Kommunikationsqualität im virtuellen Raum

In den Essener Studien zur Semiotik und Kommunikationsforschung – Band 28 liefert Sascha Postner als einer der wenigen ernstzunehmenden deutschen Forscher und Wissenschaftler im Bereich Virtuelle Welten neben Andreas Lober ein hervorragendes Werk. Das Buch umfasst im DIN A5-Format 106 Seiten und kostet €24,80 bei amazon.de und ist im Shaker-Verlag erschienen.

Der offizielle Titel der Studie lautet

„Erster Eindruck aus zweiter Hand – Zum sozio-perzeptiven Kontakt unter den spezifischen Bedingungen dreidimensionaler Onlinewelten am Beispiel von Second Life“

Wie aus dem Titel hervorgeht, beschäftigt sich Postner in seiner Studie mit den unbewußten, perzeptiven, Kommunikationsmustern in Virtuellen Räumen am Beispiel Second Life. Dabei liegt der Fokus auf der sozialen Interaktion der Menschen durch ihre Avatare.

Postner lässt sich auf eine wissenschaftliche Diskussion innerhalb der CvK-Forschung (computervermittelte Kommunikation) ein. Hier lehnt ein Teil der Wissenschaftler einen auch nur annäherenden Vergleich der Qualität mit Vis-à-vis-Kommunikation strikt ab.

Im Grundlagenkapitel beschreibt er für Laien die Virtuelle Welt mit ihren vielfältigen Kommunikationstools wie Chat, Instant-Messaging und Voice-Chat.

In seinem wissenschaftlichen „Ausgangskapitel“

Grundrauschen der sozio-perzeptiven Begleitmusik

geht er auf die aus Sicht der Soziologie und Kommunikationswissenschaftlichen Perspektive folgenden wichtigen Punkte ein:

  1. Grenzfunktionalität
  2. Binnenstrukturierung
  3. Soziale Eindrucksbildung

Damit spannt Postner ein hervorragendes Beobachtungsfeld für seine Arbeit auf, dass aus den wichtigen Elementen besteht wie der interpersonellen Distanz, dem Blickverhalten, der Blickrichtung mit visueller Aufmerskamkeit (Beobachter 2. Ordnung), der kongruenten und nicht-kongurenten Körperhaltung, der Eigenbewegung im Raum, sowie nonverbaler Kommunikation und Berührungs- und Körperkontaktverhalten.

Nach dem Kapitel über Kommunikation und Wahrnehmung definiert er sein Untersuchungsgegenstand durch ein fiktives Märchen, dass aus sozialer Interaktion von Second Life-Avataren besteht. Zu bemerken ist, dass das fikitve Märchen ein Handlungsszenrio beschreibt, das tatsächlich in Second Life vorkommt. Es handelt sich um die Begegnung eines männlichen und weiblichen Avatars, die in einem Tanz endet. In diesem Kapitel untersucht er diese Szene nach dem von ihm definierten Rahmen der sozio-perzeptiven Zugänglichkeiten wie Grenzfunktionalität, Binnenstrukturierung und sozialer Eindrucksbildung.

In seinem letzten Kapitel nimmt er die Bewertung seiner Untersuchung vor. Bzgl. der von Insidern längst unbestrittene Qualität der Kommunikation in Virtuellen Welten heißt es hier:

Die in Kapitel 3 zusammengetragenden sozio-perzeptiven Aktivitäten zeigen, dass Interaktion im Virtuellen trotz der räumlichen (physischen) Distanz der Kommunikationspartner durchaus eine große sozio-perzeptive Vielfalt aufweisen kann. Es ist also unzweifelhaft, dass den Kommunikationspartnern auch bei avatarbasierter Kommunikation in virtuellen Umgebungen reichhaltige sozio-perzeptive Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

und er führt aus:

Interaktion im Virtuellen folgt dabei ihren eigenen Gesetzen, während sie sich zugleich an Bekannten aus dem ersten Leben orientiert.

Weiter beschreit Postner auch den Einsatz Virtueller Welten im therapeutischen Einsatz:

„… Einerseits sind sich Patient und Therapeut virtuell nah, sprechen in vertrauter Umgebung, blicken in vertraute Gesichter. Andererseits sind sie sich körperlich fern, wodurch es leichter ist, über Intimes zu reden.“ (Schultz 2008) …

In seinem Ausklang schreibt Postner:

…, lassen sich zukünftig brauchbare Hypothesen zur avatarbasierten Kommunikation generieren, die nicht nur eigens zum Forschungszweck erschaffenen Laborwelt entstammen, sondern einen Bezug zu realem Sozialverhalten in virtuellen Umgebungen haben und somit auch kritischen Prüfungen im empirischen Feld standhalten.

In diesem Sinne empfehlen wir das Werk als ein absolutes MUSS für jede wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet.

Über Andreas Mertens

Andreas Mertens aka Patrick Wunderland (SL) ist Initiator von avameo und schreibt seit 2006 für diesen Blog.

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