Rezension: Gewaltphantasien Zwischen Welten und Wirklichkeiten

Auf den Herausgeberband von Frank Robertz bin ich im Rahmen der Diskussion um virtuelle Leichenschänder in unserem Blog aufmerksam gemacht worden.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, deren erster Teil sich mit den „Grundlagen der Entwicklung und Ausgestaltung von Gewaltphantasien“ beschäftigt. In diesem Teil geht es hauptsächlich darum, dass Gewaltphantasien bei Kindern völlig normal und unbedenklich, eher sogar entwicklungsfördernd zu bewerten sind, da sie als Ventilfunktion die vom Kind subjektiv empfundene, eigene Hilflosigkeit erträglich machen. Die Gedanken des Autoren Gerald Jörns gehen hier wesentlich weiter, als nur bis zu dem Punkt „Der Amokläufer hat Egoshooter gespielt“, an dem die Autoren der Verbotsgesellschaft gerne aufhören.

Im zweiten Teil, „Spezifische Aspekte im Kontext von Gewaltphantasien“, gibt es eine Reise in das Bewusstsein von Gewalttätern, wie sie ihre Welt, ihre Opfer, und auch sich selbst sehen. Dabei sind die Texte so detailliert, dass es mich wundert, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, dem Buch eine Altersfreigabe aufzuerlegen ;-)

Im dritten Teil geht es um den „Umgang mit Gewaltphantasien in verschiedenen Umgebungen“. Dabei wird sowohl der Amoklauf in der Schule, als auch der am Arbeitsplatz thematisiert. Auch hier werden wieder verschiedene Fälle beschrieben, die, sobald man die Hintergründe der Täter kennt, durchaus nachvollziehbar werden können.

Zum Abschluss wird die Frage aufgeworfen, ob Gewalttätige Straftäter therapiert oder für immer weggeschlossen werden sollten. An dieser Stelle möchte ich diesbezüglich keine Meinung vorwegnehmen. Wer sich von dem Thema angesprochen fühlt, sollte das Buch selber lesen, alle anderen können in ihrer Phantasiewelt weiter diskutieren ;-)

Grundsätzlich kann ich das Buch wärmstens empfehlen. Der erste Teil eignet sich dabei am ehesten für Eltern von Kindern zwischen 3 und 17 Jahren, da es hier wertvolle Informationen über kindliche Verhaltensweisen gibt, die dem ein oder anderen, pazifistischen Elternteil vielleicht schlaflose Nächte bereiten.

Der zweite Teil widmet sich tendenziell der Problematik, die entsteht, wenn konkrete Einflüsse aus der physischen Welt in die Phantasiewelt einfließen, und so eine „Brücke“ bilden, dass die imaginären Handlungen der Phantasie plötzlich im physischen Raum ausgelebt werden können. Dies ist wohl der spannendste Teil für all jene, die sich mit der Ego-Shooter – Amokläufer problematik auseinander setzen wollen.

Der dritte Teil ist für Eltern und Lehrer ratsam, denn er informiert über die Bestrebungen in der Schweiz, mit einem ausgeklügelten, sozialen Frühwarnsystem Amokrisiken von Schülern zu erkennen und frühzeitig, präventiv zu reagieren. Auch hier gibt es wieder sehr interessante Einblicke in die Täterköpfe.

Ebenso wird auch die zunehmende Workplace Violence beschrieben, sowie Maßnahmen vorgeschlagen, die Arbeitgeber ergreifen können, um Gewalt und Sabotage im Unternehmen zu verringern.

Das Buch ist, abgesehen von den inhaltlichen Unannehmlichkeiten, leicht und angenehm zu lesen, und gibt dem Leser ein teilweise völlig neues Bild von dem, was wir in den aggressiven Handlungen unserer Kinder und Kollegen sehen glauben. Es gibt die Möglichkeit, sich ein realistischeres Bild über sein eigenes Gefühlsleben, die Einschätzung von Amokgefahren und deren Hintergründe zu machen.

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Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

Kommentare

  1. twuertz says:

    Der Artikel der Rhein-Neckar-Zeitung passt da gut dazu.

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