Rezension: Mein Avatar und ich – Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft.

Mein Avatar und ich

Im Rahmen der erweiterten Dokumentation zu den „14. Buckower Mediengesprächen 2010“ ist der Herausgeberband „Mein Avatar und ich – Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft“ von Klaus-Dieter Felsmann erschienen.

Passend zur aktuellen Karnevalszeit lauten die einführenden Worte des Herausgebers:

„Es ist Karneval! Für wenige Tage gibt es dabei die Möglichkeit, dass man verborgen hinter einer Maske ein Anderer sein kann, als es ansonsten durch die Alltagsgegebenheiten über längere Lebensphasen hinweg festgelegt ist. Der Mensch agiert partiell in der Identität eines Stellvertreters, eines Avatars, und macht dabei entsprechende soziale Erfahrungen.“

Die modernen Medien gestatten uns nun, über die fünfte Jahreszeit hinaus in andere Rollen zu schlüpfen. Dabei ist es ganz gleich, ob wir von einem lustigen Twitteraccount, unserer Schokoladenseite auf einer Singlebörse, dem „wahren Ich“ auf Facebook oder unserem 3D Avatar in Second Life reden. Mit Hilfe des Internets können wir uns für jede Gelegenheit neu erfinden, in verschiedene Rollen eintauchen oder einfach nur das ausleben, was im alltag der physischen Welt nicht möglich ist.

Diese Möglichkeiten eröffnen nicht nur neue Wege in der Bildung oder der Therapie, sondern sie werfen auch Fragen bezüglich der Veränderungen emotionaler und sozialer Prozesse auf, die mit dem Konsum neuer Medien einhergehen. Auf diese Weise wird im Buch nun auch das Fernsehen einbezogen, das mit immer neuen Formaten versucht, den Betrachter in das Geschehen zu involvieren. Was geht in uns vor, wenn wir uns „Das Dschungelcamp“ ansehen, und mit unserem Anruf dazu beitragen, dass ein „Star“ gehen muss/darf? Sind wir in diesem Fall aktive Weltveränderer und Mitgestalter, oder an der Nase herumgeführte Konsumenten der Verdummungsindustrie?

Insgesamt 17 Autoren haben zu dem Buch beigetragen, dass sich auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau bewegt, und nur bedingt als Gute-Nachtlektüre für die breite Bevölkerung geeignet ist.

Dem Wissenschaftler, der sich im Dunstkreis der neuen Medien bewegt, kann das Buch mit seinen unterschiedlichen, aus verschiedenen Bereichen kommenden Autoren, neue Ansichten und Denkweisen ermöglichen, ebenso dem ambitionierten Leser der Bereiche Psychologie, Sozologie und Medienkompetenz.
Und ganz nebenbei spricht es jetzt schon eine Problematik an, die ihrer Zeit noch weit voraus ist, nämlich wie unser zukünftiges Leben von einem künstlich geschaffenen Bewusstsein bestimmt wird.

Im ersten Teil des Buches, „Vom Wesen der Avatare“, wird nicht nur das Thema künstliche Intelligenz angesprochen, „Affektive Agenten, Avatare, Apparate – Emotionale Empathie als Voraussetzung für überzeugende Charaktere künstlicher Subjekte“ (Günther Schatter). Darüber hinaus werden auch Fragen zum Ident in virtuellen Welten „Kreationen, Performationen und (Re-) Konstruktionen des Selbst in digitalen Spielewelten“ (Dagmar Hoffmann), sowie aktuelle Themen wie „Die Verteidigung der Individualität im Zeitalter des Internet“ (Alexander Grau) behandelt.

Im zweiten Teil „Vom Umgang mit Avataren“ geht es unter anderem um die konkrete Medienbildung „»Erkenne Dich Selbst» oder Worum es bei der Medienbildung gehen sollte“ (Klaus-Dieter Felsmann) oder „Selbstpräsentation – Bildung und semiotische Ressourcen in der Mediengesellschaft“ (Ben Bahmair).

Das Buch, dass für 12,80 €uro zu erwerben ist, liefert zum kleinen Preis sehr tiefe Einblicke aus verschiedenen Perspektiven in die Medien-Mensch Problematik. Es erklärt Grundprinzipien aus der Lernpsychologie, der Wahrnehmung und der Soziologie im Zusammenhang mit neuen Medien und liefert Anstöße, wie wir der zunehmenden Medienpräsenz künftig begegnen können. Eine praktikable Lösung für die Zukunft ist, auf Grund der hohen Komplexität der Thematik, trotz aller Diskussion verständlicherweise nicht entstanden.

Ich jedenfalls wünsche viel Spass beim Über-den-Tellerrand-gucken, und vielleicht auch beim Lesen der nächsten Ausgabe, die im April 2012 im Kopaed Verlag München erscheinen wird….

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

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