Innere Stärke gegen Sucht

Laut Wikipedia hat das Wort „Sucht“ nichts mit der „Suche“ zu tun. Dem wage ich insofern zu widersprechen, als dass ich einen Zusammenhang sehe zwischen einem unbefriedigten Gefühl, dass man zu befriedigen sucht, und einer Abhängigkeit von dieser Suche.

Nehmen wir beispielsweise eine nicht befriedigte Anerkennung, so halte ich es für möglich, dass eine Person durchaus ihr eigenes Leben so gestaltet, dass sie möglichst viel Anerkennung von anderen bekommt. Dafür muss sie allerdings Menschen suchen, die ihr dieses Gefühl geben.

Und wo findet man sehr schnell sehr viele Menschen? Natürlich im Internet, insbesondere im WEB2.0. Wie in unserem Artikel über die vier Erfolgsfaktoren beschrieben, ist das WEB2.0 wie geschaffen, um für alles Mögliche Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen. Dieser Mechanismus zeigt sich zum Beispiel in Online Rollenspielen, wenn ein Spieler über seinen Spielerfolg und sein Engagement in der Spielwelt von anderen Spielern anerkannt wird.

Wer nun denkt, das Netz sei voll von psychisch labilen Menschen, der liegt nur bedingt richtig. Die Mechanismen der Anerkennung und Wertschätzung lassen sich auf alle sozialen Gruppen übertragen, vom Dackelzüchter Verein bis hin zu politischen Parteien. Doch wann genau bezeichnen wir jemanden als „süchtig“?


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Ohne mich jetzt an wissenschaftlichen Definitionen zu orientieren behaupte ich: dann, wenn ein Mensch nicht stark genug ist, eine gewisse Zeit der Spannung auszuhalten, in der er auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse verzichten muss.

Deshalb behaupte ich weiterhin, dass, wenn man Kinder so erzieht, dass sie stark genug sind, diese Spannungen zu ertragen, sie auch im späteren Leben weniger suchtanfällig sein werden.

Zufälliger Weise habe ich heute einen Artikel im Wiesbadener Kurier gefunden, der mich in dieser Annahme bestätigt.

Die Schuldezernentin Rose-Lore Scholz (CDU) stellt das Projekt „Eigenständig werden“ vor, in dem es an Wiesbadener Grundschulen darum geht, die Kinder „Lebenskompetent“ zu machen. Betreut wird das Projekt vom Suchthilfezentrum Wiesbaden unter der Leitung von Cetin Upcin, und basiert auf einer ganzheitlichen Präventionsarbeit. Hier wird nicht tabuisiert und verboten, sondern kreatives Verhalten gefördert.

Ich halte eine solche Maßnahme nicht nur für sinnvoll, sondern auch für notwendig, um Menschen die Chance zu geben, die kommenden Möglichkeiten neuer Medien zu nutzen, anstatt deren Opfer zu werden.

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

Kommentare

  1. BukTom Bloch says:

    Guten Tag twuertz,

    Zunächst kurz etwas zu mir. Ich bin mehrfachabhängig, mit den

    Schwerpunkten Alkohol / Tranquilizer; Rückfallfrei trocken / clean seit ca.

    20 Jahren. Seitdem habe ich mich in der Praxis und auch wissenschaftlich

    viel mit Suchtkrankenhilfe / der Krankheit „Sucht“ beschäftigt.

    In der Tat kommt „Sucht“ etymologisch von „Siechen, krank sein“, nicht von

    „Suchen“. Weiterhin gibt es den Begriff so eigentlich nicht mehr. Die WHO

    (Weltgesundheitsorganisation) ersetzte ihn schon vor längerer Zeit durch

    „Abhängigkeit(ssyndrom)“.
    =Das ist jetzt nicht kritisch, oder oberlehrerhaft gemeint- aber spätestens

    wenn Fachleute mitdiskutieren, kann man dies ja ruhig einmal „im

    Hinterkopf behalten“.
    Die von Dir herausgestellte „Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub“ ist ganz

    sicherlich eine von mehreren, die in der Primärprävention sehr wichtig und

    Erfolg versprechend sind.
    Und auch der „Lebenskompetenz- Ansatz“ ist einer derer, die als sehr

    vernünftig und wirksam anzusehen sind. Eine Kombination mit anderen

    Ansätzen ist aber auch hier anzuraten, zumal dem Kapitalismus

    systemimmanente „Attitüden“ ja in eine ganz andere Richtung weisen.
    In einem kurzen Kommentar kann ich das alles jetzt hier nicht wirklich

    verdeutlichen. Wer mag, schaue sich gern einige meiner Arbeiten unter
    http://www.arslongavitabrevis.de/
    an. Stehe gern für weitere Fragen und Diskussionen zur Verfügung.
    BukTom Bloch
    aka
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

  2. twuertz says:

    Hi Tom,
    vielen Dank für Deinen Kommentar, und für Deine Hinweise auf die korrekte Terminologie ;-)
    Mit der „Kombination verschiedener Ansätze“ bin ich völlig Deiner Meinung, nur bin ich nicht tief genug in dem Thema, um mich zu detailliert darüber auszulassen. Deshalb habe ich hier nur das Thema Wertschätzung aufgegriffen, da ich hier auf Erfahrungen in meinem persönlichen Umfeld zurückgreifen konnte.
    Übrigens arbeite ich ich mich gerade durch Dein 622-Seiten PDF ;-)

    Liebe Grüße
    Tobias

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