Der digitale Imperativ

Im Herausgeberband „15. Buckower Mediengespräche“ von Klaus-Dieter Felsmann habe ich nun den Begriff des „digitalen Imperativ“ gefunden.
Ralf Lankau, der den Begriff ins Rennen schickt, beschreibt ihn als einen Nachfolger des Googleschen Imperativs

„Wenn Du nicht willst, dass etwas über Dich im Netz steht, solltest Du es nicht tun!“

Es geht also nicht um Grammatik, sondern um Verhaltensaufforderungen, die einer neuen Technologie implizit innewohnen. Der digitale Imperativ nach Lankau fordert nun folgendes:

„Wenn Du nicht willst, dass etwas über Dich im Netz steht, dann solltest Du Dich nicht mehr im öffentlichen Raum bewegen. Irgendjemand zeichnet immer (alles) auf!“

Dieser Irgendjemand reicht dabei von Freunden, die Partybilder auf Facebook hochladen, und die Personen verlinken, bis hin zu Überwachungskameras, die die Aufnahmen zu diesem Werbevideo eines Brauseherstellers lieferten.



Das, was aus dieser kontinuierlichen Dokumentation entstehen kann, ist eine Reduktion der Person auf Verhaltensmuster. Dabei sind Apps wie Foursquare und Spotify sehr hilfreich, unsere Verhaltensmuster aus der physischen Welt zu protokollieren, unsere Posts in Facebook, die Googlemails und unsere Tweets lassen Rückschlüsse auf unsere Interessensgebiete sowohl im physischen, als auch im virtuellen Raum zu.

Doch was sind nun die Risiken einer solchen umfangreichen Dokumentation?

Ich denke, die Angst, auf einer Party in einer peinlichen Situation fotografiert zu werden, sollte mit zunehmendem Alter abnehmen.
Was aber bleibt, ist der nagende Zweifel, was genau andere Menschen über uns wissen können. Das Gefühl der Ungleichheit, dass Google alles über mich weiß, aber ich nichts über Google. Und die Gewissheit, dass die Besitzer von Informationen die Daten an jene verkaufen, die dann systematisch nach meinen Schwächen suchen, um diese auszunutzen.



Personalisierte Werbung wird auf meine Bedürfnisse zugeschnitten. Ich brauche keine Informationen mehr suchen, sie kommen einfach zu mir. Ich bekomme selektierte Informationen, die meine Ängste schüren sollen, um mir dann die passenden Lösungen verkaufen zu können.
Eine Reizüberflutung von Wahnsinn bei gleichzeitigem größtmöglichem Komfort, der unsere Hirne weiter degenerieren lässt. Ein Wechselbad zwischen tiefer Angst und träger Faulheit, das jegliche individuelle Kreativität im Keim ertränkt.

Kurz gesagt, ist es die Angst, keine Wirkung, also keine „Macht“ mehr zu haben, und hilflos dem Unbill machthungriger Menschen ausgeliefert zu sein.

Dieses Gefühl der Ohnmacht ist ein Gefühl, dass wir noch sehr gut aus unserer Kindheit kennen. Wir waren damals zu ungeschickt, um die Schnürsenkel zu zumachen, zu schwach, um eine Tür zu öffnen, zu unerfahren, unsere Interessen gegen den Willen der Erwachsenen durchzusetzen, einfach hilflos und abhängig.

Doch wie können wir denn jetzt einer drohenden neuen Ohnmacht und Hilflosigkeit vorbeugen?

Das Düngemittel, das Facebook, Google und co. groß macht, sind unsere Daten. Somit können wir ihnen die Grundlage ihrer Macht entziehen, indem wir sehr vorsichtig mit unseren Daten umgehen. Indem wir darauf achten, welcher Dienst mit welchem verbunden ist, welche App was wem weitertratscht, und dem Informationsüberschuss, der uns entgegen gebracht wird, mit einer ablehnenden Grundhaltung und Misstrauen begegnen. Und nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen.

Wir könnten dafür sorgen, dass es eine unabhängige Kontrolleinrichtung für soziale Netzwerke gibt, in der Fachleute sitzen, die Zertifikate ausstellen. Dann nutzen wir nur noch zertifizierte Netzwerke, zertifizierte Mailprovider und zertifizierte Betriebssysteme.
Wir könnten den ganzen Tag damit verbringen, zu prüfen, welche Informationen über uns wo auftauchen, wie die Banneranzeige auf meine letzten Googleanfragen reagiert, und darüber hinaus können wir verschiedene Pseudonyme nutzen, um unsere verschiedenen Persönlichkeitsströmungen auseinander zu halten.

Oder, wir machen es wie Ted Kaczynski, bauen uns eine Hütte im Wald, und erklären dem System den Krieg.

Spätestens jetzt sollten wir merken, dass diese Strategie nicht funktionieren kann. Dem IT-ler brauche ich nicht erklären, dass verschiedene Pseudonyme im Netz von Google problemlos gematcht werden können, und dem Laien sei an dieser Stelle einfach gesagt:

„Du kannst die Komplexität der IT nicht verarschen! Nie! … und schon gar nicht mit dem elektronische Personalausweis…. DAS ist sicher!“

Ein Handeln, wie ich es oben beschrieben habe, ist kein freies Handeln, wie wir es uns eigentlich wünschen. Es ist angstgetrieben und macht uns zu Sklaven.

Die einzige sinnvolle Lösung sehe ich in der Anwendung des ethischen Imperatives von Heinz von Förster: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“

Dabei geht es allerdings nicht um die eigenen Wahlmöglichkeiten, sondern um die der Mitmenschen und der Gesellschaft.

Wenn jeder so handelt, dass seine Mitmenschen mehr Wahlmöglichkeiten haben, dann entsteht Freiheit, dann haben wir plötzlich eine Wirkung auf unsere Umwelt, wir haben „Macht“.

Einfach mal „selbstlos“ sein, Freiheiten schaffen und dabei Spaß haben. Und auf diese Weise doch wieder etwas für sich selbst tun.
Gerade Internet bietet nun die Möglichkeit, sich über solche Tätigkeiten zu informieren, sie zu planen, umzusetzen und so Wirkung zu zeigen.
Das „Guerillia Gardening“ könnte so etwas sein. Oder ein eigenes Blog, das etwas verändert, so, wie die kleine VEG ihr Schulessen revolutionierte. Über solche Tätigkeiten können wir wieder lernen, dass Angst und Ohnmacht nur Gefühle sind, die wir selber bestimmen können.

Dann können wir auch Google & Co. gegenübertreten und sagen:

„Ja, ich will, dass Du weißt, dass ich keine Angst vor Dir habe. Und ich will, dass Du es allen weitersagst. Und ich will, dass alle wissen, dass ich die Welt verändere.“

Der digitale Imperativ bedeutet nicht, die Öffentlichkeit zu meiden, sondern dass wir durch menschliches Handeln die physische Welt positiv zu verändern können.

Über twuertz

Tobias arbeitet seit Ende 2009 für avameo bzw. für SLTalk & Partner.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*