophia Freynhofer als Dirne und Nikolaus Johannes Andreas Barton als Soldat.


Die Kreativen

Auf der technisch-organisatorischen Seite der Produzent Frank Gaugel und die 3D Designer Joao Paulo Brito als Bühnenbauer und Kostümbildner und Toni Sanchez als Programmierer und Tontechniker.


Die Techniker

Rein räumlich befinden sich die Teammitglieder locker 2.000 Kilometer voneinander entfernt, nämlich am Bodensee, in Berlin, Wien, Chemnitz und Barcelona. Gemeinsam schmiedet man seit etwa einem Jahr am virtuellen Kulturgut Theater und ab dem 10.Mai wird es dann endlich soweit sein. Nach der Premiere soll das Stück im Stundentakt zunächst im Theater auf Bluepill aufgeführt werden, hernach ist auch eine gridweite Tournee ins Auge gefasst.


Theater

„Das können wir uns ja wirklich nicht entgehen lassen“, meint Pia dazu. „Bei so einer Premiere, da sollten wir schon mal reinschauen“, setzt sie noch hinterher und schaut mich erwartungsvoll an. Wenn die wüsste, wer da jeden Moment vor ihr stehen wird.


Yao Moo

Es ist kein minderer als der Regisseur Simeon Blaesi aka Yao Moo höchstpersönlich. „Hi Pia“, begrüßt er sie. Pia ist verunsichert und zischelt mir zu: „Wer ist das, Stephy?“ Ich erkläre es ihr kurz und schon strahlt sie ihr Gegenüber an und zwitschert: „Hey, hi Yao. Nett dich zu treffen!“


Hallo Pia

„Ebenso. Wir stecken hier mitten in den Vorbereitungen. Du weißt ja, in Kürze ist die Premiere. Aber wenn du willst, zeige ich dir schon mal ein bisschen was ;-)“ Da wird Pia ganz aufgeregt. „Oh ja, ich habe Tausende von Fragen zu dem, was für so eine Premiere nötig ist“, antwortet sie und bemüht sich um ein charmantes Lächeln.


Interview

Also setzen sich die zwei auf die kleine Felsanordnung mit Blick auf den Theaterpavillon. Pia hat noch immer ihre schuhlose Yoga-Kluft an, die sie partout nicht wechseln will. Sie liiiiiebt das Sonnenshirt und will auch nie wieder Schuhe tragen. Nun gut, ich lasse sie halt, was soll ich mich mit ihr herumzanken. Ich gehe ja auch gern barfuß, wenn es dann geht. Egal also.


Plauderei

Yao und Pia sind schon mitten ins Gespräch vertieft. Tausend Fragen hat sie nun gerade nicht, aber da gibt es schon so einiges, was sie im Vorfeld interessiert. Was müssen Schauspieler-Avatare können, zum Beispiel. Oder wie oft geprobt wird, warum überhaupt virtuelles Theater, warum gerade Arthur Schnitzlers „Reigen“ und warum daraus nur eine Szene. Dieses Art Interview-Gespräch habe ich übrigens aufgezeichnet und poste es am Ende des Streifzuges. Jedenfalls sagt Yao irgendwann: „Komm Pia, wir gehen mal ins Studio. Da kann ich dir das alles vor Ort erklären“, und Pia nickt höchst erfreut.


Vorplatz

„Die Region hier haben wir auf Sunset gestellt. Das macht das beste Licht. Denn die Beleuchtung, also die Bühnenbeleuchtung, ist ein echtes Problem hier im Second Life“, gesteht Yao ihr. „Klar, ihr müsst ja Facelights oder so statt einer Lichtorgel oder so benutzen.“ Puuh, die Pia, zum Glück hat sie das oder so da reingebracht.


Studio 1

„Natürlich müssen wir eine Menge proben, bevor wirklich alles so läuft, wie es soll. Die meiste Arbeit damit haben die Techniker.“ Pia stutzt. „Die Techniker? Wieso denn nicht die Schauspieler?“, fragt sie verwundert.


Studio 2

„Na ja, mit den echten Schauspielern haben wir die Tonaufnahmen schon lange fertig. Jetzt müssen die Avatare ran und dafür brauchen wir die Techniker“, erklärt er ihr. „Also warte mal….dann spielen die echten Schauspieler gar nicht ihren Avatar?“ Yao schmunzelt. „Du meinst, so wie im Marionettentheater? Nein, die echten Schauspieler sind gar nicht da. Die Avatare werden von Scripten gesteuert und die wiederum sind von den Technikern gemacht.“ „Aha“, staunt Pia.


Probe

„Ach, da ist ja Maracuja. Sie fummelt wohl an den Scripten von der Dirne rum.“ Pia wirft mir einen unsicheren Blick zu. Dann fragt sie forsch: „Was ist denn dran an den Scripten der Dirne?“ „Die Mimik am Ende, da, wo sie dem Soldaten das Sechserl entlocken will, die passt noch nicht.“


Regisseur

„Das Doofe ist, dass wir immer die gesamte Szene abfahren müssen, um eine kleine Veränderung am Schluss vorzunehmen“, mosert er. Einen kurzen Augenblick denkt Pia an die Guglmänner, fragt sich, ob die dafür nicht wie immer einen Workaround in petto hätten, sagt jedoch erstmal nichts.


Dirne

Die Dirne zieht weiterhin ihre Kreise im Laternenlicht auf der Augartenbrücke und Pia findet das, was sie da sieht, schon sehr eindrucksvoll animiert.


Designen

„Wir mussten den Avataren das Schauspielen erst beibringen; sie mit entsprechenden Gesten ausstatten, den Gang komponieren, die Bewegungen koordinieren und so fort. Natürlich mussten wir auch das Aussehen und die Kleidung der Rollen entsprechend kreieren. Das war wirklich eine Menge Arbeit, die überwiegend in Barcelona erledigt wurde“, verrät Yao.


Team

So langsam versammelt sich das heutige Team und jeden Moment geht es in die Probe. „Wenn du dich in den Sessel setzt, wird dir ein HUD angeboten, da kannst du dann den View einstellen. Die Sessel habe ich übrigens selbst ausgesucht. Die sind von still life“, erklärt Yao stolz.


Start

Und dann geht’s los mit der Probe. Yao erläutert den Schauspielern respektive den Avataren respektive den Technikern noch einmal genau, wie er es haben will.


Dirne

„Du gehst zwei Schritte in diese Richtung. Dein Ausdruck ist fordernd, keck und verführerisch“, weist er die Dirne an.


Spreiz die Beine

„Dann spreizt du die Beine, aber achte auf den Rock, er muss straff gespannt sein….ja, gut so, ja!“, ruft er befriedigt aus.


Der Schwung

„Wenn du dann wieder zum strammen Soldaten gehst, möchte ich darin mehr Schwung. Ganz tief aus der Hüfte raus, etwa so“, dirigiert er und schwingt sein Becken beispielhaft, sodass die Dirne einen genauen Blick darauf hat.


Bitte

„Also gut, dann lassen wir jetzt noch einmal die ganze Szene ablaufen. Start bitte!“ Pia hockt mucksmäuschenstill ganz hinten im Sessel. Als die Dirne ihre ersten Worte spricht, beginnen ihre Augen zu funkeln, dann werden ihre Wangen rot, ihr Mund verzieht sich zu einem bewundernden Lächeln sie hört völlig auf zu zappeln und versinkt in der kurzen Darbietung.


Proben

Wieder und wieder spielt sie sich ab und Yao befindet sich im regen Austausch mit den Technikern. Ich schlage Pia vor, ihn einstweilen allein zu lassen und zur Premiere wiederzukommen. „Okay, so machen wir’s“, willigt sie flüsternd ein und schleicht aus dem Theater.


Premiere

Draußen plappert sie dann ohne Punkt und Komma auf mich ein. Als ich es schaffe, sie mal kurz zu unterbrechen, entschuldigt sie sich: „Sorry, aber das alles war so erregend, so einnehmend, ja, so ….. neu….“, und schnäbelt gleich darauf weiter über virtuelles Theater. Ich meinethalben bin wirklich mal auf die Premiere gespannt. Für Pia ist netterweise ein Platz reserviert, denn man munkelt, dieses neuartige Ereignis verspricht eine Menge Schaulustige anzuziehen.


Die Fortsetzung lesen Sie bitte im zweiten Teil:
Pia Piaggio bei der Theaterpremiere.

Hier das Originalinterview von Pia mit Yao zum Thema „Virtuelles Theater“ als Podcast.

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