Community Meeting in Berlin 2/3

Ein wesentliches Manko der virtuellen Welt ist die Abwesenheit der Physis. Irgendwo scheint es bei aller „Geistigkeit“ doch noch einen Trieb zu geben, einer anderen Person seine Zuneigung physisch auszudrücken. Anlehnen, umarmen, knuffen, kuscheln, einfach physisch zu interagieren, und wenn es sich dabei nur um einen Blick in reale Augen handelt.

Dieser Trieb ist scheinbar so stark, dass er Menschen Hunderte von Kilometern zurücklegen lässt, um an einem Wochenende all die Wertschätzung auszuschütten und zu empfangen, die sonst nur über Smilies, Gesten oder Gruscheln verteilt wird.

Dafür hatte sich die Gemeinschaft des SLCM 2009 in der Gaststätte Golgatha in Berlin Kreuzberg versammelt.

An jenem Abend konnte ich Menschen beobachten, die sich nach einem halben Jahr oder länger, zum ersten Mal begegnen, und sich verhalten, als seien sie schon seit Jahren miteinander vertraut.

Dementsprechend wurde auf den Namensschildern der Name des Avatars eingetragen, denn der reale Name hätte nicht viel über den Betreffenden ausgesagt.

Es wurden auch Merkmale der Avataren in die reale Welt übernommen, z.B. ein synthetischer Katzenschwanz, oder ein auffälliges Kleidungsstück.

Und so schwappte ein kleiner Teil des virtuellen Raumes in unsere Reale Welt herüber, was Kommunikation, Toleranz und Akzeptanz angeht.

Persönlich erstaunt war ich über die Kompetenzen, die etliche der Anwesenden in nur wenigen Jahren entwickelt haben.

Jaynine Scarborough (Juliane Gabriel), eine klassisch ausgebildete Sängerin aus Berlin, die als erste Deutsche in Second Life vor realem virtuellem Publikum auftrat, hoch engagiert ist, aber trotzdem in der realen Welt bodenständig, realistisch und sehr sympathisch geblieben ist.



Shamara Yoshikawa, SL-Designer und Builder des Freedom Towers, über den wir schon mal kurz berichtet haben, hat uns nun auch mit seinem physischen Auftritt überrascht. Und dann noch die vielen anderen, mit und ohne Business-Hintergrund, und den verschiedensten Motivationsgründen.

Jeder von ihnen ist einen eigenen Artikel wert, und ich werde die nächste Woche damit verbringen, den gesammelten Erfahrungen und Tipps nachzugehen und hier vorzustellen, denn die Bandbreite dessen, was sich auf einer totgesagten „Erotikplattform“ etabliert hat, ist in einem Text nicht zu beschreiben!

Musikalische Lifeperfomance, technische Simulationen vom Bootsführerschein zur Segelregatta, Mirrorworlds, Kulturelle Veranstaltungen, eben alles was es auch in der realen Welt gibt, was uns aber auf Grund der Verfügbarkeit eher bereichern wird, als dass es uns schadet.

Denn ein Zitat vom Wochenende blieb besonders in mir haften:

„Warum sollte ich nicht mehr ins Theater gehen, nur weil in einer Nachbarstraße ein Sexshop steht?“

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

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