Pia Piaggio schaut Drax Files

Der heutige Streifzug von Pia Piaggio ist ein wenig anders als gewohnt. Schon lange überfällig ist ein Treffen mit dem virtuellen Reporter Draxtor Despres, den Pia vor einigen Monaten bei der Eröffnung der Sim vom Goethe Institut kennengelernt hatte. Seitdem liegt sie mir ständig in den Ohren mit dem Satz: „Stephy, wann kann ich denn endlich mal den Drax treffen? Ich will unbedingt wissen, was der so fabriziert!“ Tja, das Ding ist, im Second Life lässt sich das kaum erkunden. Denn seine Arbeiten entstehen zwar dort, sind aber hernach als Machinima-Videos am besten im Web 2.0 anzuschauen. So komme ich in die ungewohnte Lage, mit der Pia einen Ausflug ins Internet zu unternehmen.

Mit Musik fing alles an

Draxtor Despres heißt im RL Bernhard Drax, stammt aus München und lebt seit vielen Jahren im fernen Kalifornien. Als ausgebildeter Musiker ist er sozusagen im Kabelsalat aufgewachsen. Seinerzeit dienten noch zahllose Strippen der Übertragung von analogen Signalen. Eine jede war ausgestattet mit einem unterschiedlichen Stecker, der in eine bestimmte Buchse an einem der sich türmenden Endgeräte gehörte. Oft mussten dazu Adapter benutzt werden oder Zwischengeräte in einer Kette von Apparaten, die nachher etwas so leichtes wie Musik hervorbrachten. Doch die Zeiten ändern sich. Aka Draxtor Despres hat er sein Betätigungsfeld erheblich ausgeweitet und konnte dennoch den Endgerätewust und Kabelsalat so gut wie einmotten. Er sitzt jetzt vor zwei Laptops, von dem einige wenige Strippen abführen, durch welche hochmoderne digitale Signale jagen. Er produziert nun im Wesentlichen Filme, mit denen er regelmäßig seinen Channel The Drax Files bei Youtube füttert.

The Drax Style

Als Rasender Reporter hat er einen ganz eigenen Stil entwickelt, indem er Machinima-Elemente aus dem Second Life mit Bildern aus dem Web 2.0 und Aufnahmen aus dem realen Leben mischt. Die Botschaft dieses filmischen Konzepts lässt sich unschwer erkennen: Diese drei Aspekte der modernen Lebenswirklichkeit existieren nicht getrennt voneinander, sondern bilden eine Schnittmenge. Genauer gesagt ist es keinesfalls so, dass wir in einer 3D Welt ein zweites, virtuelles Leben führen, sondern dass wir einen Teil unseres realen Lebens im virtuellen Raum verbringen, wozu natürlich auch das Web 2.o gehört.

Machinima als Infotainment

In seinen etwa fünf minütigen Reportagen geht es selten um reines Vergnügen. Vielmehr spürt er aktuelle Themen auf und heftet sich an deren virtuelle Fersen. Seine Beiträge sind auf Politisches, Soziales und Kulturelles ausgerichtet. Annähernd einhundert Machinima-Videos hat er in den letzten zwei Jahren dazu gepostet; sein Channel bietet eine reiche Auswahl an Inhalten, die sozusagen aus dem realen Leben gegriffen sind beziehungsweise das zeitgeistige Geschehen widerspiegeln.


Pia Piaggio

Dabei fasst er auch gerne heiße Eisen an. Beispielsweise wurde seine Reportage über Guatañamo im letzten Herbst mit dem Media Award der internationalen Organisation Every Human has Rights ausgezeichnet.


Pia Piaggio

In leuchtendem Orange gekleidet, stattet er dem virtuellen Guantañamo einen Besuch ab. Er begibt sich in eine deprimierende Landschaft, die nur aus Wachtürmen, Stacheldraht und Leblosigkeit besteht.


Pia Piaggio

All das dient der Immersion, die den Besucher in das Erleben eines dortigen Gefangenen hineinziehen soll. Dabei ist der ständige Blick durch den Maschendraht noch die netteste Erfahrung. Zwischendurch werden Originalzitate von ehemaligen Häftlingen eingeblendet, die von den Methoden in diesem Knast berichten.


Pia Piaggio

So gibt es allerlei Verhörstrategien, die an Gewalt und Perversion nicht arm sind. Auch das will Draxtor am eigenen Leibe erfahren und lässt sich von einer Art Gestänge auf dem Boden der Tatsachen festnageln; bekommt einen virtuellen Eindruck davon, wie es ist, auf gänzlich wehrlose Weise ausgeliefert zu sein.
Pia ist einigermaßen bedrückt von diesem Video. „Sag mal, Stephy, was geht denn wohl in solchen Menschen vor, die andere Menschen…..also ich meine…. ihresgleichen…..so unwürdig behandeln?“, fragt sie deprimiert. Tja, das ist natürlich die Schlüsselfrage. Vielleicht liegt das an mangelnder Emotionaler Intelligenz. Aber ´ne echte Antwort hab´ ich darauf leider nicht. Sie wirft mir einen enttäuschten Avinnenblick zu. Ich kriege ein ganz schlechtes Gewissen und suche hektisch nach einer netteren Thematik in Draxtors Filmarchiv.


Pia Piaggio

Da bietet sich doch das Video über Gibson im Cyberspace an. Schließlich ist das Pias geistiger Urvater und damit werde ich sie jetzt einfach mal konfrontieren.


Pia Piaggio

Es ist schon zwei Jahre alt und damit eines der ersten Werke von Draxtor Despres. Damals gab sich Gibson die Ehre, der Community seinen neuen Roman „Spook Country“ mit einer Live-Lesung zu präsentieren.


Pia Piaggio

Draxtor begab sich nicht nur auf diese Lesung sondern ebenfalls an Orte im Second Life, die das Gibsonsche Ambiente widerspiegeln. Dass er dabei fast von einem entkoppelten Zugwaggon überfahren wurde, gehört sozusagen zum Berufsrisiko eines virtuellen Reporters.
Von diesem Filmchen ist Pia recht angetan. Prompt kommt natürlich die Frage: „Und wann liest dieser William das nächste Mal? Da will ich U-N-B-E-D-I-N-G-T dabei sein!“, kündigt sie an.


Pia Piaggio

Ebenfalls schon lange her ist der Vorstoß von Paco Rabanne in Sachen Cyberspace. Seinerzeit wurde eine spektakuläre Marketingkampagne für sein Parfum BlackXS (gesprochen Blackexzess) unternommen. Parallel zu Veranstaltungen im RL wurde im big @pple club eine Party gegeben, auf der unter anderem ein bekannter DJ sein Stelldichein gab.


Pia Piaggio

Natürlich fehlte es nicht an einer Abchillzone, wo sich Draxtor an diesem Abend rumlümmelte und feststellte, auf welch liebliche Weise sich seine Arbeit doch vereinzelt gestaltet. Völlig virtuell bestellte er dann noch eine Probe des Exzess versprechenden Duftwässerchens.


Pia Piaggio

Und siehe da: Noch in der gleichen Nacht lieferte ein Kurier das Pröbchen an seiner ganz realen Haustür ab, wo es Bernhard Drax mit eigenen Händen in Empfang nahm.
„Also, Moment mal, du willst damit sagen, dass dieser Paco Sowieso sein neues Parfüm aus dem Second Life ins reale Leben getragen hat?“ Könnte man so sagen. „Ah ja, warum wird das denn nicht öfter gemacht? Ich würde Dir auch gern mal was zukommen lassen“, liebäugelt Pia. Das ist ja schön, aber von derlei Aktionen habe ich bisher nichts gehört. Vielleicht war das damals so eine Art ehrgeiziger Startschuss, von dem nun nicht einmal mehr das Rauchwölkchen zu sehen ist?


Pia Piaggio

Wie auch immer gab es vor etwa einem Jahr die sogenannte Vbusiness Expo. Das V steht freilich für virtuell und diese Konferenz beschäftigte sich mit dem gesamten Spektrum der neuen Geschäftsmöglichkeiten.


Pia Piaggio

Das ganze Thema war so ernst, dass man sich sogar live aus dem Weißen Haus zu Wort meldete und darüber referierte. Draxtor hatte da einige Rückfragen, die er aber leider nicht stellen konnte, denn die ehrenwerten Mitglieder waren allein für die Lindens zu sprechen.


Pia Piaggio

Nun ja, so ist das halt. Jedenfalls kam alles in allem dabei heraus, für Unternehmen sei es gefährlich, das SL zu ignorieren.
Darauf nickt Pia sehr bestimmend. „Das sehe ich auch so. Besonders Unternehmen müssen doch einfach mit der Zeit gehen“, findet sie. „Und wenn sie da noch so klein anfangen. Es geht doch einfach um Erfahrungen“, fügt sie noch hinzu und nun nicke ich ebenfalls.


Pia Piaggio

Jemand der dies sehr ernst nimmt, jedoch nicht direkt als Geschäftsmann agiert, ist Barak Obama. Logisch, wer auf blueberry steht, dem tagt wohl auch das Second Life.


Pia Piaggio

Insoweit kann es nicht verwundern, dass vor etwa 10 Monaten virtueller Wahlkampf im Second Life für diesen Kandidaten stattfand, den Draxtor in diesem Video aufspürt.


Pia Piaggio

Eine hübsche Wahlhelferin ging nicht nur im realen Leben von Tür zu Tür, sondern suchte das Gespräch auch mit Avinnen und Avis. Es gab einige heiße Partys im Angebot und eine Menge Information zu Obamas Ideen für das neue Amerika.
„Siehst du“, kommentiert Pia, „der virtuelle Raum liegt ganz schön nah am realen Leben“, philosophiert sie in ihrer schlichten Weise und wirkt irgendwie glücklich bei diesem Gedankengang. Vielleicht einfach nur deshalb, weil Nähe und Miteinander eben schöne Gefühle sind.


Pia Piaggio

Jedenfalls scheint Obamas Offenheit für virtuelle Welten wahrhaft grenzenlos zu sein. In einer seiner jüngsten Reportagen dokumentiert Draxtor das Geschehen rund um den legendären Besuch des Präsidenten in Ghana. Er spricht dabei unter anderem mit William May, dem Direktor der Abteilung für Innovative Engagement Worlwide.


Pia Piaggio

Die reallife Rede Obamas im Angesicht von lauter dunkelhäutigen Staatsfrauen und -männern wurde unter anderem im Second Life live übertragen.


Pia Piaggio

Neben wichtigen Persönlichkeiten waren allerhand Residents anwesend, die sich auf diese Weise einen Eindruck der Botschaften machen konnte, die Obama für Afrika bereithielt. Unter anderem war da die deutliche Aufforderung, über das Internet am globalen Leben teilzunehmen.


Pia Piaggio

Von diesem Gedanken ist auch Philip Linden begeistert, wie er im Interview mit Draxtor äußert. Er sieht in der von ihm geschaffenen Plattform eine glänzende Bühne für jede Art von Social Media. Selbstverständlich muss dafür eine entsprechende Breitbandverbindung zur Verfügung stehen. Drax verrät uns jedoch, dass in Ghana nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung darüber verfügen.


Pia Piaggio

Darum ist Marc Throwheard, der Vizepräsident von Africa Help and Media von Internews auch skeptisch, was die Möglichkeiten der Kommunikation dieses Landes via Internet betrifft. Relevanter dafür seien Mobiltelefone und Services, die sich auf dieser Basis entwickeln, so seine Aussage.
„Sag mal, dieser hübsche Avi sieht aber nicht so aus, wie die Zuhörer in Ghana. Der kommt ja eher nordisch rüber“, bemerkt Pia scharfsichtig. Nun ja, auch ich frage mich ehrlich gesagt, warum dem Event insgesamt so wenige Schoko-Avis beigewohnt haben. Aber eine genauere Betrachtung davon führt an dieser Stelle wohl zu weit und so spare ich mir jede Mutmaßung.


Pia Piaggio

Da schauen wir uns doch lieber noch das neueste Video von Draxtor an. Übrigens nahm er es als Grundlage für einen Workshop, den er vergangenen Freitag in San Francisco beim Community Treffen hielt.


Pia Piaggio

Es ist schon das vierte Video aus der Reihe California Legacy in SL, ein Projekt von der Santa Clara University, die damit das literarische Erbe des Sonnenstaates lebendig erhalten will. Mary Austin, Raymond Chandler und MarkTwain sind schon in Machinima umgesetzt worden. Diesmal ist Charles Dickens dran.


Pia Piaggio

Kevin Hearly liest „Dickens in Camp“ von Bret Harte, entstanden im Jahre 1870. Sehr lebendig entsteht die Geschichte mithilfe der virtuellen Darsteller und dem ansprechenden Szenenbild.


Pia Piaggio

Aufmerksam lauschen die Männer am Lagerfeuer den Worten und tauschen verschworene Blicke miteinander aus. Begleitet wird die Lesung von einer Musik von Bernhard Drax höchstselbst und so bekommt man auch mal einen Eindruck seiner musikalischen Fähigkeiten.


Pia Piaggio

Die ganze Story endet im Regen, der herrlich echt vom mondhellen Gridhimmel herabfällt. Ein zauberhafter literarischer Beitrag, der mich knapp fünf Minuten in die Stimmung entführt, als meine Oma mir noch Geschichten vorlas.
Auch Pia ist begeistert. „Dieser Drax, der macht ja echt voll viele voll tolle Sachen!“, freut sie sich und will die drei anderen Episoden ebenfalls anschauen. Das finde ich super, denn so kann ich noch in Ruhe ein Weilchen mit Draxtor beziehungsweise mit Bernhard skypen.


Pia Piaggio

Schlussendlich quatschen wir fast zwei Stunden lang über dies und das aus dem virtuellen Dasein. Die Quintessenz dieses interessanten und amüsanten Gesprächs können Sie hier noch als Videopodcast anhören.

Ein herzliches Dankeschön an Draxtor für die Mithilfe bei diesem Streifzug und alles Gute fürs neue Lebensjahr :-)))

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

Kommentare

  1. Hier im Übrigen hier Bernhard’s aktuelle Berichterstattung ….


Ihre Meinung ist uns wichtig

*