Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Im Mai 2008 eröffnete die Bayerische Staatsbibliothek eine virtuelle Replik in Second Life™. Anlässlich des 450-jährigen Jubiläums dieses altehrwürdigen Büchertempels wagte man damals den innovativen Schritt ins Web 3D. Man wollte sich damit „….den Herausforderungen der nächsten Stufe der Internetentwicklung frühzeitig und experimentell…..“ stellen. Heute will Pia Piaggio einen Streifzug auf die Insel der Information unternehmen und mal schauen, wie es um dieses Experiment steht.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

„Oh weia, da jagst du mich aber auf schlüpfriges Parkett“, beschwert sie sich scharfsichtig. Denn immerhin steckt hinter der Umsetzung eine etablierte Agentur für Second Life Pojekte, deren Leistung so eine Pia nicht einfach die gelbe Karte zeigen kann. Mal ganz abgesehen von dem Renommee, das die BSB ehedem auszeichnet. Es ist also Vorsicht angesagt bei diesem Bummel durch das herrschaftliche Gebäude, in dem fast 10 Millionen wertvolle Dokumente aus allen Jahrhunderten beherbergt sind.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Die Teleportwand auf dem Vorplatz bietet neun Ziele an, die für den Besucher von Interesse sein könnten. Den kleinen Programmierungsfehler will ich hier mal nicht weiter erwähnen – zu seinem Ziel gelangt man mit etwas Fantasie allemal. Es ist Donnerstagnachmittag und eigentlich soll jetzt eine Führung durch das Gebäude stattfinden. Die ganze Insel ist jedoch avatarleer. „Tja, dieser Zapatero hat wohl im Moment Wichtigeres zu tun“, mutmaßt Pia und verwechselt vielleicht den Simon Zapatero, der diese Führungen unternimmt, mit einem ganz anderen. Oder auch nicht – jedenfalls muss sich die Pia alleine auf ihre Erkundungstour begeben.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Einen ersten Hinweis auf die Aktualität dieser Sim findet sie bereits auf dem Weg zum Eingangsportal. Erst vergangene Woche fand ein Vortrag zur Geschichte der BSB statt. „Hier scheint wirklich noch Leben drin zu stecken“, schlussfolgert Pia, und ich wünschte sie hätte dieses noch doch weggelassen. Aber gut.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Gleich gegenüber von diesem Schild steht allerdings so eine Art Notrufsäule der legendären Shakespeare-Company, die zu Spenden auffordert. Pia macht ein entsetztes Gesicht und murmelt: „Entweder geht denen tatsächlich das Geld aus oder die sind einfach zu gierig.“ Weder will ich mich dahin gehend festlegen noch die Frage stellen, was diese Säule hier soll und schon gar nicht so etwas wie ein Omen hinaufbeschwören. Stattdessen drücke ich heftig die Cursortaste und jage die Pia direkt auf den Eingang der Staatsbibliothek zu.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Das imposante Treppenhaus bietet reichlich Platz für hinauf- und hinabeilende Bücherwürmer samt unter den Arm geklemmter Lektürestapel. Jedoch scheinen sich diese ganz offensichtlich lieber auf der realen Treppe in München zu tummeln als hier in der virtuellen Welt. Pias Schritte hallen einsam von den überhohen Wänden zurück, das Klacken ihrer Pumps auf dem Marmorboden verliert sich in einem vielfachen Echo, das ungebrochen in jeden Winkel des Gebäudes vordringt.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Gleich links geht es ins Info Center, wo die BSB ihre Onlinedienste vorstellt. Eine kostenlose Infobroschüre in Form einer umfangreichen Notecard steht bereit.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Die Aufsteller erklären den jeweiligen Service unter Angabe einer Webadresse. Die Terminals sind mit der jeweiligen Adresse verlinkt und öffnen bei Anklicken ein entsprechendes Fenster im Browser. „Hmmmmm, wieso bedienen die sich denn nicht Shared-Media?“, wundert sich Pia. Eine durchaus berechtigte Überlegung. Aber klar, das hätte gewisse Nacharbeiten bedeutet, die selbstverständlich ein gewisses Geld kosten und daher ein gewisses Budget brauchen, das über die reine Anfangsinvestition gewissermaßen hinausgeht. Und, was dies angeht, tun sich deutsche Einrichtungen im Gegensatz zu amerikanischen ein wenig schwer, wie ich mit Pia schon mehrfach feststellen konnte. Vielleicht ist dies auch hier der Fall.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Die Online-Angebote der BSB sind vielfältig und ermöglichen weltweit den Zugang auf zahlreiche Publikationen. Pia studiert interessiert die Schautafeln und meint dann: „Also ich würde ja gern mal erfahren, wie diese Dienste genau funktionieren. So eine Schritt-für-Schritt-Anleitung hätte in diesem Raum ja ebenfalls Platz. Dann würden die grauen Wände auch nicht so düster abstrahlen.“ Gute Idee. Im Übrigen wäre dies eine zusätzliche Informationsquelle, die über den reinen Verweis auf den Inhalt der Website hinausginge.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Im ersten Stock befindet sich jene Ausstellung, mit der diese virtuelle Repräsentanz seinerzeit eröffnet wurde. Sie zeigt die wichtigsten Entwicklungsschritte der Bayerischen Staatsbibliothek von 450 Jahren auf. Pia schaut sich die Plakate an und bekommt einen guten Eindruck davon, in welch geschichtsträchtigen Räumlichkeiten sie sich gerade befindet.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

In einem anderen Saal sind überdimensionale Folianten aufgebaut, bei denen es sich um antike Raritäten handelt.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Besonders angetan hat es Pia das Hofkleiderbuch. Jedes Outfit ist darin durch eine Abbildung und genaue Beschreibung verewigt. „Ein tolles Buch!“, schwärmt sie. „Man könnte sicher eine Menge Publikum anlocken, wenn in regelmäßigen Abständen weitere dieser wertvollen Bücher präsentiert würden“, spekuliert sie. Klar, ein kontinuierliches und wechselndes Angebot ist nun mal die Voraussetzung für eine betriebsame Sim.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Beim Blick aus dem Fenster in den Innenhof entdeckt Pia ein Open-Air-Auditorium, wo rund siebzig Plätze für interessierte Zuhörer bereitstehen. Am 25. Oktober findet der nächste Vortrag statt, bei dem Dr. Christian Strohmaier über mobile Services und Innovationen der BSB referieren wird.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Im modernen Anbau befindet sich das eigentliche Herzstück einer jeden Bibliothek: die Büchersammlung.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Dort sind etliche Ein-Prim-Regale aufgestellt, die zumindest den Eindruck von einem reichen Fundus an Büchern vermitteln. Pia ist jedoch sehr enttäuscht, dass sie damit so rein gar nichts anfangen kann. „Also hier müsste wirklich ein Büchertisch her, auf dem ausgewählte Neuzugänge als virtuelle Ausgaben zugänglich wären“, ereifert sie sich. Hätte man dies von Anfang an umgesetzt, wäre im Laufe der vergangenen dreieinhalb Jahre schon ein ganzes Regal voller lesbarer virtueller Bücher zustande gekommen.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Immerhin liefert das Script beim Hinsetzen an einen der Lesetische ein Buch gleich mit, sodass Pia dann doch noch ein wenig schmökern kann.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Allerdings hapert es ein wenig an ihren Kenntnissen der altdeutschen Schrift und dem rezeptiven Verständnis der gesammelten Einzeiler. Bibliothekarisch recht unkorrekt bekommt sie keinen Hinweis auf die Quelle dieser Niederschrift.


Pia Piaggio in der Bayerischen Staatsbibliothek

Nun ja, immerhin verraten ihre Haltung und der Gesichtsausdruck, dass sie stets bemüht ist, das Wesen dieser Publikation zu verstehen. Auf meine Frage, wie ihr denn die virtuelle BSB gefällt, bekomme ich keine Antwort, so versunken ist sie in ihrer Lektüre. Also muss ich selbst eine Art Resümee aus diesem Streifzug in die Welt der Bücher ziehen: Eine solide Basis, die mit wenig Aufwand Lockstoffe herstellen könnte, welche für eine gewisse Betriebsamkeit in diesen heiligen Räumen sorgen könnten. Genauso wie im Web 2.0 kann man auf einer Sim eben nur dann Traffic schaffen, wenn die Inhalte dynamisch ausgestaltet sind. Ansonsten landet ein solches Projekt im Hamsterrad, das sich kontinuierlich dreht: wenige Besucher – weil wenig Content – weil wenige Besucher – weil wenig Content………..

Landmarke Bayerische Staatsbibliothek

Website Bayerische Staatsbibliothek

Kommentare

  1. Hallo Stephanie,

    Erst kürzlich berichtete ja auch Christian Henner-Fehr über das einst so sehr ambitionierte Projekt. In diesem Zusammenhang stelle ich mir zwei Fragen. (a) Was ist die Aufgabe einer Staatsbibliothek und (b) wie kann sich Kunst selbst den neuen Möglichkeiten des 3D-Internets stellen. Ich sehe hier eine problematische Vielschichtgkeit. Bedauerlicherweise haben die Wenigsten wirklich verstanden, dass uns das 3D-Internet nach dem Web 2.0 – dem MitmachWeb – durch die Immersion das Erlebnis-Internet ermöglicht. Bzgl. des Time-To-Market-Aspektes ist Second Life wohlmöglich 10 Jahre zu früh. Derzeit befinden wir uns bzgl. des dreidimensionalen 3D-Erlebnis-Internets auf dem Niveau, als das WWW als Dienst des Internets entdeckt wurde: Die Firmen kopierten ihre Print-Flyer 1:1 in das Web! So auch die Second-Life-Auftritte, wie die der BSB als innovativer Vorreiter. Was könnte man im nächsten Schritt anders machen? Nun, wie wäre es, wenn Du mit deinem Avatar nicht nur das Hofkleiderbuch betrachten könntest, sondern die Kleider mit deinem Avatar ausprobieren könntest??? Das allerdings kostet Geld für die konkrete Umsetzung und wie Du ja bereits angesprochen hast, ist dies ein ewiges Thema, wenn Du den Mehrwert, meist durch eine Zielgruppenreichweite, verargumentieren musst !!! Zudem müssen wir sehen, dass die Funktion einer Stattsbibliothek im klassischen Sinne nicht weit über die Erhaltung, Archivierung und Dokmentation von Kunst & Kultur hinaus geht. Mit der Konfrontation eines solch innovativen Mediums ist so eine Staatsbibliothek schlichtweg gefangen in einem Anti-Kreativitäts-Gefängnis und damit hoffnungslos überfordert !!!

    Nun komme ich zum zweiten, größeren Problem. Kunst hat u.a. die Aufgabe, durch schöpferische Kreativität aus den bisherigen Rahmen und Normen auszubrechen, um zu provozieren, um zu polarisieren, um Neues zu schaffen und um zu zeigen, was sonst noch so geht! Daraus kann dann Kulturwandel entstehen! Nun hat die Kunst die gegenwärtige Herausforderung, sich neu im Rahmen der neuen Medien erfinden zu müssen. Das Durchbrechen der alten Muster, das Überschreiten der alten Grenzen geschah bisher im konkreten, anfassbaren, physischen Raum. Meist körperlich, materiell. Die Muster und Grenzen im virtuellen Raum sind, im Vergleich zu den physischen Grenzen und Muster teilweise so anders, das wir erst einmal lernen müssen, überhaupt bis zu diesen neuen Mustern und Grenzen vorzudringen, bevor wir diese zu überschreiten wagen!!!

    Und solange ein großer Teil der Gesellschaft dies nicht sehen und wagen kann, solange sind diese Welten nur einigen Wenigen zugänglich ….

  2. Stephanie Posselt says:

    Hallo Andreas,

    ich hatte ja darauf hingewiesen, dass viele amerikanische Bildungseinrichtungen dem SL eine sehr viel ernsthaftere Bedeutung einräumen. Dort wird tatsächlich experimentiert und an spannenden Projekten gearbeitet. Dafür steht sowohl ein Budget als auch ein Team bereit, und zwar ein Team aus den eigenen Leuten.
    Im Falle der BSB hiesse das, einen eigenen Mitarbeiter für den Bereich virtuelle Welten einzusetzen, der konsequent an dem Projekt weiterarbeitet. Eine Agentur kann zwar die professionelle Basis entwickeln, die einzelnen Events oder die Fortentwicklung des spezifischen Contents sehe ich jedoch in Händen eines internen Mitarbeiters besser aufgehoben. Dadurch könnten zielgenaue Ideen entwickelt werden, die mit der Arbeit der BSB in direktem Zusammenhang stehen und quasi zeitgleich umgesetzt werden könnten.
    Dein Link auf den Artikel von Christian zeigt eine gänzlich inkonsequente Haltung zu SL-Projekten auf: Sie werden mit hohem finanziellen Aufwand bereit gestellt, dann jedoch nicht weiter verfolgt. Somit versanden die Anfangsinvestitionen. Dabei wären die Folgekosten ja vergleichsweise total gering!
    Dein Vergleich mit den Anfängen des www ist völlig korrekt. Heutzutage weiss jede Institution, dass eine Website nicht nur eingerichtet, sondern auch ständig betreut werden muss. Das Gleiche gilt natürlich für Repräsentanzen in virtuellen Welten. Dabei es ist zweifellos frustrierend, wenn zunächst um jeden Besucher gekämpft werden muss. Aber SL ist nun mal kein Spiel – es ist eine Plattform für ernst gemeinte, zukunftsweisende Projekte besonders im Bereich der Bildung und Kunst. Daran muss man eben arbeiten, geschenkt bekommt man da ebenso wenig, wie im RL.

  3. Guten Tag.
    Recht habt ihr. In gewisser Weise eine tolle Sache- aber noch durchaus ergänzbar und ausbaufähig.
    Gern würde ich auch ehrenamtlich meine Unterstützung anbieten.
    Neuerdings darf ich mich ja z.B. auch den „Martin Luther des SL“ nennen …!
    :-)))
    Nein, das nicht, natürlich.
    Aber immerhin versuche ich als einzelne Privatperson ja auch mein Bestes die „Idee Bücher“ in der VR / in SL hochzuhalten und suche immer neue Wege:
    http://www.youtube.com/watch?v=YzIcLpLtgmE
    Und auch -natürlich wie immer full perm und kostenfrei- im marketplace:
    https://marketplace.secondlife.com/p/Die-BIBEL-ATNT-plus-NC-Text/2782946
    Doch dies nur als Beispiel.
    Gern würde ich alles zur Verfügung stellen, was man brauchen kann und auch aktiv mithelfen.
    MfG
    BTB

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