Freiheit und Virtualität: Von der elektronischen Identität und der Entdeckung des Hypergrids

Die Einführung des elektronischen Personalausweises (nPA) mit den Funktionen der elektronischen Identität (eID) und der qualifizierten elektronischen Signatur (QES) stiftet „neue Identität“ im Netz. Genauer gesagt, wird ein „Identitätsbinding“ ermöglicht, indem bestehende virtuelle Identitäten an physische Identitäten gebunden werden können. (Bild: www.ausweis-app.com)

Der neue Ausweis hat weitreichende strukturelle Veränderungen zur Folge. Die Art und Weise, wie wir seit sehr langer Zeit rechtsverbindliche Geschäfte abschließen, nämlich handschriftlich, verändert sich! Hinzu kommt eine Funktionen bzw. Eigenschaft, die die handschriftliche Unterschrift nicht leisten kann! Mit der elektronischen Signatur kann quasi Jeder zuverlässig die Unversehrtheit (Integrität) eines Dokumentes prüfen. Die strukturellen Veränderungen ergeben sich damit u.a. auch durch die technische Anforderung, eine neue staatliche Infrastruktur hierfür bereitzustellen. Neben den bestehenden Infrastrukturen für Verkehr, Telekommunikation und Elektrizität kommt eine Public Key Infrastruktur für signaturgesetz-konforme Unterschriften, sog. qualifizierte elektronische Signaturen, hinzu. Eine Public Key Infrastruktur ist eine IT-technische Infrastruktur, die erforderlich ist, um das Schlüssel- und Zertifikatsmanagement abzubilden, dass hierfür erforderlich ist. Die hoheitliche Verantwortung hat gem. SigG hier die Bundesnetzagentur. Der neue Personalausweis wird damit neue Freiheiten ermöglichen und zugleich alte Freiheiten beschneiden, die man kontrovers diskutieren kann.

Für die Entstehung von Kreativität benötigt das Individuum und die Gesellschaft Freiräume zur Entfaltung.

Hier spielt die Freiheit eine besondere Rolle. Seit Menschengedenken, seit den Zeiten der Jäger und Sammler und der darauffolgenden Geschichte der Besiedlung, wiederholt sich das Wechselspiel zwischen maximaler Freiheit und der Wunsch nach Sicherheit und Beständigkeit. Offensichtlich reproduziert sich dieses historische Muster im Netz.

Wann immer Strukturen und Regeln geschaffen werden, erhöht sich die Sicherheit durch Kontrolle auf Kosten der Freiheit. Wird diese Entfaltungsfreiheit zu sehr beschränkt, sinkt die Kreativität und damit auch das Innovationspotential einer Gesellschaft, was ein Dilemma ist – gerade mit den heutigen Geschwindigkeiten technologischer Entwicklungen. Bisher war das Internet ein schwach regulierter Freiheitsraum. Durch eine Überregulierung droht der Keativität im Netz der Tod. Doch manchmal werden die Fesseln gesprengt, was man an einer Revolution oder Auswanderungen erkennen kann. Oder es gibt andere Indikatoren, wie etwa die Entstehung neuer parteilicher Ausrichtungen, wie die der Piratenpartei.

Das Netz selbst hat aber seine eigene Grenzen: und zwar die Plattform-Grenzen, die durch Social Media und das Web 2.0 aufgelöst werden, aber dennoch ist es schwer eine XING-Grenze oder Facebook-Grenze zu überwinden. Das Erhaltungsgesetz sorgt beispielsweise dafür, dass ich nicht ohne Weiteres (automatisiert) meine XING-Kontakte in Facebook suchen kann, beispielsweise durch die Implementierung einer Schnittstelle, die die Interoperabilität ermöglicht. Technisch ist das zwar möglich durch Konzepte wie OpenGraph und OpenSocial, doch diese Technologien müssen zunächst Machtstrukturen überwinden.

Innovationen wie die elektronische Identität (eID) und die qualifizierte elektronische Signatur (QES) beispielsweise brauchten mehr als 10 Jahre, um solche Strukturen zu überwinden, denn die Einführung echter Innovationen sind mit Strukturveränderungen verbunden, die unser Leben nachhaltig ändern. So trat bereits 1997 die erste Version des deutschen Signaturgesetzes SigG in Kraft. Bis zur Umsetzung durch den neuen Personalausweis (nPA) mussten wir nun 13 Jahre warten. Der neue Ausweis wird uns ermöglichen, rechtskräftige Verträge auf E-Mail-Basis abzuschließen, er wird uns vor Abmahnern schützen, die behaupten, wir hätten eine Mitgliedschaft auf einem Portal abgeschlossen. Aber er brigt auch die Gefahr der Überregulierung durch eine totale Netzkontrolle des Staates, wie etwa ein Internetzugang, der nur noch mittels des neuen Personalausweises möglich ist!

Spannend finde ich aber tatsächlich, dass auch die „New Economy“ selbst, Machterhaltungsstrategien durch Revierverteidigung umsetzt und gleichzeitig „Alles ist Open“ propagiert! Da kann man auf die sozialen Netze wie XING und Facebook oder auf Wikipedia schauen, Gleiches spielt sich aber auch in der Entwicklung des 3D-Internets ab. Hier wirken zwei Kräfte, die ich sehe. Zum einen verteidigt Linden Lab die Plattform Second Life, die bisher noch nicht wirklich geöffnet wurde! Zum Anderen ist mir erst kürzlich klar geworden, welche Industrie-Kräfte einem 3D-Internet der höchsten Ausbaustufe entgegenstehen. Am Besten schaut dazu auf das Substitutionspotential einer neuen Technologie. Bei der elektronischen Signatur ist es z.B. die handschriftliche Unterschrift und Funktionen von Notaren, die substituiert werden könnten. Bei mobilen Micropayment-Systemen, wie beispielsweise der Paybox sind es die Kreditkarte, die EC-Karte, das Bargeld und die Geldkarte.

Beim 3D-Internet steht die Räumlichkeit in Zentrum. Lehrer haben Ängste, abgelöst zu werden und insbesondere könnte die Erforderniss der physischen Präsenz in vielen Fällen obsolet werden. Demgegenüber steht der gewaltige Dienstleistungssektor der Personenbeförderung! Aber wo es Kräfte gibt, gibt es auch Gegenkräfte: Senkung der Reisekosten, Zeitersparnis und der globale Druck, Umweltbelastungen zu senken!

Eine wundervolle Kraft unserer Zeit ist die Energie, die aus OpenSource-Bewegungen hervorgeht. Und das 3D-Internet hat meiner Meinung nur eine Chance, wenn der Teleport eines Avatars von virtueller 3D-Welt zur nächsten virtuellen 3D-Welt so einfach wird, wie der Klick auf einen Hyperlink. Die sich abzeichnende Lösung wird wohl das sog. Hypergrid sein. Das Hypergrid ermöglicht den Sprung von einer 3D-Welt in die Nächste. Eine erste „How-to-travel„-Anleitung zeigt den mutigen Protagonisten von heute, wie dies via OpenSimulator geht. Zudem steigt die Liste der Partizipanten am Hypergrid kontinuierlich, wie diese Liste zeigt. Erfeulich ist aber auch der Druck, der auf der Seite der Content-Creator entsteht. Sie wollen Ihre Kreationen und Werke nicht für eine proprietäre Plattform entwickeln, sondern möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Im 2D-Web heißt die Lösung HTML5, im 3D-Internet haben wir es Protagonisten wie u.a. der Open File Formats Technology Working Group (OFF.TWG) zu verdanken, dass die Interoperabilität Virtueller 3D-Welten durch entsprechende Datenformate weiterentwickelt wird. Dies zeigt eindrucksvoll folgendes Video der Immersive Education Initiative:


Bisher erlauben Virtuelle Welten die Entkoppelung der physischen Identität von der virtuellen Identität des Avatars. Spannend wird es, wenn wir unserere virtuelle Avatar-Identität durch ein „Identitätsbindung“ an die physische Identität mittels eID binden. Hieraus entstehen Chancen und Risiken zugleich: Auf der einen Seite können wir vielleicht durch einen virtuellen Avatar-Handschlag Geschäfte abschließen. Auf der anderen Seite verlieren wir vielleicht das letzte Stück Anonymität bzw. Privatsphäre? Wir verlieren und gewinnen zugleich!

Über Andreas Mertens

Andreas Mertens aka Patrick Wunderland (SL) ist Initiator von avameo und schreibt seit 2006 für diesen Blog.

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