Pia Piaggio entdeckt Warhol

University of Delaware in Second Life

Ein weiteres Mal entführt Pia Piaggios Streifzug auf die Sim einer amerikanischen Universität. Im Jahr 2011 gehört die Entdeckung und Auseinandersetzung mit virtuellen Welten schlichtweg zum Angebotskanon einer modernen, zukunftsorientierten Uni – jedenfalls in den USA. In Second Life™ Aktivitäten und Projekte zu realisieren, scheint für die dortigen Akademikerschmieden genauso selbstverständlich zu sein, wie eine Mensa. Dabei geht es weniger darum, dort Lehrveranstaltungen abzuhalten, als um eine Präsenz als solche. Die Möglichkeiten, eine virtuelle Dependance mit akademischen Inhalten zu füllen, sind nahezu unbegrenzt. Ob es sich nun um Ausstellungen einzelner Fachrichtungen handelt, oder die Realisierung von Forschungsprojekten und Simulationen, oder auch schlichtweg nur um die Präsentation des Studienangebots – alles ist möglich und macht Sinn.

Andy Warhol in Second Life

In der Kunstgalerie der University of Delaware (UDEL) zum Beispiel sind seit März dieses Jahres Fotos von Andy Warhol ausgestellt. „Wie kommen die denn an solche guten Stücke?“, wundert sich Pia. Die gab es seinerzeit geschenkt. „Von Andy höchstpersönlich?“, hakt sie nach. Das nun nicht. Aber von der Andy Warhol Foundation for the Visual Arts. Diese Stiftung verschenkte anlässlich ihres zwanzigjährigen Bestehens 2007 Fotos des Künstlers an verschiedene Hochschulen in den USA. Die UDEL war eine der glücklichen Beschenkten; 100 Fotografien gingen in ihren Bestand über.

Fotoausstellung

So kommt es, dass Pia und ich uns der Warholschen Fotokunst nähern können – generell ein Umstand, der seine Faszination auf mich einfach nicht verliert. Dank der virtuellen Welten ist für mich ein nachmittäglicher Galeriebummel von meinem abgelegenen Olivenhain aus ein völlig normales Programm. „Jetzt bin ich mal gespannt, was die Ausstellung Behind the Camera zu bieten hat“, meint Pia und tippelt munter los.

Heather Watts

Anzuschauen ist beispielsweise das Foto der Prima-Ballerina Heather Watts, die zwanzig Jahre im New York Ballet tanzte. Warhol war von ihrer Schönheit begeistert und auch sie erwischte er mit seiner Kamera beim Telefonieren. „Wieso auch?“, will Pia wissen. Na ja, weil telefonierende Menschen eines seiner Lieblingsmotive war. „Vielleicht wollte er die spezielle Mimik bei einer verdrahteten Kommunikation erforschen“, mutmaßt sie und schlendert weiter.

New York

„Dieses Foto hier sagt mir so rein gar nichts“, mault Pia in Betrachtung des Bildes Union Square (View from Broadway 860). Durch Anklicken öffnet sich – wie bei allen Exponaten – eine Notecard mit sorgfältig zusammengestellten Hintergrundinformationen. Von seinem Atelier aus hatte Warhol den Blick auf diesen Platz der Einigkeit in New York. Er schoss etliche Fotos davon, meist verbrauchte er damit die verbleibenden Aufnahmen am Ende einer Filmrolle. Insofern haben diese Schnappschüsse wohl eher einen seriellen Aussagewert statt den des einzelnen Bildes. „Ach so“, sagt Pia und sieht das Bild plötzlich mit anderen Augen. „An dem Tag war es wohl kalt und regnerisch; wenige Menschen unterwegs, dafür überall Autos. Muss Herbst oder Winter gewesen sein, denn die armen Bäume stecken völlig kahl in der Erde.“ Ja, es war im Februar irgendwann in den späten siebziger Jahren. Pia zu erklären, dass Bäume im RL nicht in der Erde stecken, sondern daraus erwachsen, spare ich mir.

Moderne Madonna von Andy Warhol

Außer den Schwarz-Weiß-Abzügen sind auch eine Reihe Polaroids ausgestellt. Natürlich hat es Andy Warhol damals völlig fasziniert, eine Technik in die Finger zu bekommen, mit der er nahezu sofort das geschossene Foto in der Hand hält. Mit der Reihe Modern Madonnas, aus der das Bild im Vordergrund stammt, wollte er Anfang der achtziger Jahre stillende Mütter ins richtige Bild rücken. Allerdings gab er das Projekt recht schnell auf, da ihn die Mutter-Kind-Situation im Fotostudio völlig überforderte. „Hatte er selbst keine Kinder?“, fragt Pia. Nein, soweit ich weiß, hatte er noch nichtmals eine Frau.

Frauenporträts

„Obwohl Frauen ja wohl eine höchst wichtige Rolle in seinem Leben gespielt haben“, bemerkt sie. Klar, sein ganzes Dasein änderte sich mit dem Attentat, das Valerie Solanas 1968 auf ihn verübte. Keine nette Sache war das.

Tief einantmen

Da war der Abend mit Victor Hugo sicher netter. „Auf dem Foto sieht der alte Romantiker aber noch ganz schön knackig aus“, frohlockt Pia. Dabei handelt es sich hier um einen Venezolaner, der es vom Schaufensterdekorateur zum Designerpartner von Halston gebracht hatte. „Aber sag mal, was hat er denn mit seiner Nase?“, wundert sie sich und tritt näher an das Foto heran. Nun, das ist eine Art Krankheit der High Society. Die nehmen halt immer die Nase sehr voll, damit das Leben auch so richtig Fun macht. Auch so ein Aspekt an Menschen, der Warhol immer wieder beschäftigte.

Erotische Mannsbilder

„Und ich vermute, auch Männer an sich haben es ihm angetan“, äußert Pia vorsichtig. Das stimmt. Eine Reihe von Fotos tragen den Titel Unidentified Man. „Durchaus ziemlich erotische Kandidaten hat er sich da ausgeguckt“, schwärmt Pia mit einer Art lüsternem Blick. Genau, seine Models entdeckte er oft zufällig und wählte sie nach ihrer körperlichen Schönheit und stilvollen Kleidung aus.

Pia Piaggio entdeckt Warhol

Nichtsdestotrotz hatte er jedoch auch eine klare Vorstellung von weiblicher Erotik. Besonders angetan hat es ihm Debra Arman, die mit dem Sohn jenes großen französischen Künstlers verheiratet war. „Sind sie nicht auch sehr enge Freunde von Keith Haring gewesen?“, wirft Pia ein. Einen Moment lang muss ich mich wundern, wie die Pia so kundig sein kann. Aber klar, das hat sie natürlich der Notecard entnommen. Sie zwinkert mir zu und verkündet: „Ein echt cooler Streifzug war das. Mal einen Einblick ins Leben und Werken des Andy Warhol zu bekommen, hat dank dieser tollen Ausstellungsinformationen voll Spaß gemacht.“

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