Frank Schirrmacher – Payback. Eine Rezension von Stephanie Posselt

Rezension von Stephanie Posselt

Frank Schirrmacher – Payback

Ein merkwürdiger Buchtitel für das Werk eines Frankfurter Intellektuellen, der sich mit den Folgen der Digitalisierung unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Vielleicht deshalb auch der ungewöhnlich lange Untertitel: „Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“.

Eine Verheißung

Zunächst liest sich das gut und klingt verheißungsvoll. Bei genauem Nachdenken stellt sich jedoch die Frage, ob dieses tun-was-wir-nicht-tun-wollen tatsächlich charakteristisch allein für das Informationszeitalter ist, oder ob das für die allermeisten von uns nicht schon immer so war. Das Versprechen, dieses Buch gäbe ein Rezept, wie wir im Zeitalter von Google einen Zugang zu den neuen Anforderungen an unser Denken bekommen könnten, wird leider nur unzureichend erfüllt, wie man nach der letzten gelesenen Seite feststellen muss.

Worte statt Antworten

Seine Antworten – Perspektivwechsel, Kreativität und ein gesundes Verhältnis zum eigenen Ich – sind nicht neu, haben diese Eigenschaften die Gattung Mensch doch schon immer evolutionär vorangetrieben und nicht zuletzt bis hierher gebracht. Auch ist es klar, dass jede Sache, mit der wir uns beschäftigen, unsere Aufmerksamkeit einfordert. Diese Tatsache stellt er als spezifisch für den Umgang mit Rechnern dar, was jedoch wohl kaum der Fall ist.

So ist es

Wo wir in Bezug auf die digitalisierte Gesellschaft stehen, dies zu verdeutlichen gelingt dem Autor hingegen überaus eindrücklich. Auf 224 Seiten schildert er unsere Situation und eines der am häufigsten verwendeten Substantive ist Algorithmus. Denn dies entgeht keinem Leser: Wir sind jener mathematischen Komponente nicht nur ausgeliefert sondern werden immer abhängiger davon, ja, wir ernähren uns sogar schon von ihr und zwar in Form von Informationen, die im Internet in Wahrheit aus reinen Algorithmen bestehen und nicht mehr von Menschen gesteuert werden, sondern von anderen Algorithmen.

An Humor fehlt’s nicht

Dabei streut Herr Schirrmacher so manches Anekdötchen ein, das einem nachher kaum noch aus dem Kopf gehen will. Da ist zum Beispiel diese Mutter, deren Tochter sich ratsuchend an einen Psychologen wendet, da sie unter der fehlenden Aufmerksamkeit ihrer Mutter erheblich litt. Jene nämlich unterhielt ihre sämtlichen sozialen Kontakte via Blueberry und praktizierte selbst die täglichen Yogaübungen damit. Als dann seitens des Psychologen die dringende Empfehlung ausgesprochen wurde, ihrer Tochter mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, schenkte die Mutter ihr kurzerhand ein Blueberry. So viel zum Stand der Dinge Einzelner, was oftmals ein Indikator dafür ist, was sich in Zukunft so anbahnt.

Geistiger Burnout

Neben der ausführlichen Beschreibung der Ist-Situation liefert der Autor auch noch einen reichen Fundus an Anmerkungen in Form von weiterführender Literatur oder auch Links. Bei all seinen Bemühungen gelingt es ihm jedoch nicht, das Gefühl wegzuwischen, das er schon im ersten Satz beschreibt: „Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin.“ Unsere Zeit ist dabei der Platzhalter für allgegenwärtige Computer, für Vernetzung, für Onlinesein, für den Menschen vor dem Bildschirm oder – um es in nur einem Wort zu umschreiben – für Google, den Schmelztiegel aller Algorithmen, wo man eben nicht sucht, sondern googelt. Und noch viel schlimmer ist der unausweichliche Rückschluss: was heutzutage nicht ergoogelt werden kann, das existiert schlichtweg nicht. Diese Erkenntnis ist bitter und doch liegt sie auf der Hand.

1= Ei oder Huhn?

Das Internet treibt seinen Schabernack nach dem Motto 24/7 und Frank Schirrmacher kommt an mehreren Stellen nicht drum herum, die heikle Frage aufzuwerfen, ob es nun in Wirklichkeit so ist, dass der Computer für uns arbeitet oder ob in Wahrheit nicht wir für ihn arbeiten – eine Hypothese mit deutlich philosophischem Tenor. Spätestens da schaudert es auch dem noch so computerpessimistischen Leser, der seinen Rechner einfach nur benutzt, ohne groß darüber nachzudenken, was er da eigentlich tut.

Jedenfalls ein Topthema

Kurz und gut ist Payback zweifelsohne eines jener Bücher, das in jede zeitgemäße Sammlung gehört, auch wenn es nicht alle schaffen, es im Ganzen zu lesen. Das Thema selbst wird nachgefragt, wie der sofortige Sprung auf die Bestsellerliste beweist. Denn nach Antworten auf das, was mit uns vor dem Rechner geschieht, lechzen wir alle. Und besonders in deutscher Sprache ist die Titelliste dazu noch recht schwach besetzt. Allerdings liegt dies wohl weniger an fehlenden Manuskripten als an den Verlagen, die aus allerlei Gründen eben auf Namen setzen, die für eine aus dem Ärmel geschüttelte Absatzgarantie bürgen. Ein Payback in reiner Form und völlig unvirtuell.

P.S.

Übrigens liegt dem Autor nichts daran, das Internet in Kategorien wie Web 1.0, Web 2.0 und so fort einzuteilen. Er benutzt den Begriff Internet für Websites, Foren, Blogs und Suchmaschinen gleichermaßen und das Second Life erwähnt er in einem einzigen kurzen Nebensatz auf Seite 113. Diesen will ich ausgerechnet hier bei Avameo nicht zitieren, denn er würde die Kommentare in eine Richtung lenken, die ich als nicht sachdienlich betrachte. Lasst uns hier nicht darüber reden, was Herr Schirrmacher (noch) nicht verstanden hat sondern über all das, was er uns im guten Stil geschrieben vermitteln will.

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

Kommentare

  1. @Pia: Es fällt mir schwer, nicht über die Dinge zu schreiben, die Schirrmacher (noch) nicht verstanden hat.

    Ich möchte deshalb auf die allgegenwärtige Durchdringung der Algorithmen Bezug nehmen. Hier hat Schirrmacher nur teilweise recht. Die Durchdringung von Algorithmen, also programmierte Regeln und Rezepte, die Computerprogramme steuern, ist ja nicht wirklich Neues. Die fehlende Differenzierung zwischen Web 1.0 und dem social Web, dem Web 2.0, halte ich allerdings erkentnisshemmend. Wäre Schirrmacher nämlich in der Lage, diese Unterscheidung zu treffen, würde er sehen, dass im Web 2.0, die dominanten Algorithmen wieder in den Hintergrund treten und der Mensch nach vorne. In den Vordergrund treten jetzt wieder Menschen, die eine hohe Vernetzungsintelligenz haben und damit ihre physische soziale Reichweite erhöhen.

    Mir scheint es sehr wichtig, die Anwendung der Werkzeuge zur Vernetzung nicht in einem Topf zu werfen, mit Dingen die wir schon immer falsch gemacht haben: Falsche, schlechte oder vernachlässigte Aufmerksamkeit gegenüber unserer Mitmenschen, insbesondere emotionaler und körperlicher Zuneigung (Beispiel Blackberry, oben, siehe auch Artikel von Tobias, Wahrheit oder Lüge).

    Die „neuen“ Medien nehmen beim Konsumieren (Zeit)raum ein, die der Mensch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr hat, um die Aufmerksamkeit auf physisch wahrnehmbare Evidenzen zu lenken. Aber auch das ist streng genommen nichts Neues und passiert auch rein im physischen Raum, ohne „neue“ Medien. Die Vernachlässigung von Kindern beispielsweise funktioniert auch ohne jegliche Nutzung von neuen Medien, wie unsere Gesellschaft gezeigt hat. Vernachlässigte, verhungerte und verwahrloste Kinder gibt es nicht erst seit dem Internet, die gibt es (leider) schon immer!

    Deshalb müssen wir uns immer für das Eine oder das Andere Ent-Scheiden! Das müssen wir ständig, permanent und wir können eine Ent-Scheidung auch revidieren und uns dadurch Ändern (man beachte das versteckte Wort „Scheidung“ im Wort entscheiden!).

    Die Herausforderung des Lebens bzw. der Gesellschaft ist das Erlernen eines gesunden Umgangs mit Wandel und Veränderung. Hier ist eine geschulte Wahrnehmung und Offenheit der Schlüssel zur Unter-Scheidung. Am Tor der Unter-Scheidung öffnen sich dem Betrachter neue Universen (frei nach George Spencer-Brown, Laws of Form). Dann kommt in der Regel die Ent-Scheidung, ob man das Tor durchschreiten will oder nicht. Mir scheint jedoch, dass eine Zeit gekommen ist, an der Unter-Scheidung und Ent-Scheidung zeitlich immer mehr zusammenfallen. Zumindest glaube ich, dass wir manchmal den ersten Schritt durch das Tor gehen müssen, um wirklich wahr-zu-nehmen :-)

Trackbacks

  1. […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von avameo, Second Life Blog erwähnt. Second Life Blog sagte: Frank Schirrmacher – Payback. Eine Rezension von Stephanie Posselt http://bit.ly/7FEbVP […]

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