OpenSimulator: der Weg ins 3D Internet Teil 1/3

Opensimulator

Die Matrix

Jack stand vor der virtuellen Repräsentanz des Yoshiwara Konzerns. Die Festung, die im Stile der japanischen, mittelalterlichen Kaiserzeit erbaut worden ist, war von hektischem Treiben erfüllt. Jack aktivierte seine Maskierungssoftware und seine Avatargestalt wandelte sich in die, eines mittelrangigen japanischen Beamten. Mit gesengtem Kopf schritt Jack langsam auf das große Tor der Festung zu.

Das Tor bestand aus zwei großen, hölzernen Flügeln, und in jedem war eine kleinere, mannshohe Tür eingelassen. Immer wieder kamen Boten durch die geschlossene linke Tür gerannt. Auf der rechten Tür befand sich auf Augenhöhe ein goldener Löwenkopf, dessen linke Augenhöhle leer war. Das Tor war die visualisierte Firewall des Hauptservers des Konzerns, und die linke Tür, durch die die Boten gerannt kamen, der für den Mailausgang freigeschaltete Port. Wenn er durch dises Tor war, musste Jack nur noch im Innern der Festung das Haus suchen, aus dem die Boten gelaufen kamen, denn dort war der Postausgangsserver des Konzerns, Jacks Ziel.
Doch erst mal musste er durch das Tor kommen. Links und rechts des Tores, neben den Standarten des Konzerns, standen je zwei Samuraikrieger, die typischen Wachen des Konzerns. „Gleich bin ich in Scanweite, da wird sich rausstellen, ob Fingers seine fünf Riesen verdient hat.“ dachte Jack, als er sich dem Tor und den Wachen näherte. Als er weniger als fünf Meter entfernt war, ging ein grober Ruck durch die Samurai, sie wendeten sich ihm zu, und verneigten sich kantig. „Geht doch!“ murmelte Jack. „Nur an der Animation müssen sie noch was arbeiten“ fügte er in Gedanken hinzu, und suchte in seinem Inventar nach dem Schlüssel für das Tor. Die Software für seine Maskierung hatte er von einem jungen, aber talentierten Coder namens Fingers erhalten, das Knacken der Firewall, das Anfertigen des Schlüssels, das war sein Job. Er zog einen ca. 15 cm langen, mit silbernen Ornamenten verzierten Elfenbeinstab aus seiner Tasche und steckte ihn in das linke Auge des goldenen Löwenkopfes. Nun würde sich zeigen, ob seine drei Doppelschichten, die er mit Programmieren verbracht hatte, erfolgreich waren.
Das rechte Auge des Löwenkopfes schimmerte grün, dann öffnete sich die Tür. Er hatte Zugang zum Hauptrechner von Yoshiwara erhalten! Jack betrat die Festung, nachdem er seinen Elfenbeinstab wieder im Inventar verstaut hatte, und hielt Ausschau nach dem Ursprung der Boten.


Francisco Diez
Bilderquelle:Francisco Diez

Sie kamen in Sekundentakt aus einem kleinen, offenen Bambuspavilion auf der rechten Seite des Hauptplatzes, der vor dem majestätischen Konzernpalast gelegen war. Um ihn herum eilten die Bediensteten, teils Avatare von Mitarbeitern, teils Bots, in hektischer Erfüllung ihrer Aufgaben über den Hof. Seiner Verkleidung angemessen, ging Jack würdevoll zum Pavillon, in dem er den zentralen Mailausgang vermutete. Er stieg die drei Holzstufen hinauf, und sah, dass er recht vermutet hatte. In der Mitte des Pavilions kniete ein japanischer Hofschreiber vor einem flachen Holzpult. In Sekundenschnelle zeichnete er Schriftzeichen auf Papierbögen, signierte und stempelte sie. Wenn eine bestimmte Anzahl Bögen voll war, erschien neben ihm, aus dem nichts, ein Bote, der das Schriftstück an sich nahm, und sich dann auf den Weg machte, die Post zuzustellen. Jack sah sich die Struktur der Kleidung des Schreibers an. Das Programm, mit dem er den Postausgang lahmlegen sollte, war Freeware von der Stange, und er trug es in Form eines Dolches mit sich. Doch jetzt, als Jack die vielen Schichten der japanischen Kleidung des Schreibers sah, wusste er, dass der Standard von der Stange nicht ausreichen würde. Langsam ging Jack um den Schreiber herum, um noch besseren Überblick, über die Kleidung zu bekommen. Hinter ihm blieb er dann stehen. Baumwolle und Seide waren die Materialien, die hauptsächlich verwendet waren. Jack öffnete das Script seines Dolches. Er hatte schon viel Erfahrung mit diesem Script, und einige ähnliche Aufträge ausgeführt, und so hatte er schon eine Idee, wie er den Dolch ergänzen konnte. Er änderte in wenigen Sekunden ein paar Zeilen, und fügte noch ein paar hinzu, die er aus seinem Inventar importierte, dann startete er das Script neu. Ein schwacher Rotschimmer überzog beim Restart die Klinge. Jack konzentrierte sich auf die Nierengegend des Schreibers, knapp oberhalb der roten Schärpe. Dann ließ er sich auf die Knie fallen und stieß dabei mit voller Wucht zu.

In dem Moment, als die Spitze des Dolches die Kleidung des Schreibers berührte, begann die Klinge plötzlich bis ins rot-weiße zu glühen, und verbrannte die getroffene Kleidungsstelle zu Asche, sodass die Klinge ungehindert in den Körper des Schreibers eindringen konnte.
Der Schreiber brach tot über seinem Pult zusammen, ein Zeichen dafür, dass der Postausgang jetzt ausgeschaltet war.

„Sayounara!“ dachte Jack, als er sich erhob, den Dolch einsteckte, und sich zum Ausgang des Pavillons wand. Mit ehrwürdig, mäßigem Schritt stieg er die Holzstufen hinab, und beschloss, schnellst möglich die Festung zu verlassen. Solange er noch auf dem Hauptserver von Yoshiwara war, hatte er das Schlimmste zu befürchten, falls er gefasst werden sollte.


adamsRibs
Bilderquelle: adamsRibs

Als Jack den halben Weg vom Pavillon zum Tor zurückgelegt hatte, sah er in einiger Entfernung eine Samuraipatroullie, die ihm energisch entgegen kam. Das waren zweifellos keine Bots, sondern Mitarbeiter der Yoshiwara Konzernsecurity, und dementsprechend das Auftreten ihrer Avatare. Der eine schien mehr der Techniker zu sein, schmal gebaut, und nicht ganz so groß, der andere eher der Mann fürs Grobe, mit entsprechender Gestalt.
„Ah! Hausmeister Krause und sein Freund King Kong auf dem Weg zur Arbeit!“ dachte Jack, als er sie sah.

Wenn die beiden merken, dass der zentrale Postausgang Opfer eines Angriffs geworden ist, dann würde es Großalarm geben, was mit sofortiger Sperrung der Firewall verbunden wäre, das wusste Jack aus seiner Erfahrung mit Konzernen. Er schritt schneller in Richtung Tor. Er schätze, dass er in spätestens zehn Sekunden weg sein musste. Er griff in sein Inventar. „Irgendwo muss das doch sein…“ nach zwei Sekunden hatte er, was er suchte. Er warf einen Blick zum Pavillon zurück. Genau zum richtigen Zeitpunkt! King Kong polterte gerade mit rudernden Armen die Holztreppe des Pavillons runter, in der Absicht, sich auf dem Hof zu positionieren, um Alarm zu schlagen.

„Rezz! Rezz!“ zischte Jack und warf grinsend eine schuhkartongroße, grünlackierte Holzkiste mit goldenen Sternen in die Mitte des Hofes, ca. 20 Schritte von King Kong entfernt. Dieser hatte nun sicheren Stand gefunden, und holte tief Luft, um den Hof in Alarmzustand zu versetzen.

In diesem Moment schlug die Kiste auf. Mit einem lauten, dumpfen Knall breitete sich goldener Rauch in einer großen Wolke im ganzen Hof aus. Doch bevor sich so etwas wie Panik breitmachen konnte, pfiffen und jaulten kleine Feuerwerkskörper durch die Luft, Knallfrösche zerplatzen am Boden, und Raketen stiegen zischend zum Himmel auf, wo sie sich knallend in bunte Feuerblumen verwandelten.

Dieses Spektakel übertönte die Alarmrufe des nun sichtlich verwirrten King Kongs, und in dem Moment, als das Feuerwerk verebbte, und die Konzernmitarbeiter im Hof applaudierten, schloss sich die Tür der Firewall hinter Jack.
Grinsend lief er noch ein paar Schritte in Richtung der nahegelegenen Reisfelder, bevor er mit der Hand nach dem Stecker hinter seinem Ohr tastete. Ein kurzes Knack, dann verschwand die japanische Landschaft vor Jacks Augen, und er sah das heruntergekommene, öffentliche Zugangsterminal, von dem aus er sich in die Matrix eingeloggt hatte. Er spürte den kalten Aprilregen, der in seinen Kragen tropfte, roch den vertrauten Smog von Seattle, und hörte die vertrauten Geräusche der Großstadt. Achtlos lies er den Stecker des Terminals an der Washingtonstreet Ecke Docksroad fallen, stieg in seinen schwarzen 2063er Chevrolet EcoGlide, bevor er im nassen Dunkel der Metropole verschwand.


Marc Zug
Bildquelle: Marc Zug

Das 3D Internet
Soweit zu den Fiktionen eines 3D Internets der Zukunft im Stile der Cyberpunkromane Shadowrun, Otherland und Snow Crash.
Doch wie sieht es heute aus?
Die größte und bekannteste 3D Welt ist Second Life. Diese virtuelle Welt besteht aus einzelnen Inseln, das sind Landstücke von 256 mal 256 Metern. Von diesen Inseln, oder auch Regionen genannt, gibt es derzeit ca. 31000 laut grid survey, laut Wikipedia waren es im Sommer 2010 ca. 58244 , die sich zu einzelnen Kontinenten zusammen schließen.


second_life_map
Bildquelle: studiosixid

So ist eine große, virtuelle Landmasse entstanden, die Grid genannt wird, und im Prinzip ein eigenständiger Planet ist. Dort können sich die Einwohner tummeln, sich unterhalten, bauen, lernen, kurz fast alles tun, was in der physischen Welt auch geht. Aber leider auch nur dort.
Denn der Planet von Linden Lab ist so hermetisch abgeschlossen, wie die Ex DDR zu Zeiten des kalten Krieges. Rein kommt man, wenn man sich registriert, aber mit dem Avatar den virtuellen Planeten verlassen, ist unmöglich.

Doch wenn ich gesagt habe, dass Second Life die größte und bekannteste Planet ist, dann gibt es ja noch andere, die es verdient haben, beachtet zu werden. So hat sich in den letzten Jahren OpenSimulator prächtig entwickelt.

Open Simulator ist allerdings nur die Software. Ein „Anwendungsserver basierendes 3D Internet Framework für Virtual Reality Anwendungen“, laut Kai Ludwig von Talentraspel.
Somit noch lange kein 3D Planet, aber mit Hilfe von Open Simulator kann man solche 3D Umgebungen, ähnlich Second Life, erbauen, sozusagen seinen eigenen, kleinen 3D Planeten. Interessanter Weise lässt sich die Installation skalieren, d.h. der Nutzer kann entscheiden, ob sein Planet eher groß oder lieber klein wird. Ob er nur auf einem Laptop entsteht, damit man auch im Zug ohne WLAN scripten kann, ob man seinen alten Rechner im Keller als Server nutzt, oder sich bei Amazon eine Cloud mietet, um einen Riesenplaneten zu erschaffen.

Entsprechend flexibel verhält sich auch der Rest der Software. Der Nutzer kann beispielsweise entscheiden, ob sein Planet eine Voice-Unterstützung von Freeswitch haben, oder ob er an das Währungssystem vom Virvox angeschlossen werden soll. Künftig soll der Import von Meshes implementiert werden, einer Möglichkeit, komplexe 3D Objekte mit geringer Anzahl von einzelnen Bausteinen darzustellen. Und für all jene, die mit dem Linden Viewer 2.0 daherkommen, ist Media on a Prim verfügbar.



Diese Software mit den Modulen wurde auf Open Source Basis entwickelt, und ist somit frei erhältlich. Eine der Personen, die bei dieser Entwicklung mitgeholfen hat, ist z. B. Melanie Tielker, die mit Hilfe der Software die geschlossene 3D-Plattform Avination erschaffen hat.
Das Installieren der Software und das Erstellen einer 3D Umgebung ist in etwa vergleichbar mit dem Erstellen einer Webseite. Für die Darstellung des Planeten sorgt die Software von OpenSimulator, vergleichbar einem WordPress Backend. Für den Inhalt, also die Gestaltung der Planetenoberfläche, ist die Kreativität des Nutzers verantwortlich. Eine solche Welt hat Marcus Speh Birkenkrahe in Eigenregie für sich selbst aufgesetzt, und war überrascht von der Einfachheit, mit der ihm das gelang. Bei einem Physiker muss diese Aussage allerdings kein Maßstab für Normalverbraucher sein…

So können wir also festhalten, dass es mit OpenSimulator möglich ist, einen eigenen Planeten auf einem Server eigener Wahl aufzusetzen. Doch wie bekommen wir nun ein 3D Internet? Wie können wir mit unserem Avatar durch ein endloses Grid fliegen, dass das heutige Internet an Komplexität weit übertrifft?

Das Hypergrid

Durch ein weiteres Zusatzmodul von Opernsimulator, dem Hypergrid. Dieses Zusatzmodul ermöglicht das Öffnen des eigenen Servers für Zugänge von anderen Servern.
Es entsteht quasi eine interstellare Verbindung zwischen mehreren Planeten, die der Avatar bereisen kann.
So, wie auf dem Planet von Second Life der Avatar von Kontinent zu Kontinent und von Insel zu Insel reisen kann, kann er sich im Hypergrid von Planeten zu Planeten bewegen.

Dieser interstellare Raum hat im Januar 2011 folgende Dimensionen erreicht:

Die Top 40 der Opensimulator Planeten haben einen Zuwachs von 529 Regionen seit Mitte Dezember erhalten, und sind bis Mitte Januar auf insgesamt auf 15,623 Regionen angewachsen. Das bedeutet eine monatliche Zuwachsrate von 3.5%. Seit Erhebung der Statistiken 2009 war das allerdings die zweit niedrigste Rate.
Aufgeführt sind dabei auch die geschlossenen Planeten, vergleichbar mit der Isolation von Second Life.

Doch wie hat man sich diese interstellare Raumfahrt vorzustellen?

Auf dem Planeten, auf dem sich der Nutzerso registriert, wird der Avatar verwaltet, es ist sein Heimatplanet. Er bekommt einen Namen, eine Identifikationsnummer (UUID), ein Profil, ein Inventar, eben alles, was ein virtueller Stellvertreter braucht. So ist die Interaktion mit der Umwelt in vielfältiger Weise ermöglicht. Bauen, Kaufen, Voicechat, sowie die Suche nach anderen Avataren ist innerhalb des Heimatplaneten möglich, ähnlich wie in Second Life.
Doch nun kommt das Hypergrid ins Spiel. Mittels einer Teleportvorrichtung kann der Avatar seinen Heimatplaneten verlassen, und zu einem anderen reisen, sprich, auf den Server eines anderen Anbieters zugreifen. Ähnlich, wie wenn wir per Link von einer Webseite auf eine andere springen.
Sobald der Avatar auf dem anderen Planeten gelandet ist, kann er sich genauso verhalten, wie auf seinem Heimatplaneten. Reden, Bauen, Kaufen, alles ist grundsätzlich möglich, so lange es der Besitzer des Planeten zulässt.

Die Basisinfrastuktur der interstellaren Bewegung steht und funktioniert, seit der Hypergridversion 1.7., die nur noch nicht auf allen Planeten eingeführt worden ist.

Allerdings gibt es noch einige Kleinigkeiten, die künftig gemeistert werden müssen, um einen wirkliche Komfort zu bieten.
Eine große Stärke der virtuellen 3D Welten, ist die social Media-Tauglichkeit, also die Möglichkeit zu Kollaborieren und die Kommunikation.
Und genau hier hängt es noch ein Bisschen. Böse Zungen sollen behauptet haben, dass die Kernentwickler, die viele Stunden am Tag einsam vor ihrem Rechner sitzen und vor sich hin programmieren, keinen Wert auf Sozialisation legen, und dementsprechend diesen Bereich vernachlässigt haben.
So ist eine interstellare Kommunikation noch nicht möglich, weder über Chat, IM noch Voice. Auch ist die Suche von Profilen nur auf den jeweiligen Planeten beschränkt, auf dem man sich gerade aufhält.
Die Profile der Avatare, die auf dem Planeten von Virtyou zu hause sind, bekommen ihr Profil auf einem externen PHP-Server angelegt. Hält sich nun ein Avatar auf einem fremden Planeten auf, so wird von dort aus auf den PHP Server zugegriffen, das Profil importiert, und auf dem fremden Planeten verfügbar gemacht.
Ein Bisschen durch die Brust ins Auge, aber immerhin ein Workaround, der vorerst funktioniert.
Die Nachfrage nach social Media Lösungen wird sicherlich steigen, und entsprechend der Nachfrage werden Lösungen gefunden werden.

Bald gehts weiter mit den ersten Schritten…

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

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