Virtuelle Menschen und Weltsimulationen

Eigentlich wollte er nur zum Spaß per Computer ein Gespräch simulieren, doch es sollte ein Meilenstein der künstlichen Intelligenz werden. Mit ELIZA schuf Joseph Weizenbaum ein Programm, welches ziemlich schnell für Furore sorgte, ein Computerprogramm das einen Psychotherapeuten ersetzen könne, so glaubten viele. Bis zu seinem Tod hielt Weizenbaum an seiner kritischen Haltung gegenüber den ambitionierten Zielen seiner Kollegen fest. Zielen, denen wir heute näher zu sein scheinen als wie vor 45 Jahren. War ELIZA noch rein Text basiert, so können wir uns heute mit „virtuellen Menschen“ unterhalten, wie hier am Beispiel von Kinect zu sehen:

 
Längst werden virtuelle Menschen für die Simulation unterschiedlichster Anwendungen unseres Alltags herangezogen. Seit April 2011 wird beispielsweise an der TU Chemnitz das „Kompetenzzentrum Virtual Humans“ für mindestens drei Jahre gefördert.

Virtual Humans Kompetenznetzwerk

 

„Zentrale Aspekte der künftigen gemeinsamen Forschung betreffen die realitätsnahe Beschreibung des menschlichen Körpers, der Simulation seiner Bewegungen und Sinne sowie die Steuerung virtueller Menschen unter Berücksichtigung von Wahrnehmung und Emotionen“, sagt Prof. Dr. Guido Brunnett, Inhaber der Professur Graphische Datenverarbeitung und Visualisierung und Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Mechatronik. „Virtuelle Menschmodelle mit realitätsnahem visuellem Erscheinungsbild, die zudem emotionale Reaktionen vermitteln können, bieten beispielsweise ein erhebliches Potenzial für psychologische und soziologische Studien“, sagt Brunnett und nennt ein weiteres Einsatzgebiet: „In der computergestützten Chirurgie werden heute bereits erste digitale Modelle von Körperteilen zur Simulation von Operationen eingesetzt. Aufgrund des hohen Stellenwertes der Medizin in unserer Gesellschaft ist absehbar, dass zukünftig große Anstrengungen unternommen werden, um die Anatomie des Menschen möglichst vollständig digital zu erfassen. Dabei müssen auch haptische Eigenschaften einfließen.“ Das Forschungspotenzial auf dem Gebiet „Virtual Humans“ sei auf Grund der Anwendungsbreite enorm hoch.

Quelle: http://www.tu-chemnitz.de/tu/presse/aktuell/2/3557

Unter den vielen Projekten die in diesem Bereich laufen, findet sich auch der Autobauer Ford mit dem Ziel, einen virtuellen Kind Crash Test Dummie zur Vorhersage von Unfallschäden bei Kindern zu entwickeln:

Ford begins one of the world’s first research projects to build a digital human model of a child with more lifelike re-creations of the skeletal structure, internal organs and brain – to enhance future safety research. Ford researchers are building the model from child MRIs to better understand how crash forces affect children and adults differently. Current adult digital models took more than a decade to create and are painstakingly detailed. Researchers started the project after monitoring and studying injury trends for children who generally are more vulnerable in crashes.

Quelle: http://www.autoblog.com

Wenn nun durch Computersimulation beispielsweise die Bewegungsabläufe eines Sportlers analysiert werden, und aus den Ergebnissen ein optimiertes Trainingskonzept entwickelt wird, dann ist das doch eine feine Sache. Auch die Simulation von Massenpaniken in Stadien zur Verbesserung von Fluchtwegen und Katastrophenplänen erscheint wohl den meisten Menschen sinnvoll. Auf die immer genauer werdenden Wetterberichte, die aus immer komplexeren Rechenmodellen generiert werden, möchten viele heute genauso nicht mehr verzichten. Und obwohl die angeführten Bemühungen noch relativ weit weg von der „Realität“ sind, gibt es weit ambitioniertere Projekte.

Mit einer Weltsimulation will das Projekt FuturICT die ganze Welt berechnen. Das Vorhaben „ist eines von sechs Forschungsprojekten, das sich Hoffnungen machen kann, nächstes Jahr von der Europäischen Kommission als «Flagship Initiative» im Bereich «Future and Emerging Technologies» ausgewählt und während zehn Jahren mit Hunderten von Millionen Euro unterstützt zu werden.“

In dem oben schon anzitierten Artikel der NZZ, wird bezeichnenderweise der Zusammenhang zu Stafford Beers Cybersyn erläutert:

Beers chilenischer Partner beim Aufbau von Cybersyn, der Ingenieur und Wirtschaftspolitiker Fernando Flores, konnte nach drei Jahren im Gefängnis in die USA ausreisen. Anstatt mit Hilfe von Computern die Welt zu erfassen, bemühte er sich hier darum, die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Computerwissenschaft zu verstehen. Expertensysteme und künstlich intelligente Software repräsentierten weniger die Welt als vielmehr die Weltanschauungen ihrer Programmierer, schreibt Flores zusammen mit Terry Winograd in «Understanding Computers and Cognition» (1986). Trotz vielen zukunftsweisenden Ideen ging Cybersyn völlig vergessen. Als der amerikanische Computerwissenschafter David Gelernter mit «Mirror Worlds» (1991) eine computerbasierte Spiegelwelt, eine Weltsimulation, skizzierte, die dem «Living Earth Simulator» stark ähnelt, erwähnte er Cybersyn mit keinem Wort.

Quelle: http://www.nzz.ch/nachrichten/hintergrund/wissenschaft/eine_art_welterklaerungsmaschine_1.10775387.html

In diesem Vortrag erklkärt Prof. Helbing das Projekt:

An den Schülerwettbewerben der Ecopolicy nehmen immer mehr Schulen teil. Hierbei handelt es sich um eine relativ simple Gesellschaftssimulation. Das Interesse an vernetztem Denken scheint zu zunehmen.

Weizenbaum mahnte gerne die Visionäre und Wissenschaftsgläubigen, nicht zu hohe Erwartungen an die technologischen Errungenschaften zu stellen. Und er gebrauchte auch klare Worte hierbei – „Ihr seid blöde“. Nun, vermutlich ist das alles nur ein ergebnisoffenes Treiben was in der Natur des Menschen liegt.

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