Qualität virtueller Beziehungen: Raum und Social Media

Christian Spannagel hat kürzlich in seinem einen sehr interessanten Artikel mit dem Titel

„Über soziale Kontakte und den Wert des Vergessens“

auf seinem Blog geschrieben. In diesem Artikel möchte ich auf das „Social Media“-Dilemma der Reizüberflutung, des Information-overkills und des Burn-outs eingehen und anschließend den Bezug und die Bedeutung von Raum bzw. räumliche Kontexte mit einflechten. Zudem möchte ich eine Grundhaltung im Umgang mit Informationsgeschwindigkeit und vier Aspekte der Qualität virtueller sozialer Kontakte zur Diskussion stellen.

Informationsgeschwindigkeit

In seinem Artikel schreibt Christian von dem sog. „information-overkill“ und über den „Druck“, der von Tools wie Twitter und Facebook ausgehen, in hohem Maße schnell ansprechbar und verfügbar zu sein. Oft ist damit auch die Frage der Qualität und Quantität von sozialen Beziehungen auf Social-Media-Plattformen verbunden. So erwirbt man durch einfache Klicks in Facebook sehr schnell sehr viele „Freunde“, so zumindest die Terminologie auf Facebook und anderen Plattformen. Selten wird dabei die Bedeutung des Wortes Freund hinterfragt. Für die Einen, die ältere Generation, ist das ein sprachlicher Unfall. Es stellt sich die Frage, ob bewußt zwischen einer virtuellen Facebook-Freundschaft unterschieden wird zu einem langjährigen Freund aus der Schulzeit, den man physisch sehr gut kennt!

Sprachlich sauberer differenziert, erhalte ich auf Plattformen wie Facebook also sehr schnell, sehr viele Kontakte, die virtueller und nicht virtueller Natur sind. Unter virtueller Natur verstehe ich den reinen Internet-Kontakt, dem kein physisches Treffen vorangegangen ist. Die nicht-virtuellen Kontakte unterscheiden sich widerrum zwischen intensiven und langjährigen Kontakten und flüchtigen physischen Kontakten, ich denke hier an einen einmaligen physischen Geschäftskontakt auf einer Messe, aus dem sich evtl. erst intensivere Anschlußstrukturen in der Zukunft entwickeln.

Beziehungspflege mit dem Anspruch an Qualität, kann viel Zeit in Anspruch nehmen und kann auch anstrengend sein. Wenn ich 200 bis 800 Facebook-Kontakte habe, sind das viele virtuelle Kontakte zu Menschen. Zu recht stellte mir in einem persönlichen Gespräch Richard Lifka folgende Frage:

Zu wievielen dieser Leute kannst Du regelmäßig und ernsthaft tiefe und intensive Beziehung pflegen?

Grundhaltung – Die Akzeptanz der Ohnmacht

Ohne die Antwort auf die Frage, was „regelmäßg, tief, ernsthaft und intensiv ist“, vorweg zu nehmen, wird sicherlich klar, auf was es hinausläuft. Niemand kann permanent zu hunderten von Individuen jeweils intensiven Kontakt pflegen. Schon gar nicht, wenn die „alte, physische Bedeutung von Freund“ im Raum steht! (zumindest solange nicht, wie wir alle noch kein moderates Grundeinkommen haben, um den ganzen Tag auf einer Plattform mit dem Lesen von Nachrichten zu verbringen und um permanent Freunde zu besuchen)

Ich stelle den entscheidenden Satz noch einmal hervor:

Niemand kann permanent zu hunderten von Individuen jeweils intensiven Kontakt pflegen

Das ist zumindest meine Meinung und Erfahrung. Die Erkentniss darüber ist die eine Sache, damit zu leben ist eine andere Sache, denn: Wer mag den nicht viele „Freunde“ haben. Es hat mir geholfen, zu akzeptieren, dass meine Kapizitäten bzgl. der Beziehungspflege endlich sind. Genau das macht aber vielleicht auch echte Freundschaften aus?

Mit der mentalen Übung des „los-lassens“ lässt es sich auch einfacher mit den Tools leben, von den der „Druck“ hervorgeht, hoch verfügbar sein zu müssen. Die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nicht sofort antworte. Die Welt geht auch nicht unter, wenn ich einen Tweet, einen Blogeintrag oder sonstwas verpasse. Das fällt umso leichter, je eher ein starkes physisches-soziales Umfeld vorhanden ist. Dazu gehört auch eine gewisse Übung mit Fragen umzugehen wie:

  • Wie? Das ist an Dir als XYZ-Experte, vorbeigegangen ??? Das kann ich fast nicht glauben?
  • Wie jetzt? Das weißt Du wirklich nicht?

Mein Tipp: Einfach drüber stehen und den Fragenden für seine Kompetenz wertschätzen. Meistens resultieren diese Art der Fragestellung aus einem erhöhten und ungesundem Profilierungsbedürfniss des Fragenden.

Einen sehr sehr sehr wertvollen Hinweis gab mir dazu kürzlich auch Peter Kruse, sinnesgemäß (in meiner subjektiven Re-Konstruktion):

„…. Versuche nie das Lebenswerk einer Person in der Vollständigkeit dieser Person zu durchdringen. Das wirst Du nie schaffen, denn dafür ist ein einzelnes Leben zu kurz. Lass‘ Dich inspirieren von den wesentlichen Aspekten, die Dich bei dieser Person begeistern und baue diese Aspekte in Dein Lebenswerk/deine Gedanken mit ein! …“

Es tut gut, von Menschen wie Peter Kruse so etwas zu hören. Es geht nämlich um die Akzeptanz der eigenen Ohnmacht, dass das eigene Leben zu kurz ist, um alles auf dieser Welt zu verstehen oder mitzubekommen! Das man an der Akzeptanz dieser Ohnmacht persönlich sehr reift ist eine andere Sache. Das ist im übrigen auch so mit der Akzeptanz der Ohnmacht, dass man nicht immer alles zu 100% kontrollieren kann!

Wiederholung und Zeit

Zurück zu Social Media! Ich glaube, dass auch auf Social Media Plattformen eine „Selektion“ stattfindet. Die Stärke einer Beziehung zu einer vernetzten Person ist dabei implizit verankert durch gemeinsam ge-teilte Erfahrungen und Handlungen und eher schwach in der digitalen Welt dokumentiert. Was meine ich damit? Meine persönliche Erfahrung zeigt mir, dass ein einzelner kurzer Schlagabtausch und Dialog in einem Chat, auf einer Social Media Plattform oder in einem Kommentar auf einem Blog eher schwach und wenig nachhaltig ist. Erst wenn viele solcher Wiederholungen über einen größeren Zeitraum größer einem Jahr stattfinden, entsteht in der virtuellen Sphäre von Social Media etwas was wir vielleicht Beziehung nennen. Über die Zeit lernt man sich kennen, erfährt mehr von einander und baut vielleicht auch Vertrauen auf.

Gemeinsame Wirkung erzeugen

Der nächste Aspekt der Qualität von nachhaltigen virtuellen Beziehungen wird sichtbar, wenn man durch ge-meinsames Handeln im virtuellen Raum konkrete Wirkungen erzeugt. Diese Wirkungen werden durch sinnlich wahrnehmbare Evidenzen erkennbar. Das sind Buchprojekte, Softwareprojekte, ein über das Internet geplantes BarCamp, ein gemeinsam geschriebenes Blog oder Wiki. Gelingt es gemeinsame Projekte zu starten und zu beenden bzw. fortzuführen, wirkt sich das positiv auf virtuelle Beziehungen aus.

Gemeinsame Krisen meistern

Spannungen und gemeinsame Krisen virtuell auszuhalten sind nicht einfach, denn man kann ja die virtuelle Kommunikation so schnell einfrieren, wie intensivieren. Man muss sich nicht physisch begegnen, allenfalls sieht man das Profil einmal wieder im Blickwinkel. Erlaubt man aber neben dem Konsens auch den Dissens und die wertschätzende Achtung und Konfrontation, können hieraus fruchtbare und konstruktive Phasen hervorgehen, die eine Beziehung weiter stärken können.

Gemeinsames Wirken in Raumkontexten

An dieser Stelle möchte ich das klassische Social Media-Plattformen und Werkzeuge wie Twitter, Facebook und Co. verlassen und auf meine Erfahrung in kollaborativen und dreidimensionalen virtuellen Welten teilen. Bevor ich dies aber tue, möchte ich noch einmal auf Qualitäten von Beziehen zurückkommen, die wir nur aus dem physischen Raum kennen. Intensive Beziehungen, echte Schulfreundschaften, Freundschaften aus dem Studium, der Ausbildung oder in der Familie sind oft an Errinnerungen gekoppelt, die aus

  • emotionalen,
  • zeitlichen und
  • räumlichen Erlebnissen

hervorgehen. Hier spielt das Raumkonzept eine besondere Rolle, da wir Räume mit dem Sehen und dem Riechen verbinden und mit dem zeitlichen Geschehen. Hierzu Beispiele:

  1. Meinen ersten Job nach meinem Studium begann ich bei der IBM in Eschborn. Dort gab es ein helles Business-Center mit viel Glas und Stahl. Im Dritten Stockwerk lebten wir das Konzept des Clean-Desks und des Shared-Desks. Obwohl wir als Berater keinen Anspruch auf einen festen Platz hatten, hielten wir uns im Team, immer im selben Bereich auf, ….
  2. Ich errinnere mich noch gerne an die Studienzeit. Zentrum der spannensten Geschichten war die Mensa. Wir saßen oft bei den Rauchern. Als ich mich einmal in der Schlage beim Mittagsessen vordrängelte, lerne ich einen guten Studienfreund kennen, an den ich heute noch gerne denke …..
  3. An meinen Kindergartenfreund Thomas errinnere ich mich noch ganz gut …. Ich errinnere mich noch an die Räume und den Garten. Die Räume waren hell gstaltet, und überall …. im Garten schien die Sonne und es gab eine grüne Rutsche und eine rote Schaukel und mein bester Freund Thomas, ….

In der physisch-realen Welt koppeln wir also zeitliche Erlebnisse und Ereignisse an räumliche Kontexte und verbinden diese mit Freundschaftsbeziehungen. Das passiert bewusst und unbewusst!

Zwar werden Facebook und Co. auch als virtuelle Räume bezeichnet, allerdings entspricht das nicht unseren natürlichen Erfahrungen im Raum. Die zweidimensionale Ebene auf der sich Facebook und Twitter abspielt, ist zu abstrakt, um diese starken emotionalen und ausgeschmückten Raumkontexte aufzuspannen. Allenfalls entsteht der Satz: Annette habe ich über oder auf Facebook oder XING kennengelernt.

Die Geschichten drumherum sind das wichtige Element. Sie sind im falchen Web nicht so einfach zu erzählen und fehlen uns. Anders verhält es sich da im 3D-Internet. Hier ein paar Erfahrungen, die ich nicht so schnell vergesse:

  • ich errnnere mich noch an die erste virtuelle Immobilie, die Michael schnell wieder abstieß, als wir merkten, dass das Land doch nur untervermietet wurde, anstatt verkauft ….. Eine helle, offene Glaskonstruktion mit mehreren Stockwerken. Damals dachten wir noch, wir brauchen ja nur eine kleine Fläche und können unendlich in die Höhe bauen. Schnell merkten wir, dass die Gesetze virtueller Ländereien andere sind, als in der physischen Welt!
  • Im CoreCon Convention Center besuchte ich mein erstes virtuelles Seminar. Angenehme Räume, wieder hell und hoch gestaltet. Ich saß, repräsentiert durch meinen Avatar, in einem Sessel und erwischte mich selbst dabei, dass ich mich mehr für das Aussehen anderer Avatare interessierte, als für den inhaltlichen Stoff des Seminars. Ich schaute raus aus dem (virtuellen) Fenster und bewunderte die virtuellen Wolken …. Wie damals in der Schule, dachte ich mir …. Der Seminarleiter war Pixelsebi, aka Sebastian Küpers …. damals musste die Sprachverbindung noch parallel durch TeamSpeak oder Skype realisiert werden …
  • Mein erstes BarCamp im virtuellen Raum von Second Life war faszinierend. Es wurde ebenfalls von Sebastian organisiert. Diesmal unterstützte Second Life Voice. Wir hatten aber damals Probleme über die sog. Grenze eines Gebietes zu steigen. Ich hielt einen Vortrag über die Messung von Avatarbewegungen, um die Besucherfrequenz und die durchschnittliche Verweildauern von Lokalitäten im 3D-Raum zu bewerten. Es gab viele spannenden Vorträge und das Camp war international gut besucht!
  • Unsere erste Insel in Second Life eröffneten wir im Mai 2007. Mit unserem mehrköpfigen Team bauten wir fast 3 Monate an der Insel. Mit einem Tanz in den Mai eröffneten wir die Insel mit einem zweitägigen Programm. Fallschirmspringen, eine Schnitzeljagd und einen Podiumsdialog führten wir durch!
    • Lessons Learned 1: Eventplanung- und Management ist im virtuellen Raum nicht weniger aufwändig, als im Real Life.
    • Leassons Learned 2: Nie wieder werde ich Michael Wald aka Steward Drumbeat vergessen. Er schmiert mir meinen Moderationsfehler heute noch aufs Brot. Entschuldige bitte, lieber Michael!
  • Am 3. November 2008 sind mir das erste Mal in meinem Leben reale digitale Bits und Bytes in das Wasser gefallen. Sowas hielt ich bis Dato für unmöglich, bis ich die Erfahrung sammeln musste.

Zwar haben sich die Geschichten hier in Form von Text in einem flachen, zweidimensionalen Blog manifestiert. Aber nicht eine Geschichte wäre ohne den dreidimensionalen Raumkontext möglich gewesen, den virtuelle oder physische Welten aufspannen.

Auch die nachhaltig positive Erlebnisse und geteilten Erfahrungen aus unserem Arbeitskreis für E-Learning schreibe ich neben den wirklich kompetenten Teilnehmern der Tatsache zu, dass wir in der Lage sind, ein Raumgefühl zu simulieren, um darin besondere Erlebnisse und Erfahrungen zu teilen.

Deshalb glaube ich nach wie vor, dass das Defizit gemeinsam geteilter Raumkontexte für sozial geteilte Erlebnisse im flachen Internet in Zukunft stärker durch eine Präsenz in virtuellen Welten ergänzt wird.

Es ist auch eine Art der Entschleunigung des „information-overkills“, die ich regelmäßig in Second Life wahrnehme. Obowohl die Reichhaltigkeit der audiovisuellen Eindrücke in einer Welt wie Second Life anfangs sehr anstrengend sind, empfinde ich Sie heute eher als entspannend, im Vergleich zu der aufblinkenden Like-Meldung, der E-Mail, die gerade reinkommt und dem „pingenden“ Tweet und der SMS auf dem iPhone, die gleichzeitig eintreffen. Da hilft nur noch die Akzeptanz der Ohnmacht oder ein Besuch in unserem Arbeitskreis in entspannter Atmosphäre mit tollen Menschen, die indiviudell durch ihre Avatare repräsentiert werden.

Über Andreas Mertens

Andreas Mertens aka Patrick Wunderland (SL) ist Initiator von avameo und schreibt seit 2006 für diesen Blog.

Kommentare

  1. Ich finde die Informationsüberflutung durch das Internet auch besorgniserregend. Es ist durchaus vorstellbar, dass es Menschen gibt, die damit einfach nicht zurecht kommen. Oftmals muss ich mich selbst bremsen, wenn ich die Nachrichtenseiten im Netz durchstöbere und einfach nicht genug bekommen kann. Daher bin ich ebenfalls der Meinung, dass physische Kontakte in der Realität enorm wichtig sind. Sonst verliert man sich im Netz.

  2. Der physisch-soziale Rahmen ist und war schon immer wichtig. Darüber hinaus, so glaube ich, müssen wir einfach lernen, eine Medienkompetenz zu erwerben, die den gesunden Umgang mit dem Internet fördert. Dabei wäre die Frage zu stellen, was gesund ist und was ungesund. Und da denke ich, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten ist, wie z.B. in einer Form wie:

    „mehr als x Stunden Internet pro Tag sind ungesund“

    ich habe aber keinen Vorschlag oder eine Idee, wie das zu formulieren ist. Vielleicht ist die quantitative Betrachtung sinnvoll, wenn man Sie auf die Art und Weise der Internetnutzung bezieht. So denke ich ist es eine Frage, ob die Nutzung rein eskapistischer Natur ist oder andere Motive hat, wie z.B. der Partnersuche, der Kreativitätsentfaltung oder Bildungshintergründe ….

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