Die Persönlichkeit des Avatars – Blizzards Realnamen

Ein weitverbreiteter Gedanke ist zur Zeit, dass virtuelle Welten gerne dafür genutzt werden, um die eigene Identität zu verschleiern. Das spiegelt sich in Aussagen wie „Die Nutzer können sein, wer oder was sie wollen“. Interessant dabei ist das Wort „wollen“.

Grundsätzlich spiegelt sich in der Identität eines Menschen ein oft unbewusstes Wertesystem. Der Banker legt Wert auf finanzielle Sicherheit, manch einer ist dafür Bereit, andere Leute übers Ohr zu hauen, dem Hippi hingegen ist das menschliche Miteinander und der Einklang mit der Natur wichtig, das Geld oft nur zweitrangig.

Dieses Wertesystem basiert auf Erziehung und persönlichen Erfahrungen, und ist im limbischen System, im Unterbewusstsein verankert. Das limbische System entscheidet, was wir wollen, bevor wir bewusst wissen, was wir wollen. Der neue Akkuschrauber im Baumarkt, oder das dritte Paar rote Ballerinas, alles Entscheidungen des limbischen Systems.

Somit entscheidet dieser Teil unseres Hirnes auch maßgeblich bei der Entwicklung einer Stellvertreterfigur für virtuellen Welten. Die Gestaltterapie nutzt dieses Phänomen, um unbewusste Werte und Strukturen darzustellen, und bewusst zu machen. In virtuellen Welten wie Second Life trägt somit jeder sein Unterbewusstsein offen zur Schau, wir sind, wer oder was wir sein wollen. Zumindest das, was unser Unterbewusstsein will…

In der Welt steht in einem Artikel zu dem Thema, dass nun auch das Marketing dieses Phänomen erkannt hat, und einen „transparenten Kunden“ erhofft.

Glücklicher Weise ist diese Schlussfolgerung nur bedingt richtig, da es nur selten Rückschlüsse auf den tatsächlichen Bedarf und die tatsächlichen Motive einer Person zulässt. Denn den wirklichen Grund für eine bestimmte Gestaltung kann höchstens der Gestalter selbst kennen. Alle anderen können nur vermuten.

Nehmen wir uns zum Beispiel eine typische SL Discomaus, gertenschlank, moderate Oberweite, Hotpants, High Heels und halb durchsichtiges Oberteil. Skin mit Tattoos, Modelgesicht, und das Inventar voller Tanzanimationen und diversen Poseballs. Diese Person erfüllt die derzeit vorherrschenden „Normen“ gesellschaftlicher „Schönheit“. Normen, die in unserem limbisches System verinnerlicht wurden, oder die wir Imitieren. Der Mensch umgibt sich gern mit schönen Dingen, also möchte der Mensch hinter der Discomaus wohl begehrt werden. So meine Vermutung. Der mitdenkende Leser wird mir nun zustimmen, oder einen anderen, ihm plausibler klingenden Grund im Kopf haben. Das ist ganz normal.

Was schließen wir, was schließt das Marketing nun aus diesem Avatar bezüglich der physischen Person und ihren Bedürfnissen? Geht die Frau jeden Tag ins Fitness Studio, legt Wert auf ihr Äußeres, weil sie begehrenswert sein möchte, oder ist es ein übergewichtiger Mann, der gefallen daran findet, anderen die Aufmerksamkeit zu schenken, die er nie bekommen hat? Oder ein Schlitzohr, dass den Avatar als Köder für potentielle Opfer entworfen hat? Biete ich ihm/ihr die neusten Diätbroschüren, Partnerschafts-Plattformen oder ein Monatsabo fürs Nagelstudio an?

Unlängst hat die Firma Blizzard einen PR-Gau verursacht, als sie verlangte, dass die User in Blizzard-Foren nur Ihre Realnamen angeben dürften. Die frei wählbaren Charakternamen im Spiel sind ebenfalls ein Produkt unseres Wertesystems, die zum Gesamtbild unseres vituellen Abbildes beitragen, wie Skin und Shape und Schuhe. Sich in einem Spielforum nicht mehr als „Quoros Alerteyes“ einloggen zu können, sondern als „Kevin Müller“, ist damit vergleichbar, wenn sich nach einem Theaterstück eine Schauspielerin ihre Maske runterreißt, und sich vor den Augen des Publikums von der „Penelope“ zur „Anneliese Bauer“ verwandelt.

Doch selbst wenn wir mit unserem Avatar unsere Wertesysteme nach Außen tragen, heißt das nicht, dass wir transparent und für alle offen durch die virtuelle Welt laufen. Denn den Schlüssel, der die wirkliche Bedeutung öffnet, den tragen wir in uns.

Trotzdem finde ich es gut, zu wissen, dass sich andere Leute Gedanken um uns machen ;-)

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*